Kleine Tiere in Namibia: Das Morgenritual des Toktokkies
Viele Touristen wollen in Namibia vor allem die Big Five sehen: Elefant, Löwe, Büffel, Nilpferd, Leopard. Ein kleiner Käfer ist aber auch sehr spannend.
Foto: Karl Terblanche/imago
Beim Blick in den Rückspiegel sind noch die Häuser der Hauptstadt zu erkennen, durchs Seitenfenster blicken wir bereits auf eine Giraffe, die den Hals und den Kopf durch die Gegend schaukelt. Das macht den ersten Haken auf der Landkarte, die im Auto ausgebreitet ist.
Die Vorderseite der Karte zeigt unsere Route, die vom 1.800 Meter hoch gelegenen Windhoek in die glutheiße Namibwüste, weiter Richtung Atlantikküste und in einem großen Bogen zurück führt. Auf der Rückseite ist die Tierwelt Namibias eingezeichnet. Die Big Five – Elefant, Löwe, Büffel, Nilpferd, Leopard – und Dutzende andere Arten, die man aus Zoo oder Fernsehen kennt, mit Checkboxen zum Abhaken. Bis auf die Giraffe sind alle Kästchen leer. Noch.
Eigentlich ist die Liste ungerecht. Sie reduziert Namibia auf die bekannten Tiere. Es gibt kein Kästchen für die faszinierende Natur und die Schauspiele, die sie aufführt. Niemand kann einen Haken hinter die Sonnenuntergänge oder das Sandmeer setzen, das sich in der Namibwüste zu einem Gebirge mit den weltweit höchsten Dünen formt. Und viel seltener als die Big Five ist das, was wir jetzt erleben. Wir können es weder sehen noch hören, aber wir riechen, was da näher kommt. Bei 39 Grad Celsius schmeckt die Luft plötzlich nach Erde und Blumen. Herb, ein bisschen süß, obendrauf eine Prise Salz.
Es dauert ein, zwei Minuten, dann zieht hinter den felsigen Bergen etwas herauf, was hier in der Namibwüste einer Sensation gleicht: Regen. Er holt sich Düne für Düne, Gipfel für Gipfel, verschluckt Sand und Sonne. Die großen Tropfen platschen auf den Hut von Tony Bassinghtwaighte. Wasser rinnt über seine Stirn, sein Shirt, seine Shorts. Der 70-Jährige hat feuchte Augen. Er schiebt das auf den Regen. Niemand glaubt ihm.
Eine knappe Ressource: Wasser
„Noch nie in meinem Leben habe ich hier Regen erlebt“, sagt Bassinghtwaighte, der Touristen im Geländewagen durch Namibia kutschiert. Er setzt sich, um das Naturschauspiel zu beobachten. Jeder Regen ein Segen.
In Namibia herrscht subtropisches Wüstenklima, es gilt als trockenstes Land in Afrika südlich der Sahara. Es gibt Orte, da fallen gerade mal 20 Millimeter pro Jahr vom Himmel. In der Trockenzeit von Mai bis Oktober regnet es fast gar nicht. Und nur ein bis zwei Prozent der gesamten Niederschlagsmenge landet in Flüssen oder Grundwasserreservoirs, das Allermeiste saugt die afrikanische Sonne auf.
Wasser ist immer nur für einen flüchtigen Moment zu sehen. Aber es ist da. Immer. Auch in der Wüste. Man muss nur wissen, wo und wie man es findet oder auffängt. Menschen und Tiere haben in Namibia ihre ganz eigenen Taktiken, um zu überleben.
Für Touristen ist Namibia ein Karaffenland. Die Geländewagen sind mit 5-Liter-Kanistern bestückt, in der Kühlbox scheppern Coladosen, abends gibt es eiskaltes Bier beim Sundowner. Wasser sprudelt nur im Wüstencamp aus der Dusche. Wir bekommen den Hinweis, dass Skorpione auf dem Weg zurück ins Luxuszelt lauern könnten. Man drückt uns eine Schwarzlichttaschenlampe in die Hand, kurz darauf lugt schon eine Schere blaugrün zwischen den Steinen hervor. Vor dem Schlafen kramen wir die Landkarte hervor, auf deren Liste kein Skorpion zu sehen ist. Also beschließen wir, eine eigene Liste anzufertigen: unsere persönlichen Little Five. Außergewöhnliche kleine Tiere, die erst mal kaum ein Namibia-Reisender auf dem Schirm hat.
