Jahrestag des Halle-Anschlags: „Da ist etwas schiefgelaufen“

Vor zwei Jahren versuchte ein Attentäter in Halle, die Synagoge zu stürmen. Gemeindevorsteher Max Privorozki kritisiert die Integrationspolitik.

Eine Mauer mit einer Tür im Vordergrund, im Hintergrund ist die Synagoge zu sehen

Der Eingang zur Synagoge von Halle zwei Jahre nach dem Anschlag Foto: Hendrik Schmidt/dpa

taz: Herr Privorozki, am Samstag wird Ihre Gemeinde wieder Schabbat feiern – der diesmal auf den zweiten Jahrestag des Anschlags auf Ihre Synagoge fällt. Mit welchen Gefühlen gehen Sie in diesen Tag?

Max Privorozki: Die Anspannung hatten wir schon beim letzten Jom Kippur. Bei der Feier bekam ich um zwölf Uhr, als der Anschlag damals begann, wieder ein beklemmendes Gefühl. Ich wusste, es wird nichts passieren. Aber trotzdem war die Erinnerung wieder wach. Als wir die Tora-Lesung abgeschlossen hatten, haben wir uns gemeinsam an den Anschlag erinnert und ein Gebet gesprochen für die zwei Opfer, Kevin und Jana.

Und wie wird es am Samstag ablaufen?

Auch da werden wir beim Schabbat wieder für Kevin und Jana beten. Und dann wird es draußen ein kleines Gedenken geben, das die Stadt und das Land organisiert haben, und dem wir uns anschließen. Auch vor dem Kiezdöner soll etwas stattfinden. Es wird alles aber viel kleiner als im letzten Jahr.

Zum ersten Jahrestag des Anschlags kamen Bundespräsident Steinmeier, Familienministerin Giffey und Ministerpräsident Haseloff.

58, ist Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Halle. Beim Anschlag zu Jom Kippur 2019 war Privorozki mit fünfzig weiteren Gläubigen in der Synagoge.

Ja, das war ein schönes Zeichen, aber auch ein ganz schöner Medienrummel. Ich versuche inzwischen dafür zu sorgen, dass nicht ständig TV-Kameras in der Synagoge sind. Das war für viele Gläubige doch eine Belastung.

Beim Anschlag wurde die Passantin Jana L. erschossen und im nahen Kiezdöner der Mittagsgast Kevin S. Haben Sie noch Kontakt zu den Familien oder den Kiezdöner-Betreibern?

Ich sehe Herrn Tekin, der den Kiezdöner betreibt, noch ab und an. Unsere Gemeinde und die Jüdische Studierendenunion hatten nach dem Anschlag ja für den Kiezdöner Spenden gesammelt, das war uns ein Anliegen. Aber nun hat jeder sein Leben und seine Arbeit, mit dem er beschäftigt ist. Ich freue mich aber jedes Mal, wenn ich mit Herrn Tekin spreche.

Wie präsent ist der Anschlag in Ihrem Gemeindealltag?

Wir sprechen nicht mehr darüber, das macht jeder mit sich aus. Unsere Gottesdienste gingen ja auch nach dem Anschlag weiter, wir haben keinen einzigen ausfallen lassen. Das kam erst mit der Corona-Pandemie, die für unsere Gemeinde eine harte Zeit war. Ich kann für mich aber sagen: Ich werde diese Tat nie vergessen. Das ist wie mit meinen verstorbenen Eltern. Ich denke auch nicht täglich an sie, aber sie sind präsent, besonders an Jahrestagen. Und dieser Tag des Anschlags wird immer in meinem Gedächtnis bleiben, das wird nie weggehen.

Die Tat: Am 9. Oktober 2019 versuchte ein damals 27-jähriger Rechtsterrorist zu Jom Kippur, die Synagoge in Halle zu stürmen. Er scheiterte an der Eingangstür, erschoss aber die Passantin Jana L. und den Mittagsgast Kevin S. im benachbarten Kiezdöner. Mehrere weitere Menschen wurden teils schwer verletzt.

Das Gedenken: Am Samstag sollen in Halle um 12.04 Uhr, dem Beginn des damaligen Angriffs, zum Gedenken in der Marktkirche die Glocken läuten. Die Gemeinde ruft zum „Innehalten“ auf. Um 13 Uhr will Halles Bürgermeister Egbert Geier mit Ministerpräsident Reiner Haseloff vor der Synagoge einen Kranz niederlegen, danach auch vor dem Kiezdöner. Parallel gibt es ein Fußballturnier unter dem Motto „Gemeinsam gegen das Vergessen“ im Stadtteil Silberhöhe. Die „Initiative 9. Oktober“ ruft um 19 Uhr zu einer Kundgebung am Steintor auf – und fordert weitere Aufklärung über den Anschlag.

Fühlen Sie sich sicher?

Ich würde nicht sagen, dass es noch direkte Angst gibt. Die Situation ist heute eine ganz andere, die Kommunikation mit der Polizei ist eine andere. Aber wir wissen, dass immer etwas passieren kann – nicht nur in unserer Gemeinde. Sehen Sie, was zu Jom Kippur in Hagen passiert ist, wo der Gottesdienst auch wegen eines Anschlagplans abgesagt werden musste. Es kann immer etwas passieren, auch außerhalb der Gemeinden. So ist die Welt.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von dem Anschlagsplan in Hagen hörten?

