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Journalistin über Militär und Internet„Der Terroranschlag von 9-11 war der Urknall“

Andrea Rehmsmeier hat die Zusammenarbeit von Big Tech mit dem US-Militär erforscht. Das Budget des Pentagon in diesem Bereich explodiert gerade.

Interview von

Wilfried Hippen

taz: Frau Rehmsmeier, was hat das Internet mit dem Militär zu tun?

Andrea Rehmsmeier: Da gibt es ganz viel unerzählte Geschichte. Es geht um zwei Bereiche, bei denen die großen Tech-Konzerne im Silicon Valley mit dem Pentagon zusammenarbeiten: die Massenüberwachung im Internet und vollautomatische Waffensysteme.

taz: Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Rehmsmeier: Der Terroranschlag von 9/11 war der Urknall, denn danach haben sich diese Bereiche aufeinander zubewegt. Die amerikanischen Geheimdienste haben damals, um ihr Versagen auszubügeln, die Datenautobahn genutzt und dabei einen Paradigmenwechsel ausgelöst. Vorher bestand Geheimdienstarbeit darin, dass man verdächtige Personen ausgespäht hat. Im Internet sind dagegen die Daten in Hülle und Fülle da, und die Geheimdienste haben 9/11 zum Anlass genommen, alles, was sie so finden konnten, zu sammeln und zu speichern. Dann stellte sich nur noch die Frage, wie sie mit dieser riesigen Datenmenge umgehen sollten, denn sie hatten keine Technologie, um die Daten auszuwerten. Das Silicon Valley hat genau die Instrumente entwickelt, die die Geheimdienste und das Militär brauchten. Und so kam es zu der Fusion.

Im Interview: Andrea Rehmsmeier

studierte Slavistik und Journalismus in Bielefeld, Minsk und Hannover. Seit 1999 arbeitet sie freiberuflich in Hannover für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Zeitungen und Nachrichtenmagazine. 2026 produzierte sie für den Deutschlandfunk das Feature „Kill Cloud – Von 9/11 zum digitalen Krieg“.

taz: Wie hat sich das inzwischen entwickelt?

Rehmsmeier: Die Frage ist: Was passiert eigentlich mit den Daten, die wir ins Netz speisen? In den USA kann man jetzt gut beobachten, was da möglich ist. Wenn dort eine Regierung entscheiden würde, dass sie alle Menschen, die sie als Ausländer ansieht, ausweisen will, dann hätte sie dafür jetzt schon ein perfektes Instrument. Die Immigrationsbehörde arbeitet mit der Palantier-Software sowie einem Cloudservice, der von Amazon gestützt wird. Amazon hat eine Unmenge von Daten über fast alle von uns. Und niemand kann kontrollieren, was mit diesen Daten passiert. Außerdem gibt es da noch ein undurchschaubares Gestrüpp von Datenbrokern, die zum Beispiel unsere Liebesbriefe, unsere politischen Äußerungen, unsere Autos, unsere Biodaten auswerten und uns in Persönlichkeitsprofile packen, die sie an die Werbeindustrie weitergeben, aber zum Teil auch dem Staat zuarbeiten. Denn es ist zwar auch in den USA verboten, direkt auf Personendaten zuzugreifen – aber nicht, diese Daten einzukaufen.

taz: Gibt es in Deutschland eine ähnliche Entwicklung?

Rehmsmeier: Bei uns wird unter Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) ein neues BND-Gesetz geplant, das im nächsten Jahr in Kraft treten könnte. Und darin steht, dass „die Übermittlung von angekauften Datensammlungen, etwa von umfänglichen Werbedaten (sogenannten Adint-Daten)“ an die Geheimdienste offiziell erlaubt werden soll.

taz: Wie kam es zu der Zusammenarbeit bei den Waffensystemen?

Rehmsmeier: Dabei war das Projekt Mavon im Jahr 2017 die Ursünde, denn das war der erste Vertrag von Google mit dem Pentagon. Dabei ging es erst einmal nur um Bilderkennung. Das US-Militär hatte von seinen Drohneneinsätzen in Pakistan und Afghanistan so viel Bildmaterial, dass Menschen es nicht mehr analysieren konnten. Und Google sollte dafür ein Bildererkennungstool machen. Das ist aber herausgekommen und daraufhin hat es die erste große Welle von Protesten der Tech Worker gegeben, woraufhin Google 2018 aus dem Vertrag ausstieg.

Vortrag

„Das Internet. Eine Militärgeschichte“ mit Andrea Rehmsmeier, 13.10., ab 18:30 Uhr im Kulturpalast Linden, Deisterstraße 24, Hannover. Der Eintritt ist frei.

taz: Macht solch eine erfolgreiche Protestaktion bei Google nicht doch Hoffnung?

Rehmsmeier: Schon drei Jahre später kam das Projekt Nimbus. Das ist ein riesiger Cloudvertrag, den Google Cloud und Amazon Web Services mit Israel abgeschlossen haben. Auch dagegen gab es eine Protestwelle, die bis heute anhält.

taz: Dann sieht es also für die Zukunft düster aus?

Rehmsmeier: Das Budget des Pentagons für künstliche Intelligenz und Datenfusion betrug im Jahr 2025 rund 3,2 Milliarden US‑Dollar. In diesem Jahr wurden für den gleichen Bereich 58,5 Milliarden US-Dollar beantragt. Und dann gibt es die Einheit Defense Autonomous Warfare Group, die für autonome Kriegsführung, Drohnen und Schwarmkoordination zuständig ist. Die hatte im Jahr 2026 noch ein Budget von 226 Millionen US-Dollar. In diesem Jahr wurde für sie ein Budget von 54,6 Milliarden Dollar beantragt. Es ist gut belegt, dass Amazon, Microsoft, Google, Oracle und IBM die Hauptprofiteure von diesen erhöhten Verteidigungsbudgets sein werden. Bei der Entwicklung von KI geht es um so viel Geld, dass ich keine Chance sehe, dass wir uns dagegen auf demokratischem Wege wehren können.

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