Wie die Toktokkies Wasser sammeln
Den zweiten Haken machen wir am nächsten Morgen, als wir eine der größten Dünen der Welt barfuß besteigen. Um „Big Daddy“ zu bezwingen, muss man sich mehr als 300 Höhenmeter durch den Sand wühlen. Der Gipfel ist ein schmaler Grat, auf dem ein paar Menschen völlig erschöpft sitzen, während schwarze Käfer, Toktokkies genannt, über die steilen Hänge huschen. Wir sind leider zu spät dran, um ihr Morgenritual zu beobachten, das „fog-basking“ („sich im Nebel aalen“) genannt wird. Der Käfer stellt seinen Kopf nach unten gegen den Wind und streckt sein Hinterteil steil in die Höhe. In dieser Position fängt sein Körper den vorbeiziehenden Küstennebel auf, der ihm als Hauptwasserquelle dient.
Wasser ist das beherrschende Thema in Namibia. Es bestimmt auch das Leben von Guide Tony Bassinghtwaighte. Er wuchs auf der Rinderfarm seiner Eltern in der Nähe von Windhoek auf. Der Vater wanderte mit der Wünschelrute über das karge Land, auf der Suche nach dem richtigen Platz für einen Brunnen. „Das ging immer eine Weile gut. Dann mussten wir neu bohren.“ Irgendwann verkaufte der Vater die erste Farm, weil sie trocken lag. Die Familie zog um. So ging es ein paar Mal.
Bassinghtwaighte wollte kein Landwirt werden. Seine Tochter ist in die Küstenstadt Swakopmund gezogen, um der Trockenheit zu entkommen. Dort sorgt der Atlantik für Abkühlung. Vor allem im afrikanischen Winter schickt der kalte Benguelastrom Nebel Richtung Land, der die Gegend auch mal für ein paar Tage komplett verschluckt. „Sonne gibt es überall und immer in Namibia. Aber bei uns kriegst du Abkühlung“, sagt Barbara Zahradnicky, die dort in einem Hotel arbeitet. Sie zeigt auf die mächtigen Dachrinnen an den Häusern, in denen der Nebel kondensiert. Das Nebelwasser tröpfelt in ein großes Weinfass. „Damit können wir unseren kompletten Garten gießen.“
Die Wüste rund um Swakopmund ist ideal für die Little-Five-Suche. Den Namib-Lärmgecko, der mit seinem „Kek-kek-kek-kek“ in voller Lautstärke seinem Namen alle Ehre macht, hören wir sofort – sehen ihn aber nicht. Aufgrund seiner Farben wird er von der Wüste regelrecht verschluckt, doch Guide Bassinghtwaighte entdeckt ihn trotzdem mit bloßem Auge.
Mehrere der Little Five sind sehr scheu und tarnen sich grandios. Von der Zwergpuffotter sehen wir nur die Augen, die aus dem Sand ragen. Dann ist die Schlange verschwunden. Auch sie ist eine Überlebenskünstlerin, drückt bei Nebel ihren Körper flach in den Sand, um Feuchtigkeit auf ihren Schuppen zu sammeln, die sie dann von ihrer Haut abtrinkt. Nummer fünf unserer Liste kriegen wir nur auf dem Handy von Tony Bassinghtwaighte zu sehen. Der Namibgecko ist fast durchsichtig, hat Schwimmhäute zwischen den Zehen, die wie Schneeschuhe im Sand wirken. Was uns noch mehr beeindruckt: Zum Trinken nutzt das Tier seine großen, lidlosen Augen, denn auf denen kondensiert der Küstennebel ebenfalls. Die Wassertropfen leckt der Gecko dann einfach mit der Zunge ab.
Und die Big Five? Auch da kommen wir auf vier Haken. Wir beobachten zwei Löwenpaare, wie sie sich die Reste eines Zebras teilen, anderswo zwei Nashörner, die friedlich in den Wald traben. Einmal kommt auch ein Leopard ums Eck. Elefanten begegnen wir, als wir durchs staubtrockene Aba-Huab-Flussbett cruisen. Sie können mit ihren riesigen Füßen sogar im ausgetrockneten Flussbett graben, um an das Wasser zu gelangen, das sich unter einer rund 30 Zentimeter dicken Schicht aus Sand und Staub verbirgt.
Nirgends ist Wasser in Namibia. Und doch ist es überall.
Transparenzhinweis: Diese Reportage wurde unterstützt von der Fluggesellschaft Edelweiss Air und der Reiseagentur Defender Experience.
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