Interview mit Judith Holofernes

"Ich muss aus der Hüfte schießen"

Judith Holofernes ist keine Heldin mehr, sondern Solokünstlerin. In Kürze erscheint ihr Album "Ein leichtes Schwert". Ein Gespräch über den Abschied von der Band, Kreuzberg und Rio Reiser.

"Berlin ist die einzige bezahlbare Hauptstadt, die ich kenne, und das verlieren wir gerade": Judith Holofernes. Bild: dpa

Ein sonniger Tag in der Hasenheide. Frühling im Januar. Ein Hippie-Pärchen jongliert mit Bällen, Schulkinder cruisen mit ihren Fahrrädern durch den Park. Judith Holofernes hält ein Diktiergerät in der Hand und beantwortet im Gehen die Fragen des Interviewers. Weil sich „Frau Holofernes“ oder „Frau Holfelder-Roy“ komisch anhört, beschließt man, sich zu duzen

Judith Holofernes: Danke, dass wir spazieren gehen können.

taz: Kein Problem. Wenn du lieber im Laufen sprichst.

Ich kann draußen manchmal besser denken.

Zurzeit kommst du ja viel an die frische Luft. Neulich bist du als Ritter und Pferd durch Berlin gehüpft, habe ich in dem Video zu deinem neuen Album „Ein leichtes Schwert“ gesehen.

Der Dreh war lustig. Die Leute haben das Pferd so schamlos angegafft, es an den Hintern gefasst, das war abenteuerlich. Die hatten keine Berührungsängste: „Is det niedlisch! Kuck ma, de Hufe! Kannste ooch Galopp?“ An der Mediaspree war interessanterweise der einzige Ort, an dem wir weggejagt wurden: „Haben Sie eine Drehgenehmigung?“, hat uns da so ein Wächter gefragt. Hatten wir natürlich nicht.

Judith Holfelder-Roy, 37, wuchs mit ihrer Mutter in einer Kreuzberger WG auf. Die Schule besuchte sie in Freiburg. Nach einer Zeit als Straßenmusikerin und Solokünstlerin wurde sie 2003 mit Wir Sind Helden bekannt. Mit ihrem Mann Sebastian "Pola" Roy, dem Schlagzeuger von Wir Sind Helden, und den beiden gemeinsamen Kindern lebt sie in Kreuzberg.

Holofernes war Sängerin und Songwriterin von Wir Sind Helden. Obwohl alle vier Alben sehr erfolgreich waren, pausiert die Band seit April 2012 für unbestimmte Zeit. Am 7. Februar erscheint "Ein leichtes Schwert", Holofernes erstes Soloalbum seit 15 Jahren. Am 20. April stellt sie es im Astra Kulturhaus live vor. (jut)

Hast du dabei neue Ecken von Berlin kennengelernt?

Ja, die Britzer Mühle kannte ich nicht. Wir haben extra recherchiert, wo es Mühlen gibt.

„Ein leichtes Schwert“ heißen der Song und auch das Album. Wie kam es zu dem Titel?

Erst mal gab es das Lied. Als ich einmal Ärger mit einer Marketing-Agentur hatte, habe ich zu Pola, meinem Mann, gesagt: „Ich muss künftig wieder ein leichteres Schwert führen.“ Ich denke, dieser Ausdruck passt einfach zu mir, wie ich so rolle (lacht).

Wie du so rollst?

Um gut zu sein in dem, was ich mache, und gleichzeitig glücklich zu sein, muss ich sehr aus der Hüfte schießen – spontan sein, begeisterungsfähig und leichtfüßig. Und ein leichtes Schwert ist auf jeden Fall ein schlagkräftiges Schwert, ein präzises, schnelles.

Was waren denn die schwersten Kämpfe, die du in den letzten Jahren ausgefochten hast?

Eine Band loszulassen, an der ich wahnsinnig hing. Und nicht nur ich, sondern auch ein paar andere Leute. An der Band war nichts zerrüttet – und ich musste mich doch davon losreißen. Das war ein harter innerer Kampf.

Warum wolltest du Wir sind Helden auf Eis legen?

