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Keine Öl-, Gas- und WaffenkonzerneAus der Cloud schmeißen, bitte!

Greenpeace fordert Tech-Konzerne auf, ihre Rechenzentren nicht allen zur Verfügung zu stellen. Stattdessen sollen deren Kunden Ethikstandards einhalten müssen.

Rechenzentrum: Blinkt und verbraucht viel Strom – aber besser nicht für ethisch fragwürdige Daten, findet Greenpeace Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Im Finanzsektor ist das Prinzip bekannt: Einige Banken schließen die Finanzierung klimaschädlicher Unternehmen oder kontroverser Waffensysteme vertraglich aus. Am Dienstag forderte Greenpeace erstmals ökologische und ethische Mindeststandards, die Big-Tech-Unternehmen von Kun­d*in­nen ihrer Datenzentren verlangen sollen.

Konkret will die Umwelt-NGO, dass die weltweit dominierenden Cloud-Anbieter wie Amazon Web Services (AWS), Microsoft oder Google eine Richtlinie unterschreiben, laut der Nut­ze­r*in­nen der Dienste keine „Unternehmen mit schädlichen Geschäftspraktiken“ sein dürfen. Ausgeschlossen werden sollen etwa Öl- und Gaskonzerne mit Expansionsplänen, Unternehmen, die Regenwälder roden, Hersteller autonomer Waffensysteme und von Software für Überwachungstechnologien wie Echtzeit-Gesichtserkennung und dem computergestützten Einsatz von Algorithmen zur Analyse von Kriminalitätsdaten.

„Big Tech macht sich mit der Ausbeutung fossiler Rohstoffe, der Abholzung von Regenwäldern, umstrittenen Waffensystemen und Massenüberwachung die Taschen voll“, sagte Greenpeace-Expertin Linda Klapdor. „Wer die digitale Zukunft bauen will, muss die Zerstörung der Gegenwart konsequent von seinen Servern verbannen.“

Rückgrat und Motor der digitalen Transformation

Ethische Mindeststandards wären neu für die Industrie, in der viele das Rückgrat und den Motor der digitalen Transformation sehen. Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) nennt Rechenzentren „Fabriken des 21. Jahrhunderts“, wichtig für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft. Die Leistung der hiesigen Rechenzentren soll sich bis 2030 auf über 5.000 Megawatt verdoppeln, die Kapazitäten für künstliche Intelligenz sogar vervierfacht werden.

Die Ethikrichtlinie von Greenpeace adressiert auch ein weiteres Problem der Branche: ihren immensen Energiehunger. 26 Terawattstunden verbrauchten Rechenzentren im vergangenen Jahr allein in Deutschland, rund fünf Prozent des Strombedarfs. 2030 soll es doppelt so viel sein.

Laut Greenpeace kommt dafür nur Energie aus Erneuerbaren infrage. So sieht das auch die im März verabschiedete Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung. Danach soll die benötigte Elektrizität „ab dem 1.1.2027 bilanziell zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien“ kommen. Laut Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sollen jedoch die kurz vor der Ausschreibung stehenden fossilen Gaskraftwerke die Energie liefern.

Das würde einen Trend aus den USA bestätigen. Reihenweise werden dort fossile Kraftwerke zum Betrieb der Rechenzentren gebaut. Das schadet dem Klima: Google beispielsweise plant den Bau eines Gaskraftwerks für ein Rechenzentrum in Texas, das jährlich 4,5 Millionen Tonnen CO2 emittiert – etwa so viel wie San Francisco.

Moratorium für den Bau von Rechenzentren in Maine

Die Umweltauswirkungen, der Energiebedarf, überlastete Netze und steigende Strompreise führen in den USA bereits zu heftigem Widerstand: Im US-Bundesstaat Maine hat das Parlament ein Moratorium für den Bau von Datenzentren beschlossen. Ähnliche Bestrebungen gibt es in weiteren elf US-Bundesstaaten.

In Deutschland ist die Entwicklung noch nicht so weit. Hier geht es zunächst vor allem um knappe Netzkapazitäten. Deshalb müssen die Betreiber von Rechenzentren lange Wartelisten erdulden: In Frankfurt am Main – dort ist ein bedeutender Internetknoten – warten neue Rechenzentren derzeit bis 2035 auf einen Netzanschluss.

In nahegelegenen Maintal vertagte das US-Unternehmen Edgeconnex gerade den Bau eines Gaskraftwerks zum Betrieb eines Rechenzentrums für eine Milliarde Euro. Bürger und Stadtverordnete hatten sich gegen ein neues fossiles Kraftwerk ausgesprochen, das 600.000 Tonnen CO₂ pro Jahr ausstoßen sollte. Im Februar hatte der Rat der südhessischen Kreisstadt Groß-Gerau den Bau eines Rechenzentrums mit einem Investitionsvolumen von 2,5 Milliarden Euro gestoppt. Die Anwohner fürchteten, der Riesenkomplex werde das Stadtbild verschandeln.

Wegen all dieser Probleme ist die Branche von der Greenpeace-Richtlinie für Anbieter kritischer digitaler Infrastruktur wenig begeistert: „Aufgrund der ohnehin bereits intensiven diversen Regulierungsansätze und der in Europa besonders hohen Energiekosten sind Rechenzentren in Deutschland im internationalen Vergleich heute schon mit die energieeffizientesten“, heißt es in einem Statement der Branchenvereinigung Eco. „Weitere Einschränkungen der Standortbedingungen durch weitere Regulierung erscheinen vor diesem Hintergrund nicht sinnvoll, da sie nur zu einer Verlagerung von Rechenkapazitäten ins Ausland und damit zu einer Schwächung der digitalen Souveränität in Deutschland und Europa führen würde.“ Die Branchenriesen AWS und Google äußerten sich bis Redaktionsschluss nicht zum Greenpeace-Vorstoß.

Keine Anwohnerproteste, kein Energie-, kein Platzmangel und sowieso keine Bedenken wegen möglicherweise unmoralischer Kunden: Elon Musk, selbst im KI-Business tätig, prophezeite unlängst, dass es binnen zwei Jahren Rechenzentren im All geben werde, die mit Sonnenkraft betrieben werden.

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