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KlimafolgenTrockenheit plus Überschwemmungen

Sturm „Harry“ hat mit orkanartigen Niederschlägen und Sturmfluten Nordafrika verwüstet. Jenseits der betroffenen Gebiete herrscht weiter Trockenheit.

Sturm „Harry“ hat auf Malta Gebäude in Ufernähe schwer beschädigt Foto: Darrin Zammit Lupi/reuters

Die schwersten Regenfälle seit über 70 Jahren und orkanartige Sturmböen haben am Montag in Algerien, Tunesien und Libyen schwere Schäden angerichtet. Auch auf Malta und Sizilien sorgte der seit Tagen angekündigte Sturm „Harry“ für den Stillstand des öffentlichen Lebens. Schulen blieben geschlossen, die Behörden wiesen die Bürger an, die nächsten Tage zu Hause zu bleiben. Die Wassermassen waren so immens, dass mehrere tunesische Küstenstädte von in wenigen Stunden meterhoch angestiegenen Flüssen überschwemmt wurden und Hauptstraßen meterhoch unter Wasser standen.

In den Küstenstädten Hammamet, Mahdia und Sousse berichteten Bewohner von einem flutartig angestiegenen Meeresspiegel. Wellen zerstörten Häfen, Fischerboote und Uferpromenaden. Helfer des tunesischen Zivilschutzes bargen in der Stadt Moknine 5 Tote, die Einsatzkräfte sind noch immer auf der Suche nach mehreren von der Springflut mitgerissenen Autos.

An der Küste wurde 230 Millimeter Niederschlag pro Quadratmeter gemessen, viele der für die Trinkwasserversorgung genutzten Stauseen sind erstmals seit ihrem Bau zu 100 Prozent gefüllt.

Die Räumung der Trümmer wird sowohl von weiteren Regenfällen behindert als auch von wütenden Reaktionen der Bevölkerung. Da die lokalen Behörden zwischen Bengasi und Tunis von dem Sturm offenbar völlig überfordert sind, rückten am Dienstag Armeeeinheiten aus, um umgestürzte Bäume und ins Meer gerissene Uferpromenaden abzusichern.

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Sturm „Harry“ beendet eine jahrelange Dürrephase, die im Sommer auch in Tunis zur nächtlichen Abschaltung der Wasserversorgung geführt hat. Selbst viele Olivenbauern im Süden des Landes konnten ihre Ernte nur durch den Einsatz von hochgepumptem Grundwasser retten. „Nordafrika ist ein Hotspot des Klimawandels“, sagt Mohamed Riyahi, ein Landwirt aus Sidi Bouzid. In der Kleinstadt im Südwesten Tunesiens begann vor 15 Jahren der Arabische Frühling – auch weil immer mehr Landwirte ihre Familien nicht mehr ernähren konnten. „Wir haben hier eigentlich sehr ertragreiche Böden, die früher allen ein gutes Auskommen ermöglicht haben. Doch wegen der extremen Dürreperioden, der Zerstörung der Ernte durch sturzflutartige Regenfälle und der maroden Infrastruktur ziehen immer mehr junge Menschen nach Tunis oder weiter nach Europa.“

Spätestens seit der Flutkatastrophe in der libyschen Stadt Derna werden die Folgen des Klimawandels in allen politischen Lagern des Landes als eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre angesehen. Sturm „Daniel“ hatte im September 2023 in wenigen Stunden einen Damm oberhalb der Stadt zum Überlaufen gebracht. Die marode Staumauer brach, eine 13 Meter hohe Welle riss ein Drittel der Stadt ins Meer, fast 5.000 Menschen starben.

In Tunesien wurden in den letzten Jahren mithilfe des deutschen Technischen Hilfswerks (THW) lokale Katastrophenschutzeinheiten aufgebaut. Doch die Vielzahl an Krisen überfordert die wirtschaftlich angeschlagenen Länder der Region. Im Urlaubsort Hammamet südlich von Tunis schwindet der Strand durch den Anstieg des Meeresspiegels, die künstliche Bewässerung der Felder hat den Grundwasserspiegel dramatisch sinken lassen. Dadurch sickert salziges Meerwasser kilometerweit ins Landesinnere und zerstört Orangenplantagen. Tunesische Medien zitieren Experten, die vor einem Anstieg des Meeresspiegels um 50 Zentimeter bis 2050 warnen.

Sturm „Harry“ wird auch an der Trinkwasserkrise nicht viel ändern. Da der Regen in Küstennähe fiel, sind die meisten Stauseen im Nordwesten des Landes weiterhin nur zu 33 Prozent gefüllt.

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2 Kommentare

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  • Klimareporter: " ... gemeinschaftliche Nutzung von Autos: Für Berlin kam eine Modellstudie zu dem Ergebnis, dass gerade mal 2,6 Prozent der Autos nötig wären, um den Umfang des heutigen Pkw-Individualverkehrs abzudecken. Durch die gemeinschaftliche Nutzung von Autos ließe sich die gesamte Fahrdistanz in Berlin um 60 Prozent senken."



    Und wer schon eher sinnfrei KI-Daddelei betreibt, dann doch bitte mittags, wenn wir den erneuerbaren Strom eher haben.

    Oder wir machen nichts und zahlen teuer für die Klimaschäden. Jeder Tag ist eine Entscheidung, einzeln wie als Gemeinschaft.

  • Das sind doch die Klimafolgen die prognostiziert wurden, Versicherungsgesellschaften haben diese Studien zur prognostizierten Schadensentwicklung von den zu erwartenden Klimafolgen in Auftrag gegeben. Das ist erst der Anfang vom neuen normal und das wird alles noch viel schlimmer werden.