Ich hab mich abgekämpft. In den letzten Festivalsommern war ich eigentlich schon müde und traurig, habe mir aber lange was vorgemacht. Es fühlte sich einfach nicht mehr gut an. Gleichzeitig ist man in einem Beruf, den man liebt und doch toll finden will. Aber wenn man merkt, es fühlt sich nicht mehr richtig an, sollte man es nicht herauszögern. Immerhin haben wir zwölf Jahre gemeinsam Musik gemacht.

Du hast zuletzt viel über Kreuzberg gebloggt und bist dem Stadtteil sehr verbunden. Welches sind denn die wichtigsten Kämpfe, die hier zurzeit ausgefochten werden?

Was mich ärgert, sind die vielen oberflächlichen Scharmützel und dass viele Leute zu viel Energie auf die falschen Feindbilder verschwenden. Zum Beispiel werden aus dem sehr gerechtfertigten Gefühl heraus, dass in der Mietpolitik einiges schiefläuft und Bevölkerungsteile verdrängt werden, falsche Schlüsse gezogen: Dann laufen Leute mit Jutebeuteln rum, auf denen „Ausländer raus“, nee, sorry, „Touristen raus“ steht.

Im Hamburger Schanzenviertel hat sich an einem dieser „Kauf Dich glücklich“-Shops der ganze Frust der Gentrifizierungsgegner entladen: keine Scheibe mehr heile, zig Farbbeutelattacken. Wissen die nicht, wohin mit ihrer Wut?

Am Ende des Tages sind viele Leute auch einfach nicht so schlau. Es gibt ja die passenden Feindbilder. Warum bündelt man die Kräfte nicht dagegen und hält sich mit dieser Zeichensprache auf? Ich wäre dafür, dass man ganz oldschool das Wort „Spekulanten“ revitalisiert und sich mit dem Kern des Problems beschäftigt. Und sich darüber klar wird, dass es keine coole Art gibt, „Ausländer raus“ zu sagen, ob das nun spanische Hipster sind oder sonst etwas. Oh sorry, noch so ein Ärgerniswort.

Was ist daran ein Ärgernis?

Ach, letztendlich sind Hipster sowas von egal, und auch Latte macchiato-Muttis sind so was von egal im Vergleich zu anderen Dingen. Manchmal hab ich das Gefühl, es bleibt eine Gartenzaunmentalität in den Leuten, egal wie links, Indie oder was auch immer sie sich geben.

Und wie geht es Kreuzberg sonst so? Was war dir persönlich noch wichtig?

Das Thema Mietpreise ist mir wirklich wichtig. Weil ich aus eigener Anschauung sagen kann, dass Berlin einzigartig – wirklich einzigartig! – darin ist, wie man hier über Jahre hinweg Kunst machen kann, auch verquere Kunst, und sich nicht voll der Erwerbstätigkeit verschreiben muss. Und nicht früh aufgeben muss, weil man doch lieber den IT-Job nimmt. Das ist für mich das hervorstechendste Merkmal Berlins. Es ist die einzige bezahlbare Hauptstadt, die ich kenne, und das verlieren wir gerade. Vor ein paar Jahren habe ich das noch nicht geglaubt, mittlerweile aber schon. Na ja, es gibt vieles, was mich bewegt, die Schulpolitik etwa bewegt mich natürlich auch – spätestens, seit ich Kinder habe.

Dein Sohn ist gerade eingeschult worden, oder? Und hat eine SPD-Schultüte gekriegt, wie du im Blog schreibst.

Ja, Heidewitzka. Die verteilen an den Schulen Werbematerialien – an den Eltern vorbei.

Aber das meintest du nicht mit Schulpolitik?

Die Regelung mit den Einzugsgebieten ist eine Katastrophe. Die sind viel zu eng, die schaffen echt Gettos. Wenn du ’nem Skandinavier erzählst, wie das bei uns läuft, der würde es nicht glauben. Da brauchen wir uns nicht wundern, wenn Kinder nicht aus ihren Milieus herauskommen. Das geht so nicht, in einer Stadt, die Gott sei Dank so inhomogen ist.

Inwiefern hast du das selbst mitgekriegt?

