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Kindesentführungen in MilitärdiktaturSeit 1977 auf der Plaza de Mayo

Am Donnerstag marschierten in Buenos Aires zum 2.500. Mal die Mütter derer, die während der argentinischen Militärdiktatur verschwunden sind.

M adres de la Plaza, el pueblo las abraza – Mütter der Plaza, das Volk umarmt euch“ hallt es über die Plaza de Mayo im Zentrum von Buenos Aires. Wie jeden Donnerstag um 15.30 Uhr setzen sich die Mütter in Bewegung. Langsam umrunden sie die kleine Pyramide in der Mitte des Platzes mit den Fotos der Verschwundenen.

Doch diesmal liegt etwas Besonderes in der Luft: Es ist der 2.500. Donnerstagsmarsch der Madres. Am 24. März 1976 hatte das Militär in Argentinien die Macht ergriffen. Bis ins Jahr 1982 bestand die Diktatur. 30.000 Menschen sind in dieser Zeit verschwunden oder wurden ermordet. Im April 1977 trafen sich Mütter von Verschwundenen auf der Plaza zum ersten Mal. Anderenfalls wären sie verzweifelt bei der vergeblichen Suche nach ihren verschwundenen Kindern, ohne Antworten auf den Polizeistationen und in anderen Behöreden.

Carmen Arias von der Asociación Madres de Plaza de Mayo weiß noch genau, wie alles begann. „Ich erinnere mich daran, wie die Mütter zusammenfanden: Beim ersten Marsch waren es nur 14 Mütter“, erzählt sie. „Dann kamen immer mehr hinzu, weil sie es von den anderen erfahren hatten.“ Weiße Stoffwindeln, getragen wie Kopftücher, wurden zum Erkennungszeichen der Gruppe.

„Con vida se los llevaron, con vida los queremos – Lebend haben sie sie mitgenommen, lebend wollen wir sie zurück“, stand bald aufgestickt darauf. Auch die inzwischen verstorbene Hebe de Bonafini gehörte zu dieser ersten Gruppe. „Anfangs haben wir uns nur zusammengefunden, bis eines Tages die Polizei kam, uns schlug und uns sagte: ‚Lauft‘“, erzählte sie einmal. „Wir haben uns spontan untergehakt und angefangen, zu zweit zu gehen.“

Fernsehbeitrag durchbrach die Informationsblockade

Seitdem drehen die Madres jeden Donnerstag um 15.30 Uhr ihre Runden auf diesem Platz. 1978 nutzten sie die internationale Aufmerksamkeit für die Fußball-WM in Argentinien. Auch deshalb ist Familie Hendriks aus dem niederländischen Groningen heute auf die Plaza gekommen. Jan Hendriks erinnert sich noch gut an den Fernsehbeitrag vor nunmehr knapp 50 Jahren, wegen dem er heute hier ist.

Statt über das zeitgleich stattfindende Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Polen zu berichten, war ein kleines niederländisches Fernsehteam auf die Plaza de Mayo gekommen. Die Interviews mit den Madres rüttelten auf. Mit dem in Europa ausgestrahlten Bericht durchbrachen sie die Informationsblockade der Diktatur und verschafften sich internationale Aufmerksamkeit.

1986 kam es zum Streit darüber, ob Entschädigungen oder die Exhumierung der Leichen akzeptiert werden sollten. Die Línea Fundadora (Gründerinnen-Linie) sprach sich für individuelle Entscheidungen aus. Die Asociación Madres de Plaza de Mayo um Hebe de Bonafini forderte hingegen zuerst die Benennung und Verurteilung der Täter. Die Organisation spaltete sich – doch beide setzten in getrennten Gruppen den Donnerstagsmarsch fort.

Am 24. März sind fünfzig Jahre seit Beginn des Militärputsches in Argentinien vergangen. Nur noch wenige Madres kommen auf die Plaza. Hebe de Bonafini ist im November 2022 verstorben. Im Mai 2024 starb Nora Cortiñas, langjährige Vorsitzende der Gründerlinie.

„Das geht unter die Haut“

Dennoch sind die Madres ein Anziehungspunkt geblieben. In pink-roten T-Shirts stehen rund 15 Jurastudenten auf dem Platz beieinander. Sie sind auf Einladung des Enkels einer verschwundenen Person aus dem 65 Kilometer entfernten La Plata angereist, erzählt der 24-jährige Bruno: „Wir wollten einmal mit den Madres marschieren“.

Die Studenten waren überrascht, als sie erfuhren, dass sie ausgerechnet am 2.500. Marsch teilnehmen sollten. „Das geht unter die Haut“, sagt Bruno. „Es ist ein enorm mutiges Engagement, das uns bewusst macht, wie viel sicherer politisches Engagement heute ist als zu Zeiten der Diktatur.“ Dann setzt sich die Gruppe in Bewegung. „Madres de la Plaza – el pueblo las abraza“ skandieren sie.

Jürgen Vogt

Jürgen Vogt Korrespondent Südamerika

Kommt aus Karlsruhe. Studierte Politische Wissenschaft in Hamburg und Berlin und arbeitete als Redakteur und Geschäftsführer der Lateinamerika Nachrichten in Berlin. Heute lebt er in Buenos Aires. Er ist Autor des Reisehandbuchs “Argentinien”, 2026, Reise Know-How Verlag.
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