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Kaltblütig und ohne erkennbaren Grund

Bernhard Goetz schoss 1984 vier Schwarze Jugendliche an. Er wurde zum Helden von Law and Order. Aktuelle Sachbücher ziehen Linien in die Gegenwart

Bis heute zeigt er keine Reue: Bernhard „Bernie“ Goetz mit Polizei­beamten Foto: Paul R. Benoit/picture alliance

Von Sebastian Moll

Heather Ann Thompsons Buch „Fear and Fury“ lag im Januar dieses Jahres schon gedruckt zur Auslieferung bereit, und so konnte die preisgekrönte Historikerin das Werk über den Subway-Schützen Bernhard „Bernie“ Goetz und die 80er Jahre nicht mehr aktualisieren. Dabei hätte sie das bestimmt allzu gern noch getan. Die jüngsten Ereignisse in Minneapolis, wo an jenem Tag Renee Good von ICE-Milizen erschossen wurde, knüpften ganz unmittelbar an ihr Thema an.

Sie selbst schlägt auf den letzten Seiten des Buchs bereits den Bogen zwischen dem Terror der Einwanderungstruppe ICE und der beinahe gänzlich ungestraften Selbstjustiz durch Bernhard Goetz, der am 22. Dezember 1984 kaltblütig und ohne erkennbaren Grund in der New Yorker U-Bahn auf vierSchwarze Jugendliche geschossen hatte.

Das Gleiche gilt für das parallele Werk von Elliot Williams, dessen Buch über Goetz – einer zentralen Symbolfigur in Ronald Reagans Amerika – nur eine Woche nach dem Werk von Thompson und drei Tage nach dem Tod von Alex Pretti erschien.

Das plötzliche Wiederaufleben des Interesses an Bernie Goetz in der Ära Trump ist kein Zufall. Gute Historiker sind von der Neugier daran getrieben, wie die Vergangenheit Licht auf die Gegenwart werfen kann. Und Goetz sowie das Milieu, das ihn zum Phänomen machte, hat immens viel mit der amerikanischen Realität im Jahr 2026 zu tun.

Bernie Goetz war im New York der frühen 80er Jahre ein schrulliger Außenseiter. Nachdem er mehrere hochkarätige Jobs als Elektroingenieur verloren hatte, hielt er sich damit über Wasser, in seiner kleinen Wohnung an der 14th Street Elektrogeräte zu reparieren. Dabei entwickelte er einen wachsenden Zorn über den maroden Zustand seiner Heimatstadt. Kein Tag verging, an dem er nicht über den Dreck und Drogen, die Prostitution und die Kriminalität wetterte. Als er dann selbst auf dem Nachhauseweg ausgeraubt wurde, lief für ihn das Fass über. Er besorgte sich mehrere Pistolen, von denen er stets eine bei sich trug.

Ähnlich wie die ICE-Männer in den Straßen von Minneapolis wartete Goetz nun nur auf eine Gelegenheit, seine Waffen einzusetzen. An jenem verhängnisvollen 22. Dezember 1984 war es dann so weit. Vier Schwarze Jugendliche aus der Bronx stiegen in den U-Bahn-Waggon, in dem Goetz saß. Sie waren übermütig und laut, wie Teenager nun einmal sind, aber nicht bedrohlich. In ebendieser Laune fragte einer von ihnen, Troy Canty, Goetz, ob er ihnen nicht fünf Dollar geben wolle.

Goetz schaute mit einem eisigen Blick auf und bat Canty, das noch einmal zu wiederholen. Als Canty, noch immer übermütig, Folge leistete, stand Goetz auf, griff in seine Jacke, wie um eine Brieftasche zu zücken. Doch zum Vorschein kam sein Revolver. Goetz stellte sich breitbeinig auf und begann zu feuern. Zuerst auf Canty und dann auf die anderen drei jungen Männer, die drei Meter entfernt saßen.

Als einer von ihnen, Darrell Cabey, wimmerte, er habe doch nichts getan, erwiderte Goetz: „Du siehst gar nicht so schlimm aus. Hier ist noch eine.“ Damit verpasste er Darrell eine weitere Kugel, die ihn für den Rest seines Lebens auf den Rollstuhl angewiesen sein lässt.

Insbesondere Thompson beschreibt diese Begegnung als direktes Resultat der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der Zeit. Die Stadt New York hatte sich Mitte der 70er Jahre in den finanziellen Ruin manövriert. Die großzügige Sozialstaatlichkeit der Stadt war durch das Verschwinden von Handwerk und Industrie sowie eine massive Rezession nicht mehr zu finanzieren. New York war dazu gezwungen, die Hoheit über ihre Finanzen an ein Konsortium aus Financiers sowie Vertretern des Bundes und des Staates abzutreten. Es begann eine Ära radikalen Sparens, um die Schulden der Stadt zu bedienen. Soziale Dienste und Infrastruktur wurden drastisch gekürzt.

Für Thompson war dies jedoch nicht nur eine Wende in der Stadtpolitik. Es war Teil einer nationalen politischen und gesellschaftlichen Wende, die direkt zum Amerika Trumps führte. Das Gemeinwohl wurde der Gesundheit der Institutionen geopfert. Es begann eine zynische Politik der Vernachlässigung der sozial Schwächsten, gerechtfertigt durch die Ideologie des „trickle down“ – des angeblichen Effekts, dass der Reichtum der wenigen am Ende allen zugutekommt.

