:
Sieht reich aus, ist aber auch prekär: In Charlottenburg-Wilmersdorf kämpfen Jung und Alt wie anderswo mit Wohnungsnot und Einsamkeit
Von Ann Toma-Toader Fotos Anna Tiessen
Porsche-Wettrennen auf dem Ku’damm, Villen, die den Grunewald säumen, und alte, weiße Menschen, die in riesigen Altbauten Prosecco schlürfen, vom Ruf nach Enteignung Panikattacken bekommen und brav CDU wählen: Das dürfte vielen Menschen in den Sinn kommen, wenn sie an Charlottenburg-Wilmersdorf denken. Während das natürlich einen Teil der Realität abbildet, sieht es oft jedoch ganz anders aus: Charlottenburger*innen, ob jung oder alt, deutsch oder migrantisch, fühlen sich alleine. Zunehmende Bürokratie, hohe Lebenshaltungskosten und Wohnungsnot beschweren ihren Alltag.
Es gibt Orte, die genau das ändern wollen: Auf der Sophie-Charlotte-Straße, ganz in der Nähe vom Schloss Charlottenburg, befinden sich die Räume von Outreach. Hier können junge Menschen zwischen 14 und 27 Jahren Hilfe bekommen, wenn sie Schwierigkeiten und Probleme im Alltag haben. Und Probleme gibt es genug: „Drogenkonsum ist ein großes Thema“ sagt Lydia Gauss, Sozialarbeiterin bei Outreach.
Auch fehlender Wohnraum spiele eine Rolle. Die Schaffung neuer Wohnungen verläuft im Bezirk nur schleppend. Schon lange wird in Charlottenburg über die „Alliiertensiedlung“ in Westend gestritten. Pläne für ihren Abriss und Neubau gibt es seit 2013, passiert ist nichts. Frühestens 2028 will die Deutsche Wohnen hier mit dem Neubau von bis zu 800 Wohnungen beginnen. Schon lange aber stehen etwa 100 Wohnungen leer.
Und wer im Bezirk nach einer neuen Wohnung sucht, muss tief in die Tasche greifen. 23,61 Euro pro Quadratmeter beträgt der Median am Ludwigkirchplatz, am günstigsten wohnt es sich an der Heerstraße für 15,52 Euro pro Quadratmeter, wie aus dem Wohnungsmarktreport 2026 hervorgeht.
Outreach gibt es in ganz Berlin. Was den Standort in Charlottenburg einzigartig macht, ist die Erstberatung. Der Bezirk hatte Outreach gebeten, diese zu übernehmen. „Das ermöglicht die langfristige Zusammenarbeit mit den Jugendlichen“, sagt Meghan Fehily. Die wüssten oft gar nicht, wo sie bei der Zukunftsplanung überhaupt anfangen sollen. Der Papierkram sei kompliziert und die Behörden oft zu angsteinflößend, um ihnen alleine zu begegnen. Ein großes Problem sei auch, dass der Bezirk schnell als wohlhabend abgestempelt werde. „Da gehen dann die unter, die es nicht sind“, sagt Gauss. „Und das sind in Charlottenburg viele.“
Das Projekt wird gut von den Jugendlichen angenommen. Mittlerweile wurde es um einen weiteren Standort erweitert: Ein blauer Bauwagen steht seit April in der Wilmersdorfer Straße. „Box 19“ heißt der Treffpunkt, der auch Beratung und Unterstützung anbietet. Outreach hilft aber nicht nur bei Anträgen und Berufswahl: „Die Jugendlichen dürfen bei uns auch einfach ankommen und Kraft tanken“, sagt Gauss. „Wir haben Sport- und Musikangebote, und wenn die Jugendlichen einfach zusammen kochen wollen, dann können wir das auch machen.“
Wenn am 20. September das Berliner Abgeordnetenhaus neu gewählt wird, können die Wähler:innen auch gleich ihr Kreuzchen für das Bezirksparlament machen, offiziell Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Die Bezirke sind zwar keine eigenständigen Kommunen, nehmen aber wichtige Aufgaben der Verwaltung wahr, etwa bei Schulen und in Grünflächen, in den Bürgerämtern und bei der Jugendarbeit. Und obwohl sie immer zu wenig Geld haben, treffen die Bezirksämter bisweilen wichtige politische Entscheidungen – zum Beispiel über Milieuschutzgebiete, Bebauungspläne oder Radwege.
