Klima-Protest am Berliner Flughafen Tegel

Die Polizei blockiert Tegel

Rund 50 Klima-AktivistInnen von „Am Boden bleiben“ gelingt eine Protestaktion im Flughafen. Die Polizei sorgt für die Blockade rings herum.

Demnonstranten sitzen hinter Absperrbändern auf dem Boden, beobachtet von Polizisten

Gemeinsam Tegel blockiert: Pinguine und Polizei Foto: Christian Mang

BERLIN taz | Kurz nach 11 Uhr am Flughafen Tegel: Innerhalb von Sekunden formt sich aus unauffällig herumstehenden, vermeintlichen Fluggästen mit Rollkoffern eine Sitzblockade. Direkt unter der Fluganzeigetafel lassen sich über 50 junge Menschen nieder. Aus den Koffern holen sie Pinguinkostüme – das Symbol der Klimaschutzinitiative Am Boden bleiben. Im gleichen Moment wird ein Banner an der Tafel herabgelassen: „Cancelled due to Climate Crisis“ – Gestrichen wegen der Klimakrise.

Erleichtert fangen die AktivistInnen an zu singen: „Wehrt euch, leistet Widerstand gegen die Flughäfen hier im Land.“ Für sie ist dieser Moment ein Erfolg, der gar nicht mehr wahrscheinlich schien. Zu massiv hatte die Polizei ab dem frühen Morgen alles versucht, um die angekündigten Flughafenproteste zu unterbinden. Dutzende KlimaschützerInnen wurden bereits auf der Anreise gestoppt. Ob es überhaupt jemandem ohne Flugticket gelingen konnte, bis in das Flughafengebäude vorzustoßen, war alles andere als sicher.

Jetzt aber sitzt die Blockade, symbolisch zwar, denn mit Umwegen oder Durchdrängeln kann jeder seinen Flugsteig erreichen, dafür aber von vielen Pressevertretern begleitet. Die ersten Polizisten gesellen sich erst 15 Minuten später hinzu.

Um neun Uhr hatten sich die Aktionsteilnehmer am Platz der Luftbrücke am stillgelegten Flughafen Tempelhof getroffen. Welcher Flughafen zum Aktionsziel werden sollte, war da noch nicht bekannt. Umso engagierter versuchte die Polizei an Flyer zu kommen, die unter den AktivistInnen zirkulierten. Eine blaue Mappe, in der unter anderem ein Plan des achteckigen Tegeler Flughafengebäudes zu sehen war, erbeuteten sich Polizisten nach einer Verfolgungsjagd über den Platz. Dennoch vermeldete Am Boden bleiben kurz darauf, 150 AktivistInnen seien auf dem Weg nach Tegel, um mittels einer Aktion des zivilen Ungehorsams den Ablauf zu stören.

Rechtsgrundlage unklar

Doch spätestens am Kurt-Schumacher-Platz ist für viele Schluss. Pinguin-ProtestlerInnen werden auf dem Weg zu den Bushaltestellen abgefangen, andere gar aus Bussen geholt. Wieder einsteigen darf ein verängstigt dreinschauendes Touristenpärchen – im Gegensatz zu den DemonstrantInnen können sie Flugtickets vorzeigen.

Wer das nicht kann, wird durchsucht. Eine Polizistin trägt in einer Plastikbox Pinguinkostüme in einen Einsatzwagen – zur „Gefahrenabwehr“. Es folgen Platzverweise mit der Drohung, festgenommen zu werden, sollte man dem Flughafen dennoch zu nahe kommen. Die Rechtsgrundlage dafür bleibt unklar. Der Linken-Abgeordnete Michael Efler, der als parlamentarischer Beobachter unterwegs ist, bezeichnet die Maßnahmen als „rechtlich fragwürdig“ und kündigt an, dies „parlamentarisch aufzuarbeiten“.

Die Flughafenbusse müssen an der Station Luftfracht enden. Ab hier heißt es: laufen. Am Tunnel vor dem Flughafen kontrolliert die Polizei ab dem Vormittag jeden, auch Autos werden nicht ohne Überprüfung durchgelassen. Die Folge sind massive Staus und lange Fußwege, die die Fluggäste auf sich nehmen müssen. Am Boden bleiben hatte angekündigt, keine Passagiere daran hindern zu wollen, ihre Flüge zu erreichen. Das erledigt schließlich die Polizei für sie.

Viel Aufmerksamkeit

Eine Pinguin-Demonstrantin sitzt derweil in der Blockade und strahlt: „Unser Ziel ist es, die Aufmerksamkeit auf das Thema Flugverkehr zu lenken – und das ist uns gelungen“, sagt sie im Gespräch mit der taz. Die Aktion reiht sie ein in die Klimagerechtigkeitsbewegung: Nach den Anti-Kohle-Aktionen von Ende Gelände und jenen gegen die Automobilmesse von Sand im Getriebe ist nun die Fliegerei im Fokus der Bewegung. Das internationale Netzwerk „Stay Grounded“, zu dem sich Am Boden bleiben zählt, hat kommendes Jahr weitere Aktionen angekündigt.

Durchs Megafon erklärt eine Aktivistin ihr Anliegen: „Wo Regenwälder abbrennen, Tsunamis wüten und Lebensräume zerstört werden, fliegen Menschen am wenigsten. Fliegen ist Teil der imperialen Lebensweise.“ Die zentralen Forderungen der Initiative sind das Verbot von Inlands- und Kurzstreckenflügen, ein Ausbaustopp jeglicher Flughafeninfrastruktur sowie stärkere Besteuerung von Flugtickets besonders für Vielflieger.

Als sich die Polizei schon zur Räumung bereit macht, rücken die BlockiererInnen enger zusammen und machen ein Stück des Weges frei. Mit einem Absperrband werden sie eingehegt. Die Flughafengesellschaft erstattet keine Anzeigen. Nach über zwei Stunden räumen die Protestierenden freiwillig den Platz. Mithilfe der Polizei haben sie heute alles erreicht.

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