Ich hatte schon eine Warnung bekommen, bevor die Medien darüber berichteten. In der Erstinformation hieß es noch, es gehe um eine Gemeinde mit den Anfangsbuchstaben „Ha“. Das hätten also auch wir sein können. Aber kurz darauf war klar, es geht um Hagen. Natürlich dachte ich sofort wieder an die Tat bei uns. Ich habe in unserer Gemeinde bei der Jom-Kippur-Feier davon erstmal nichts erzählt, erst später. Da waren alle natürlich bestürzt.

Als am 9. Oktober 2019 der Attentäter die Synagoge stürmen wollte, war keine Polizei vor Ort. Sie sagen, heute ist es besser. Was heißt das?

Seit dem Anschlag weiß die Polizei über alle unsere Veranstaltungen Bescheid, sie ist immer live informiert. Auch ist sie mehr vor Ort an der Synagoge. Es ist eine ganz andere Qualität der Zusammenarbeit. Auch die Sicherheitsumbauten, die das Landeskriminalamt uns empfohlen hat, haben wir begonnen. Das ist sehr kompliziert und aufwendig, aber es ist auf dem Weg.

Sie fühlen sich besser geschützt?

Auf jeden Fall. Aber wir wissen: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.

Vor kurzem wurde bekannt, dass eine Polizistin aus Bitterfeld dem inhaftierten Attentäter sympathisierende Briefe schrieb. Unglaublich, oder?

Für mich zeigt das, dass die Polizei wirklich Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Die Polizei hat ihre Probleme – so wie alle anderen auch. Natürlich ist der Vorfall unglaublich, aber er steht nicht für die ganze Polizei. Dass die Polizei immer alles falsch macht, egal was passiert, das teile ich nicht. Das habe ich auch in dem Prozess gegen den Attentäter so gesagt. Für mich war das größte Problem bei dieser Tat, dass seine Familie nichts gegen die Radikalisierung gemacht hat. Er saß einfach zu Hause, auf Kosten von Mutter und Vater, und wir haben sogar noch erfahren, dass auch die Mutter antisemitische Ansichten hatte – eine Ethiklehrerin, die mit Kindern arbeitet! Das ist doch das eigentlich Unfassbare.

Sie kritisierten nach den anti-israelischen und antisemitischen Protesten bundesweit auch die Politik, sprachen von einem Versagen in der Integrationspolitik. Warum?

An diesen Demonstrationen, auch bei uns in Halle, nahmen viele teil, die hier zugewandert sind. Bei uns in Halle hat die Polizei gut reagiert, aber anderswo wurden Israel-Fahnen verbrannt. Da ist doch etwas in der Integration schiefgelaufen! Es gibt Beiräte, Runde Tische, Konferenzen zu Antisemitismus – aber was ändert sich danach wirklich?

Was muss sich ändern?

Für die Politik heißt Integration meistens, die deutsche Sprache zu erlernen und einen Beruf zu finden. Das ist wichtig, unbestritten. Aber genauso wichtig ist es, die Werte und Regeln dieses Landes zu kennen und zu eigenen zu machen. Und eine davon ist, dass Antisemitismus hier nicht willkommen ist. Als wir aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen, mussten wir auch lernen, dass wir nicht mehr in einer Autokratie, sondern in einer Demokratie leben. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Leute das sofort aufnehmen. Das muss die Politik anleiten, in Integrationskursen und Schulen, auch heute. Das ist eine sehr lange, nachhaltige Aufgabe, die leider vergessen worden ist.

Nach dem Anschlag verkündete die Bundesregierung ein Maßnahmepaket, die Landesregierung in Sachsen-Anhalt schloss eine Sicherheitsvereinbarung mit den jüdischen Gemeinden ab. Ist das zu wenig?

Das war alles richtig. Wir brauchen weniger Worte und mehr Taten. Vor allem müssen Recht und Gesetz konsequent umgesetzt werden. Zuletzt aber ging es immer weiter. In Hamburg wurde ein Mann brutal angegriffen, der auf einer Israel-Kundgebung stand. Und in Hagen, wo jetzt der Anschlag vereitelt wurde, wurde im Frühjahr aus Angst vor Antisemiten eine Israel-Fahne vor dem Rathaus abgehängt. Wie kann das sein?

In Halle startete nach langer Diskussion an einer Grundschule jüdischer Religionsunterricht. Ein Erfolg?

Ja, das hat das Bildungsministerium durchgesetzt und das hat mich wirklich gefreut. Jahrelang hieß es, das sei logistisch sehr schwierig – und nun geht es. Das zeigt: Wenn man etwas wirklich möchte, dann findet man Wege. Wie bei den Jüdischen Kulturtagen, die gerade in Sachsen-Anhalt laufen. Da hätten wir uns schon vor Jahren gewünscht, dass das Land hierfür die Verantwortung trägt, so wie im Staatsvertrag vereinbart. Aber letztlich haben wir es immer in Halle organisiert. Dieses Jahr nun finanziert das Land erstmals die Kulturtage. Darüber bin ich sehr froh.

Ihre Gemeinde ist aktiv, es gibt Religionsunterricht und Jüdische Kulturtage, in Sachsen-Anhalt werden zwei Synagogen gebaut. Das jüdische Leben ist präsent wie lange nicht. Kann man sagen, dass der Attentäter versagt hat?

Sie haben es selbst beantwortet: Ja, so ist es.

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