Ortstermin: Was ist los in den 12 Großstädten, aus denen Berlin besteht? Was bewegt die Bürger:innen, wo drückt der Schuh, was steht auf dem Spiel? Bis zur Wahl unternimmt die taz jede Woche Montag einen Ortstermin. Alle Teile der Serie finden sie hier auf taz.de versammelt.
Vor allem Sport und Musik sei für viele Jugendliche einfach nicht zu bezahlen. Die Jugendlichen kämen so gar nicht erst zum Ausprobieren, und auch der Sportunterricht an den Schulen sei, wie das Schulsystem selbst, schlichtweg veraltet. Dabei könne auch Outreach nicht immer alles ermöglichen. „Wir glauben, dass der Bezirk unsere Arbeit hier schätzt“, sagt Fehily. „Trotzdem spüren wir auch, dass der Trend Richtung Sparen geht.“
Weiter südlich, in der Wilmersdorfer Trautenaustraße, befindet sich das Pangea-Haus, ein Verein, der mit Projekten und Angeboten das Zusammenkommen in der Nachbarschaft fördern möchte. Mit dem Fahrstuhl fährt man in den 5. Stock und kommt zum Sprachcafé, das im April 2025 Ehrenamtliche ins Leben riefen. Dort treffen sich montags um 16 Uhr ehrenamtliche Sprachvermittler*innen und Deutschlernende. Anna aus Polen hat die Leitung. Sie beginnt mit einer Vorstellungsrunde: Reihum werden Namen und Herkunftsländer genannt, Studium, Job, Ausbildung oder Hobbys vorgestellt. „Jedes Thema ist willkommen. Ihr dürft über alles sprechen“, betont eine Sprachmittlerin.
Foto: Anna Tiessen
Der Migrationsanteil in Charlottenburg-Wilmersdorf ist vergleichsweise moderat. Etwa 340.000 Menschen lebten 2025 im Bezirk, davon 26,9 Prozent ohne deutschen Pass. Weitere 20 Prozent sind Deutsche mit Migrationshintergrund.
Im Hinterhof des Pangea-Hauses findet ein Upcycling-Workshop statt. Aus altem, bereits vorhandenem Material soll Neues entstehen. „Wir bauen gerade eine Schaukel“, sagt Maria Weiß, Projektleitung des Pangea-Hauses, stolz. Junge und alte Menschen hantieren mit Schleifmaschine und Holzlatten, messen Winkel aus.
„Etwa 20 Vereine sind hier unter einem Dach“, sagt Weiß. „Das lässt sich in drei Bereiche unterteilen: Beratung, Bildung und Begegnung und Kultur.“ Die meisten Menschen, schätzt Weiß, kämen für die Deutschkurse. „Für Stuhlgymnastik, Makramee-Workshops und Yogakurse kommen dafür überwiegend Menschen aus der Nachbarschaft.“ Die Leute nähmen nicht nur an den Angeboten teil, viele übernähmen selbst ehrenamtlich die Leitung eines Angebotes.
Der Bezirk besteht aus sieben Ortsteilen: Charlottenburg, Charlottenburg-Nord, Grunewald, Halensee, Schmargendorf, Westend und Wilmersdorf. Der Grunewald gehört größtenteils zu Wilmersdorf und macht fast die Hälfte des Ortsteils aus. Dadurch ist Charlottenburg-Wilmersdorf der waldreichste Bezirk nach Treptow-Köpenick. 344.000 Menschen leben hier.
Das Bezirksparlament Bei den letzten BVV-Wahlen 2023 kam die CDU auf 30,7 Prozent, die Grünen auf 23 und die SPD auf 19,8. Die Linke folgte mit 6,9 Prozent vor der FDP mit 6,7 Prozent und der AfD mit 5,1.