Auf unserer Einzugsgebietsschule haben 98 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Wir hätten unser Kind da hingegeben, aber die wollten gar nicht, dass unser Kind auf diese Schule geht. Die Direktorin selbst sagt, sie bemüht sich nicht mehr um deutschsprachige Kinder. Die, die dabei am meisten verlieren, sind die Kinder mit Migrationshintergrund. Selbst einige türkische Eltern aus unserem Kinderladen würden sich eher die Hand abhacken, als ihr Kind auf eine solche Schule zu schicken. Die ziehen dann auch nach Zehlendorf, wenn sie können.

Waren deine Kinder eigentlich auch ein Grund, mit den Helden zu pausieren?

Das war schon mit ausschlaggebend, aber nicht nur – ich will das nicht meinen Kindern in die Schuhe schieben. Aber mit den Kindern und Babysitter zu touren war natürlich hart.

Und wenn du jetzt tourst, gibt es eine klare Teilung: er die Kinder, sie die Konzerte?

Genau, wir haben entschieden, dass Pola jetzt nicht mit auf Tour geht. Und wenn er dann mit seiner jetzigen Band (namens Per Anders, d. Red.) unterwegs ist, bleibe ich daheim.

Rein inhaltlich könnte dein neues Album auch eine Platte von Wir Sind Helden sein, oder?

In dem Sinn, dass ja eh immer ich die Texte geschrieben habe: klar. Das Neue ist, dass die Musik komplett von mir ist, wobei ich mich da in den Helden auch gut wiedergefunden habe und auch die ganzen Gesangsmelodien und so geschrieben habe. Der Unterschied ist, dass ich von vorne bis hinten auf mich allein gestellt war, was sehr lustig war. War schön. Doch, kann man so machen.

Gleich im ersten Song, „Nichtsnutz“, gründest du eine „Müßig-Gang“, die sich dem Leistungsdruck, der Verwertungslogik verweigert. Gleichzeitig fällt dir das Nichtstun enorm schwer, oder?

Nicht so, wie man vielleicht denken würde. Ich finde, dass Müßiggang sich nicht so doll mit Produktivität ausschließt. Aber Geschäftigkeit schließt sich ganz doll mit Produktivität aus. Müßiggang passt ganz gut zu einem produktiven Künstlerleben – zumindest mehr, als wahnsinnig busy zu sein.

Wie sieht bei dir dann Müßiggang aus?

In dem Zeitraum, in dem die Platte entstand, bin ich zum Beispiel viel spazieren gegangen. Ich war auch oft auf Konzerten, habe viel Musik gehört. Klar, driftet das auch schnell in semiberufliche Sphären ab. Ich hab etwa nächtelang das Werk der Slits aufgearbeitet. Dann wird daraus auch wieder – in Anführungsstrichen – Arbeit, weil am Ende ein Song dabei rauskommt.

War die Produktion des Albums denn harte Arbeit?

Ich hatte eine gute Zeit im Studio. Eine fast unanständig gute Zeit (lacht). Es war sehr entspannt. Mit langen Mittagspausen, viel Kaffeetrinken und gutem Essen. Das alles im Sommer. Die Studioarbeit hat etwas schön Eindeutiges: Du gehst morgens hin, weißt genau, was du machst und wann du fertig bist. Viele Dinge um das Musikmachen herum – Videos, Artwork, Interviews, Marketing – fallen mir schwerer.

Hat es sehr lange gedauert?

Nein, nicht unbedingt. Ich hab ein Jahr lang Demos gemacht und geschrieben. Dann haben wir irgendwann beschlossen, dass der Weg von den Demos zur fertigen Platte nicht so weit ist. Es sollte schrabbelig bleiben. Am Ende waren wir zweimal sechs Wochen im Studio, was natürlich luxuriös ist für heutige Verhältnisse. Es ist unser eigenes Studio, in der Skalitzer, da haben wir keine Studiomiete. Es steckt viel Arbeit drin, aber nichts, was sich nach Arbeit angefühlt hat. Mein Produzent Ian Davenport und ich sind uns da immer sehr einig, wie es klingen soll. Das macht es einfacher.

Kürzlich ist ein langer Spiegel-Artikel über dich erschienen. Darin hieß es sinngemäß, Vermarktung interessiere Judith Holofernes nicht. Damit belügt man sich aber selbst, oder?

Ich habe auch nur davon gesprochen, dass mich Vermarktung nicht interessiert, während ich Songs schreibe, also im Entstehungsprozess. Da interessiert mich die spätere Rezeption nicht. Wenn so ein Album fertig ist, vermarkten wir es natürlich entsprechend. Und ich finde nicht mal alles, was Marketing ist, schlimm. Wenn ich coole Sachen machen kann, die Spaß machen – wie als Pferd und Ritter durch Berlin laufen, woraus dann ein Video wird –, habe ich überhaupt nichts dagegen.

Das Album hat bei Songs wie „Danke, ich hab schon“ und „Nichtsnutz“ einen deutlichen Punk-Einschlag. Den wirst du auch nicht mehr los, oder?

Nein, das gehört zu mir. Aber Punk bitte nicht in dem Sinne, dass man ihn musikalisch sehr eng definiert.

Was ist denn am Punk für dich bis heute wichtig?

Die Ästhetik, die Haltung. Es passt natürlich gar nicht zu Punk, wenn musikalisch sehr wenig Spielraum ist. Ich mochte immer so Groovepunk-Sachen. Es gab eine Zeit, als Punkbands fantastische Bassisten hatten. Das waren Bands, in denen alle spielten, als ob ’n Sack Kartoffeln die Treppe runterfällt, aber dahinter stand eine tierische Rhythmus-Gruppe. Das mochte ich immer. The Slits sind eben ein Beispiel.

Und was bleibt gut an der Ästhetik der Verweigerung?

Na ja, ich merke auch beim neuen Album, da tauchen Themen auf, die mich einfach immer begleiten. „Nichtsnutz“ ist dann etwa der kleine Bruder von „Müssen nur wollen“ (ein Wir-Sind-Helden-Song, d. Red.). Der „Nichtsnutz“ muss nichts mehr … (lacht dreckig). Zu formulieren, was man so alles muss, nämlich eigentlich erst mal gar nichts – dabei empfinde ich viel Vergnügen.

Und in „M.I.L.F.“ zählst du einfach deine Plattensammlung auf?

Ja, im Prinzip leiere ich da die ganze Playlist meines Computers runter. Einige Titel sind aber rausgeflogen. Schweren Herzens.

Rio Reiser wird zum Beispiel nicht erwähnt – dabei war der immer wichtig für dich, oder?

Stimmt, der kommt nicht vor. Mist, müssen wir noch mal neu aufnehmen (lacht). Rio Reiser war schon immer wichtig, aber dass mir das so anhängt, liegt vielleicht auch daran, dass ich immer Rio Reiser genannt habe, wenn ich gefragt wurde, welche deutschsprachige Musik ich höre.

Dabei müsstest du mit Rio Reiser ja groß geworden sein. In der Kommune, in der du mit deiner Mutter aufgewachsen bist, lief das doch bestimmt den ganzen Tag.

Klar, (leicht grölend) „Keine Macht für Niemand!“ Ich bin in einer WG aufgewachsen, ’ne richtige Kommune war das nicht. Aber da wohnte man schon an einem Tag mit dem und am nächsten Tag wieder mit jemand anderem zusammen. Mit der Musik meiner Mutter bin ich damals sozialisiert worden.

Und deine Mutter lebte später mit einer Frau zusammen?

Ja, die ersten drei Jahre meines Lebens lebte sie in einer Beziehung zu meinem Vater, später lebte sie mit einer Frau zusammen. Mit ihr zog ich dann nach Freiburg, als ich sechs war.

Dort hast du’s nicht so lange ausgehalten.

Das war auch ein Kulturschock! Wenn man so aufwächst wie ich … da ist Freiburg dann doch ziemlich konservativ. Die Kinder dort haben mich erst „Punker“ genannt wegen der strubbeligen Haare und so. Und dann hieß ich „Niemand“, weil ich nicht getauft war. Die haben mich echt „Niemand“ genannt!

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