Klimagerechte Stadtplanung umgangen: Flensburg schneidet sich die Luft ab
Flensburg braucht Wohnraum und plant ein Viertel dort, wo kühle Luft ins Zentrum strömen soll. Dem städtischen Klima-Anpassungskonzept zum Trotz.
Enge Sträßchen und verwinkelte Innenhöfe, in denen früher Zucker und Rum lagerten: Flensburg hat viel vom Charme der alten Seehandelsmetropole bewahrt. Angelegt wurde die Stadt einst, um Wind und Regen zu trotzen. Wie sie künftig heißen Tagen und Starkregen trotzen kann, beschreibt ein Klima-Anpassungskonzept. Wichtiger Teil sind mehrere Schneisen, durch die im Sommer kühle Luft in die Altstadt strömen kann. Ausgerechnet in einer dieser Schneisen soll nun ein neues Wohnviertel entstehen. Der städtische Naturschutzbeauftragte ist entsetzt, die Verwaltung spricht von einem „Kompromiss“.
Flensburg braucht Wohnraum, und der soll unter anderem im Gleisbachtal entstehen. In einem der insgesamt drei Flusstäler, die das städtische Klima-Anpassungskonzept aus dem Jahr 2023 aufzählt. „Damit die Kaltluft in Richtung des Stadtzentrums fließen kann, braucht es diese Kaltluftschneisen vom Stadtrand zum Stadtzentrum mit möglichst wenig behindernder Bebauung“, heißt es dort.
Gerade im Gleisbachtal sieht das Gutachten „großes Potential“ und warnt davor, den Luftweg zu unterbrechen. Bereits in das Konzept einbezogen ist der Bau des neuen Zentralkrankenhauses, das am Rand des Gleisbachtals entstehen soll und bereits eine Wirkung auf die Frischluftzufuhr haben wird. Das Konzept spricht sich daher für eine „multifunktionale Flächennutzung“ mit viel Grün, Fließwegen und Flutmulden aus, um sowohl für heiße Tage als auch für Starkregen gerüstet zu sein.
300 Wohnungen in der Kaltluftschneise geplant
Hinter dem „Quartier am Gleisbach“ steht der Bau- und Sanierungsträger Ihrsan, der aus dem städtischen Amt für Stadtsanierung entstanden ist. Die Stadt ist Gesellschafterin der Firma. Die Ihrsan plant, rund 300 Wohnungen zu errichten, in einem „innenstadtnahen, urbanen Wohnviertel“ mit Nähe zum Bahnhof. Inzwischen liegt ein Entwurf vor, der nun von den städtischen Gremien beraten wird. Entstehen sollen parallel zum Flüsschen mehrere leicht verschränkte mehrstöckige Wohnblocks.
Für Ralph Müller, den städtischen Naturschutzbeauftragten, ist der vorliegende Entwurf „nicht akzeptabel“. Denn die Häuser verbauten die wichtige Kaltluftschneise, auf die das Gutachten hinweise. Die Stadt habe zwar das Klima-Anpassungsgutachten in Auftrag gegeben und verabschiedet, „aber wenn es zum Schwur kommt, ist alles vergessen“, sagt Müller. Er habe im städtischen Planungsausschuss auf das Problem hingewiesen, aber der Rahmenplan sei dennoch mit Mehrheit verabschiedet worden.
Clemens Teschendorf, Stadtsprecher Flensburg
Die Stadtverwaltung verteidigt den Entwurf. Ein Fachgutachter sei beteiligt gewesen und habe die Auswirkungen auf die Kaltluftschneise untersucht. „Der Wettbewerbssieger erfüllt alle vom Gutachter vorgegebenen Zielvorgaben und kommt dem – rein klimaökologisch betrachtet – Idealfall einer Bebauung sehr nahe“, teilt Stadtsprecher Clemens Teschendorf auf taz-Anfrage mit.
Nicht ideal dagegen ist der Ort, an dem die Gebäude stehen sollen: Sie werden laut Planung so im Gleisbachtal platziert werden, dass sie möglichst weit weg vom Veranstaltungs- und Kulturzentrum „Kühlhaus“ liegen. „Der Standort resultiert aus einem Kompromiss“, so Teschendorf. Würde etwa der nordöstliche Bereich freigehalten, „müssten die Gebäude näher an das Kühlhaus heranrücken und wären dessen Lärmemissionen stärker ausgesetzt“.
Ralph Müller, Naturschutzbeauftragter der Stadt Flensburg
Für Ralph Müller ist das ein fauler Kompromiss: „Man entfernt sich immer mehr von den primären Aussagen des Konzepts, und die Natur soll mal wieder büßen.“ Er wünscht sich statt der Mantra-artig vorgetragenen Forderung nach immer mehr Neubauten einen klügeren Umgang mit dem Bestand: „Man müsste gezielt ältere Leute ansprechen, ob sie bereit wären, zu groß gewordenen Wohnraum gegen kleineren zu tauschen.“ Auch meistens leer stehende Ferien- und Zweitwohnungen nähmen in Flensburg überhand.
Die Beratungen stehen am Anfang. Es sei also noch möglich, Änderungen einzubringen, hofft Müller. Von Seiten der Stadt kommt dazu ein Jein. Zwar seien Änderungen „im Detail möglich und auch wichtig“, sagt Clemens Teschendorf. „Der grundsätzliche Charakter des Entwurfs soll jedoch nicht verändert werden.“
Oder geht doch noch etwas? Ralph Müller ruft für diesen Freitag zu einer Mahnwache am Gleisbach auf. Die Veranstaltung soll die Bevölkerung darauf hinweisen, dass in künftigen heißen Sommern weniger frische Luft in der Innenstadt ankommen könnte.
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