Die Bezirksbürgermeisterin Mit Kirstin Bauch stellen die Grünen die Bezirksbürgermeisterin. Sie wurde 2021 gewählt und blieb auch nach der Wiederholungswahl 2023 im Amt.
Die Spitzenkandidat*innen Die Grüne Bauch bewirbt sich um die Wiederwahl. Christoph Brzezinski, Judith Stückler und Simon Hertel, bekannte Gesichter im Bezirksamt, treten als Dreiergespann für die CDU an, Heike Schmitt-Schmelz, auch Bezirksstadträtin, für die SPD. Die Linke kandidiert mit der Bezirksverordneten Frederike-Sophie Gronde-Brunner, die FDP schickt den Risikomanager Tobias Bergmann ins Rennen. Die AfD hat keinen Bürgermeisterkandidaten und tritt stattdessen mit einem Team an, zu dem unter anderem Fraktionsreferent Martin Kohler und der Journalist Michael Seyfert zählen.
Der absolute Dauerbrenner, sagt Weiß: „Beratung rund um Migration. Wir helfen, etwas Licht in den Verwaltungsdschungel zu bringen.“ Ein Thema fällt ihr besonders auf: „Einsamkeit spielt im Kiez eine große Rolle.“ Das Pangea-Haus steht in der Nähe einer Seniorenresidenz. „Oft kommen Senior*innen einfach nur zum Reden vorbei. Da merkt man, wie hoch der Gesprächsbedarf ist.“
Mehr als jede fünfte Person über 60 Jahren war 2020 in Charlottenburg-Wilmersdorf ehrenamtlich aktiv. Das ergab eine Befragung des Bezirksamtes. Die meisten der Frauen nahmen an Nachbarschaftscafés und sozialen Einrichtungen wie der Tafel teil. Die meisten Männer übernahmen praktische Hilfeleistungen wie Reparaturen und die Anleitung von Sportgruppen. Auch gaben zwischen 26 und 30 Prozent der Befragten Ü60-Jährigen an, sich manchmal einsam zu fühlen.
Maria Weiß würde sich etwas mehr Solidarität im Kiez wünschen: „Wir haben hier nicht nur Freund*innen. Irgendjemand schmiss eine Zeit lang etwas Matschiges gegen unsere Fenster. Das ist jetzt schon länger nicht mehr passiert. Aber vor Kurzem hatten wir einen Briefträger da, der gegen Ukrainer*innen geschimpft hat.“
Wer Veränderung bewirken will, muss in Charlottenburg-Wilmersdorf selbst ran. Das spürt auch das Kinder- und Jugendparlament (KJP) des Bezirks. Connor ist 14 Jahre alt und seit drei Jahren dort aktiv. „Die Grundidee ist, die Interessen und Ideen von Kindern und Jugendlichen im Bezirk zu vertreten“, sagt er. Oft fehle es den Jüngsten an sicheren Schulwegen, Wasserspendern, gesundem Mittagessen und ordentlichen Spiel- und Sportplätzen.
„Man fühlt sich einfach alleine gelassen bei manchen Themen, wenn jungen Menschen nicht zugehört wird“, sagt Connor. Deswegen sei er im KJP aktiv geworden. In den Bezirksverordnetenversammlungen (BVV) muss dem KJP nämlich zugehört werden. „Auch wenn das manchmal nicht von allen gleich enthusiastisch aufgenommen wird“, sagt Zoe aus dem KJP-Vorstand.
Die Arbeit im Kinder- und Jugendparlament mache vor allem großen Spaß. Das sei für die Jugendlichen einer der Hauptfaktoren. „Wir sind wie eine große zweite Familie“, sagt Sertap Özcelik. Sie ist 21 und Übungsleiterin im KJP. Von einem Austausch im Mai ins italienische Trient schwärmen die Jugendlichen besonders. Trient ist die Partnerstadt von Charlottenburg, dieses Jahr feierten beide 60 Jahre Jubiläum. Gemeinsam mit italienischen Jugendlichen erarbeitete das KJP ein Theaterstück, das sowohl in Trient als auch im Charlottenburger Haus der Jugend aufgeführt wurde.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen