Jazzpianist Abdullah Ibrahim ist tot: Ein lyrischer Minimalist aus Kapstadt
Vom Apartheidregime blockiert, machte der südafrikanische Jazzpianist Abdullah Ibrahim in Europa Karriere. Jetzt ist er 91-jährig gestorben.
In der alten Bundesrepublik, vor 1989, war München die deutsche Jazzmetropole. Mit Klubs wie dem Domizil in Schwabing, der Unterfahrt in Haidhausen und einem florierenden Konzertleben auf höchstem Niveau, mit international erfolgreichen Labels wie ECM und Enja. In diese Szene kam in den 1970ern auch der südafrikanische Pianist Abdullah Ibrahim und fühlte sich bald heimisch.
Dem Künstler, der 1934 als Johannes Brand in Kapstadt geboren wurde, blieben in der Heimat alle Türen verschlossen. Als Schüler, der zwei Klassen übersprungen hatte, wurde er gehänselt, riss von zu Hause aus. Das Medizinstudium blieb ihm verwehrt, auch aufs Konservatorium durfte er aufgrund der Apartheidpolitik nicht gehen. Also schlug sich Dollar Brand in Tanzbands durch. Schon in den 1950ern entdeckte er im Bebop-Jazz aus den USA seine musikalische Bestimmung, gründete zusammen mit dem Trompeter Hugh Masekela die Jazz Epistles, die den Sound der Townships mit Jazz kreuzten.
Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges verschärfte sich die Diskriminierung der Schwarzen in Südafrika drastisch. 1961 verließ Brand – wie andere Künstler:Innen – das Land, ging zunächst in die Schweiz, dann nach Paris, wo er Duke Ellington kennenlernte, der ihn nach Kräften förderte. Etwa mit dem Album „Duke Ellington presents the Dollar Brand Trio“ (1963). 1968 trat der Künstler zum Islam über, nannte sich aber erst später Abdullah Ibrahim, wobei der Gospelsound der African-Episcopal-Gemeinde seiner Mutter und Großmutter immer prägend blieb.
Sein Stil am Piano war sparsam, er war hörbar vom lyrischen Minimalismus eines Thelonious Monk geprägt, genauso kamen lokale südafrikanische Idiome zur Geltung. 1974, bei einem Besuch in der Heimat, komponierte er „Mannenberg“, eine Suite über die Zwangsumsiedlung von Bewohnern einer Township, das sich später zur Hymne der Antiapartheidbewegung entwickelte.
In den späten 1970ern und 80ern lebte Dollar Brand zeitweilig in München und nahm hochgelobte Alben auf. Obwohl ihn Nelson Mandela 1990 dazu brachte, nach Südafrika zurückzukehren und zu Ehren von dessen Amtseinführung zu spielen, blieb Dollar Brand Bayern immer eng verbunden. Seinen Lebensabend verbrachte der Pianist am Chiemsee, wo er hochbetagt im Alter von 91 Jahren nach einem langen, steinigen, aber auch enorm reichen Künstlerleben Anfang Juni gestorben ist.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert