Italien feiert Tag der Befreiung: Wir haben ein Problem
Hunderttausende Antifaschist*innen gedenken der Nazi-Befreiung auf Italiens Straßen. Am Ende des Tages gibt es Schüsse. Meloni weiß davon offenbar nichts.
V iel los ist jedes Jahr am 25. April in Italien. Da wird im ganzen Land die Befreiung von Hitlers Nazibesatzern und ihren faschistischen italienischen Helfershelfern gefeiert, hatten sich doch an jenem Tag im Jahr 1945 überall im noch besetzten Norden von Ligurien über die Lombardei bis zum Veneto die Partisanenverbände zum entscheidenden Aufstand erhoben.
Der Tag beginnt ganz offiziell mit der feierlichen Kranzniederlegung durch den Staatspräsidenten am Grab des unbekannten Soldaten in Rom. In den letzten Jahren war da auch immer die – nie besonders enthusiastisch dreinblickende – Ministerpräsidentin und Postfaschistin Giorgia Meloni dabei, die dann allerdings den Rest des 25. April brav zu Hause verbringt.
In Mailand hat ein riesiger Demonstrationszug Tradition – dieses Jahr kamen rund hunderttausend –, Zehntausende waren in Rom auf der Straße. Kundgebungen gab es auch in Dutzenden größeren und kleineren Städten. Am nächsten Tag allerdings dominierte nicht die ausgelassene Stimmung der Antifaschist*innen die Schlagzeilen und TV-Berichte, sondern einige unschöne Episoden am Rande der Demos. Eine der Überschriften: „Krach statt Einigkeit“.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Los ging es in Rom. Dort wurden am Sammelpunkt der Demo einigen Teilnehmer*innen der kleinen linksliberalen Partei +Europa ukrainische Fahnen entrissen. „Faschisten mit roten Fahnen“ hätten sie mit Pfefferspray eingenebelt, empörte sich einer der Attackierten, „diese Schande kennt keinen Präzedenzfall“.
Nicht viel anders ging es einem 80-jährigen Demonstranten in Bologna, dem von Ordnern der Zutritt zu dem Sammelplatz einer Demo der radikalen Linken verwehrt wurde, weil er mit einer ukrainischen Fahne unterwegs war. „Tiefe Trauer“ äußerte der alte Herr angesichts des Vorfalls. Sicher war ihm zumindest die Solidarität des Bürgermeisters von Bologna, Matteo Lepore. Der sah in dem Vorfall „eine Beleidigung für das, was dieser Tag repräsentiert“.
Israelische Fahnen und "Thank you Donald"-Schilder
Richtig zur Sache ging es dann auf der Großdemo in Mailand. Dort hatte sich wie immer in den letzten Jahren der Block der „Brigata ebraica“ eingefunden, der „Jüdischen Brigade“, die 1945 in den Reihen der alliierten Truppen gekämpft hatte. Tausende Demonstrant*innen versperrten ihnen den Weg und forderten sie zum Verlassen des Demonstrationszugs auf. In dem Block wurden nicht nur die israelische und die US-Fahne ebenso wie die Flagge Irans aus den Schahzeiten geschwenkt, sondern auch Fotos von Benjamin Netanjahu und Reza Pahlavi ebenso wie Trump verherrlichende Schilder mit der Aufschrift „Thank you Donald“ hochgehalten.
Am Ende musste die Brigata ebraica abziehen. Die Partito Democratico (PD) zeigte sich solidarisch und sprach von einem „absolut gravierenden“ Geschehen, ja von „einem antisemitischen Klima“. Mailands Jüdische Gemeinde wiederum warf dem Partisanenverband Anpi vor, er habe „das alles organisiert, weil er von Beginn an Nein zu Juden im Demonstrationszug gesagt hat“. So ganz stimmt das nicht: Ein Nein hatte es nur gegen das Mitführen israelischer Fahnen gegeben – und die Anpi klagt jetzt wegen Verleumdung gegen die Jüdische Gemeinde.
Ein weiterer Vorfall ereignete sich nachmittags in Rom. Dort wurden eine Frau und ein Mann mit einer Druckluftpistole beschossen; beide trugen das Halstuch des Partisanenverbands Anpi.
Am Ende des Tages meldete sich dann Ministerpräsidentin Meloni höchstpersönlich zu Wort. Sie zählte einige Vorfälle des Tages auf und resümierte sarkastisch: „Wenn dies die Leute sind, die sagen, dass sie Freiheit und Demokratie verteidigen, dann haben wir ein Problem.“
Ein Problem lässt Meloni in ihrer Aufzählung aber aus: Über den mit einer Schusswaffe verübten Angriff auf die zwei Antifaschist*innen in Rom spricht sie nicht. Als Täter wurde drei Tage später ein 21-jähriges Mitglied der Jüdischen Gemeinde verhaftet.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert