piwik no script img

Iranische DiasporaSie lernen es einfach nicht!

Kommentar von

Shila Behjat

Während Protestierende in Iran Zusammenhalt fordern, ist die Diaspora heillos zerstritten. Dabei führt die Spaltung dazu, dass Aufstände scheitern.

Verschiedene Lager und Demonstrationen: Hier eine Kundgebung vom Samstag in Berlin, mit An­hän­ge­r:in­nen Reza Pahlavis Foto: Michael Kuenne/zumapress/picture alliance

W ir stehen zusammen. Dieses Graffiti zeigte sich am vergangenen Donnerstag in Maschhad, einer Stadt im Nordosten Irans. Am Montag danach ging das Video einer Iranerin viral, die gerade aus Iran nach Istanbul zurückgekehrt war. Unter Tränen beschreibt sie, was sie am meisten bewegt habe: „Die Menschen stehen zusammen. Sie sagen, sie kämpfen zusammen.“

Zusammenhalt. Einig gegen das Regime. Darum geht es seit über zwei Wochen für die Protestierenden in Iran.

Und die iranische Diaspora? Ist heillos zerstritten. Verschiedene Demonstrationen, verschiedene Lager. Wenn sie dabei alle „Nieder mit der islamischen Republik!“ rufen würden, wäre das ja in Ordnung. Aber bei diesem Slogan bleibt es nicht. Schon werden auf Social Media, werden bei den Demonstrationen die anderen angegriffen. Der eine soll eine linke Ratte sein, die andere eine faschistische Monarchin.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Das sind nicht nur persönliche Beleidigungen, es sind ideologische Kampflinien, entlang derer ein anderer tiefliegender, ein verheerender Konflikt ausgetragen wird. Es ist geradezu so, als würden die Streitenden den Kampf gegen die Mullahs in Iran nun zum Anlass nehmen, endlich auch diesen auszutragen. Wohlgemerkt vom Sofa aus, während in Iran die Menschen trotz Internetsperre, trotz der Scharfschützen, die das Regime auf sie angelegt hat, auf die Straße gehen. Bereit, alles zu riskieren.

Gemeinsam gegen das Regime

Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2024, die die Organisation Gamaan durchgeführt hat, wünschen sich 90 Prozent der Ira­ne­r:in­nen in Iran eine Demokratie. Aber jetzt, im Januar 2026 wollen sie vor allem, dass dieses Regime stürzt. Auch in Iran gibt es die verschiedenen Strömungen. Aber offensichtlich gehen die Menschen dort gemeinsam gegen dieses Regime auf die Straße.

Als Mitglied einer verfolgten Minderheit habe ich nicht den Luxus, mich jetzt in ideologische Kabbeleien zu begeben

Sie haben verschiedene politische Vorstellungen und Einstellungen. Menschen, die sich keine Monarchie wünschen, sind Reza Pahlavis Aufruf zu protestieren gefolgt – genauso wie jene, die schon immer für eine Rückkehr der Monarchie waren.

Natürlich habe auch ich persönliche Vorstellungen und politische Einstellungen. Ich wünsche mir eine demokratische Zukunft für Iran. Aber als Mitglied einer verfolgten Minderheit, die sowohl unter Schah Mohammad Reza Pahlavi entrechtet war, als auch in der islamischen Republik laut unterschiedlicher Menschenrechtsorganisationen zu den am schwersten verfolgten Minderheiten zählt, habe ich nicht den Luxus, mich jetzt in ideologische Kabbeleien zu begeben.

Der gemeinsame Feind

Und deshalb frage ich euch aus der iranischen Diaspora ganz direkt: Könnt ihr es mit eurem Gewissen ausmachen, eure eigenen politischen Interessen und persönlichen Kränkungen auf dem Rücken solcher Menschen auszutragen wie dem von Bahá’i Mahvash Sabet, die bereits fast zwanzig Jahre im Gefängnis sitzt? Die dort bleiben wird, solange es dieses Regime gibt? Auf dem Rücken der vermutlich Tausenden Toten unter den Protestierenden? Auf dem der Frauen, denen 2022 ein Auge ausgeschossen wurde? Auf dem von Erfan Soltani, der protestierte, zum Tode verurteilt wurde und am Mittwoch hingerichtet werden soll?

Haben sie es nicht verdient, endlich in Freiheit zu leben? Die Spaltung hat immer wieder dazu geführt, dass politische Aufstände gescheitert sind. Mangels echter Alternative zu diesem Regime.

Der iranischen Diaspora muss klar sein: Jetzt dürfen nicht die Konflikte in den eigenen Reihen ausgetragen werden. Es muss zuerst der gemeinsame Feind verschwinden. Dieses Regime zu Fall zu bringen, wird ein enormer Kraftakt sein. Das darf niemand unterschätzen.

Und ebenso darf niemand verniedlichen, wenn die Ira­ne­r:in­nen selbst dafür werben, zu diesem Zeitpunkt einig zu sein. Ist es nicht gerade zu überheblich, dem aus dem Ausland heraus einen Zusatz zu geben oder eine andere Bedeutung? Einig zu sein, ist kein Wunschdenken. Es ist die einzige Strategie, die erfolgversprechend ist: zusammenzuhalten.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare