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100. Geburtstag von Miles DavisThe Man with the Horn

Er war cool, selbstbewusst, prangerte Rassismus an und wäre am 26. Mai 100 Jahre alt geworden: der US-Trompeter Miles Davis. Was bleibt vom Werk des Musikers?

Sein bestes Album? „In A Silent Way“, „Get up with it“ oder doch klassisch „Kind of Blue“? Der Magus Miles Davis im Jahr 1990 Foto: Guy Le Querrec/Magnum Photos/Ostkreuz Archiv

Es sind Silhouetten, die in Erinnerung bleiben: Der Künstler vorn übergebeugt, konzentriert, seine Trompete zeigt senkrecht zu Boden. Oder: auf der Bühne als schattenhafte Gestalt mit dem Rücken zum Publikum stehend, abweisend wirkend. Andere Fotografien, die sich ins Gedächtnis gebrannt haben, zeigen ihn in Schwarz-Weiß im Aufnahmestudio, konzentriert zuhörend. Den Oberkörper zu einer geschwungenen Linie zurückgelehnt, die Augen geschlossen, die Trompete nach vorne gestreckt.

Auf dem Cover der Illustrierten Jet ist er 1970 in pinkfarbenem Hemd und leuchtend blauen Schlaghosen gekleidet, dazu trägt er Ledermantel und silberne Stiefel mit hohen Absätzen. „Fight Bias In Radio Against Famous Blacks“ (Bekämpft Vorurteile im Radio, die sich gegen berühmte Schwarze richten), steht als Titelzeile daneben.

Späte Aufnahmen von Annie Leibovitz und Irving Penn porträtieren ihn in den 1980ern als Schwarze Ikone: den Blick in die Kamera gerichtet, das Gesicht in die Hände gestützt, jede eingeschriebene Hautfalte sichtbar. Bei Penn sind es die Hände des Trompeters, die zum Sinnbild seiner Musik werden. Entstanden sind die Bilder während der Aufnahmesession von „Tutu“ 1986, dem ersten Album nach dem Wechsel von seiner langjährigen Plattenfirma Columbia zum Konkurrenten Warner. Dunkel, einsam, trotzig.

In jener Zeit, fünf Jahre vor seinem Tod 1991, ist Miles Davis bereits gezeichnet von seiner langjährigen Drogensucht. Zwischen 1975 und 1981 lebt er zurückgezogen in seinem Haus in Manhattan, das er teilweise wochenlang nicht verlässt. Währenddessen erscheinen Artikel, werden Radiosendungen ausgestrahlt, die ein Comeback beschwören. Schon damals gilt Miles Davis als Inbegriff des Jazzmusikers: cool, selbstbewusst, unangepasst, mit einem fließenden, lyrischen und zugleich sparsamen Ton.

Jahrhundertwerk „Kind of Blue“

Trompete spielt er ohne Vibrato, gedämpft, melancholisch, mit der Sehnsucht des Blues. Wie auf seinem Jahrhundertwerk „Kind of Blue“ (1959), dem bis heute meistverkauften Album des Jazz. Wobei Jazz für Miles Davis zeitlebens ein Begriff bleibt, den er als „weiß“ ablehnt; als Zuschreibung und Begrenzung einer Musik, die er von Beginn an visionär weiterdenkt.

1944 kommt er als 18-jähriges Talent nach New York. Miles Dewey Davis III, der am 26. Mai 1926 in East St. Louis geboren wurde und als Sohn eines Zahnarztes und einer Musiklehrerin in einem bürgerlichen Umfeld aufwächst, schreibt sich an der Juilliard School of Music in New York ein. Im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs spielen in den Clubs der 52. Straße Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Thelonious Monk atemlos schnelle Läufe und komplexe Rhythmen. Bebop in kleineren Combos hat die großen Orchester der Swingära abgelöst, Jazz wird zur intellektuellen Kunstform und Miles gerät mitten hinein in diesen Strudel aus Stilwechseln und -brüchen.

Auf den Fotos aus den späten 1940ern wirkt er noch schüchtern, zurückgenommen. Wie er später in seiner Autobiografie „Miles“ schreiben wird, frequentiert er damals die Bibliothek an der Fifth Avenue, um Partituren von Igor Strawinsky und Alban Berg zu studieren. Von zeitgenössischer Musik ist auch Charlie Parker beeinflusst. 1945 geht Miles zum ersten Mal mit ihm ins Studio, 1948 ist er auf dessen Live-Aufnahme „Bird On 52nd Street“ zu hören, spielt aufbäumende Bebop-Linien auf der Trompete. Ein Jahr später nimmt er als 22-Jähriger mit seinem Nonett – einer für den Jazz ungewöhnlicher Besetzung mit Tuba und Waldhorn – sein stilprägendes Album „Birth of the Cool“ auf, das jedoch erst 1957 veröffentlicht wird.