Mit der Wahl Ronald Reagans 1980 wurde diese Ideologie, auch „Reaganomics“ genannt, dann zur Staatspolitik. Reagan artikulierte dabei ganz unverhohlen die neue Haltung: Sozial Schwache seien nicht als Opfer eines Systemversagens zu sehen, sondern trügen die Schuld an ihrem eigenen Schicksal. Sie seien schlicht zu faul und nicht dazu bereit, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Die vier Jugendlichen, die Goetz niederstreckte, gehörten zu den Opfern dieser Politik. Sie wuchsen in der mittlerweile völlig heruntergekommen Bronx auf. Die Sozialbauten, in denen sie lebten, waren verrottet, öffentliche Schulen funktionierten praktisch nicht mehr. Freizeitangebote oder außerschulische Betreuung gab es nicht mehr.

Trotzdem waren die vier Jungs nicht, wie viele Medien sie später zeichneten, gefährlich. Darrell, der an diesem Tag von Goetz zum Krüppel geschossen wurde, hatte sich noch am selben Nachmittag rührend um seine kranke Großmutter gekümmert. Sie alle hatten, wie Thompson beschreibt, Träume von einem besseren Leben, weg von der Bronx. Ihre schlimmsten Verfehlungen waren mindere Drogendelikte, Schwarzfahrten in der U-Bahn und das Aufbrechen von Spielautomaten für ein paar Dollar.

Dennoch stand das Narrativ der Attacke vom ersten Tag an fest. Befeuert von der vom späteren Fox-News-Gründer Rupert Murdoch geführten Boulevardpresse wurden, bevor auch nur die Ermittlungen abgeschlossen waren, die Opfer zu Tätern. Sie wurden zum Symbol dafür, warum die anständige weiße Mittelschicht sich in der Stadt nicht mehr sicher fühlt. Bernie Goetz wurde hingegen zum Helden, weil er sich, von der Politik im Stich gelassen, traute, endlich selbst etwas zu tun. Er wurde der Charles Bronson New Yorks – der moderne Cowboy, der mit dem Colt in der Hand selbst für Law and Order sorgt.

Das wirklich Tragische an dem Fall war, dass das Narrativ durch den gesamten juristischen Prozess hindurch hielt. Alle Zeugenaussagen und selbst ein Geständnis von Bernie Goetz, in dem er seine Kaltblütigkeit und seine Blutlust zugab, nützten nichts. Die Staatsanwaltschaft änderte unter öffentlichem Druck mehrfach die Anklage. Die Geschworenen rangen sich gerade einmal dazu durch, Goetz des illegalen Waffenbesitzes für schuldig zu befinden. Goetz verbrachte acht Monate in Haft und zeigt bis heute keine Reue.

Die Presse machte die Opfer zu Tätern

Auch juristisch gibt es eine direkte Verbindung zwischen dem Goetz-Fall und unseren Tagen. Im Goetz-Urteil galt schon das reine Empfinden einer Bedrohung als Rechtfertigung für Notwehr. Dasselbe Argument wurde für die Schützen von Minneapolis vorgebracht. Und im Grunde wird es für die gesamte Politik Trumps hervorgeholt: Die vermeintliche Bedrohung anständiger weißer Bürger durch Einwanderer und die angeblich anarchischen Zustände in amerikanischen Städten, die als Begründung für die Entsendung von Truppen genannt werden, existiert allein in den Köpfen.

Thompson zeigt auf, wie sich durch die Reagan- und auch die Clinton-Jahre im amerikanischen Bewusstsein die Überzeugung festgesetzt hat, dass die Opfer der rasant wachsenden sozialen Ungleichheit in Wirklichkeit die Täter sind und wie die Gewalt gegen sie normalisiert wurde. Das zeigt sich in einer Häufung von Fällen der Selbstjustiz wie dem Mord an Jusuf Hawkins in New York oder der Erschießung von Trayvon Martin, aber natürlich auch in der steten Eskalation von Polizeigewalt, die zur Black-Lives-Matter-Bewegung führte.

Mit Donald Trump, so das Fazit, sind die USA nun an einen Punkt gelangt, an dem Gewalt gegen die Sündenböcke für komplexe soziale und ökonomische Probleme sowie deren Entrechtung zur Staatspolitik geworden ist. Das Zynische daran ist, dass es genau diejenigen trifft, die am meisten unter diesen Problemen leiden.

Der Rückblick auf die Zeit von Bernie Goetz hilft dabei, zu erkennen, dass all dies nicht erst mit Donald Trump angefangen hat. Er mindert jedoch auch die falsche Hoffnung, dass das Goetz-Paradigma mit Donald Trump wieder verschwindet.

Heather Ann Thompson: „Fear and Fury: Bernie Goetz, the Reagan ‚80s, and the Rebirth of White Rage“. Penguin Random House, 29,97 Euro

Elliot Williams: „Five Bullets: The Story of Bernie Goetz, New York‘s Explosive ‚80s, and the Subway Vigilante Trial That Divided the Nation“. Penguin Press, 27,97 Euro

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