Es markiert den Beginn der Zusammenarbeit mit dem Arrangeur Gil Evans, auch „Kind of Blue“ verdankt sich dieser Liaison. Zur Aufnahmesession 1959 kommt Miles in das New Yorker CBS Studio in der 30. Straße mit seinem Sextett, darunter sind John Coltrane am Saxofon und der Pianist Bill Evans. Miles hat für die Musiker keine Partitur, nur die Vorgabe, innerhalb einer tonalen Skala zu improvisieren. Diesen modalen Stil hatte er ausgehend von Überlegungen des Komponisten George Russell entwickelt, der 1953 „The Lydian Chromatic Concept of Tonal Organization“ veröffentlicht hatte, ein Manifest in Buchform, worin er eine Form von Improvisation propagiert, die losgelöst von Akkordwechseln erfolgen soll.

Brutal misshandelt und inhaftiert

Nach der Veröffentlichung von „Kind of Blue“ ist Miles Davis auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Er residiert in einem eleganten Brownstone-Gebäude in Upper Manhattan, fährt dicke Schlitten und bekommt Titelstorys in Hochglanzmagazinen wie Ebony. Die USA ist zu jener Zeit noch immer segregiert, es gibt Restaurants und Hotels nur für Weiße. An einem Abend im August 1959 wird Miles Davis während der Pause eines Konzerts vor dem Jazzclub Birdland von einem Polizisten brutal misshandelt und inhaftiert. Er prangert danach öffentlich Rassismus und Polizeigewalt an und weigert sich fortan, in segregierten Clubs aufzutreten.

Miles Davis, der im Elternhaus häusliche Gewalt mitbekommen hat, heiratet in erster Ehe die Tänzerin Frances Taylor. Taylor verlässt ihn aufgrund von häuslicher Gewalt und zunehmend erratischem, auf Drogenkonsum zurückführendem Verhalten. 1968 heiratet er die Sängerin Betty Mabry. Mit ihr verändert sich sein Kleidungsstil, er propagiert nun „Black is Beautiful“, sein Sound nimmt Elemente von Funk, westafrikanischer Musik auf.

1969 geht Miles ins Studio, um sein Doppelalbum „Bitches Brew“ aufzunehmen. Dessen Sound sollte wegweisend werden und steht am Beginn von „electric Jazz“ und progressivem Rock. Die Musik auf „Bitches Brew“ ist von den frühen elektronisch-synthetischen Kompositionen und der Collagetechnik Edgar Varèse’ beeinflusst, sie gilt als elektronisches Konzeptalbum, in dem Klangelemente von Miles und Produzent Teo Macero im Nachhinein am Mischpult neu zusammengefügt werden.

Intern ist man bei Columbia unsicher, ob der Titel „Bitches“, ein herabsetzendes Wort für eine sexuell selbstbestimmte Frau, im Titel bleiben soll. Im Schwarzen Slang und später im HipHop bezeichnet das Wort eine Frau, die selbstbewusst, unabhängig und erfolgreich ist. Davis steht dabei in einer Tradition, die historisch abwertende Begriffe in Symbole der Stärke umwandelt.

Zusammenarbeit mit Paul Buckmaster

Auf seinem nächsten Werk, dem Doppelalbum „On The Corner“ (1972) experimentiert Miles mit Wah-Wah-Effekt an der Trompete, setzt elektronisches Orchester mit verstärkten Tablas, Tape-Manipulationen und Stockhausens Idee zirkularer Komposition ein. Schon zuvor hatte er mit dem britischen Cellisten und Arrangeur Paul Buckmaster, der auch für „Space Oddity“ von David Bowie die Streicher arrangiert hatte, die Aufnahmen vorbereitet.

In den Liner Notes erinnert sich Buckmaster, dass Miles Davis „Gruppen“ und „Mixtur“ von Stockhausen in voller Stärke über die Lautsprecher spielte, die überall in seinem Haus installiert waren. Eine Kassette mit „Hymnen“ lief in seinem Lamborghini Miura. In seiner Autobiografie schreibt Miles über das Album: „Meine Kompositionen waren schon lange Zeit zirkular angelegt. Mit Stockhausen verstand ich Musik als einen Prozess von Addition und Subtraktion.“

1990 schreibt die Autorin Pearl Cleadge ihren Essay „Mad at Miles“, auch als Reaktion auf Aussagen von Miles’ letzter Ehefrau, der Schauspielerin Cicely Tyson, die ihn ebenfalls wegen seiner Gewalttätigkeit verlassen hatte. Kann man, wenn man es liebt, das Werk vom Autor trennen, fragte Cleadge in „Mad at Miles“. Was bedeutet dies für die Kanonisierung eines Jahrhundertkünstlers und musikalischen Visionärs, von dem Frances Taylor später sagte, zu ihm gehörte die Schönheit und Zärtlichkeit seiner Musik ebenso wie seine Dämonen? Als „Evil Genius“ bezeichnete ihn der Pianist Cecil Taylor, als „Picasso des Jazz“ der Komponist und Bandleader Duke Ellington.

Miles Davis stirbt am 29. September 1991 mit 65 an den Folgen eines Herzinfarkts. Er selbst sagte: „Nicht die Note, die du spielst, ist die falsche Note – es ist die Note, die du danach spielst, die sie richtig oder falsch macht.“

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