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Internetsperre in IranStille als Form von Gewalt

Gastkommentar von

Lisa Neal

Der Blackout markiert eine neue Radikalität des Informationskriegs. Denn ohne Informationen gibt es kaum Chancen, die Ereignisse sichtbar zu machen.

Wegen der Informationsblockade ist die iranische Diaspora (hier in Frankfurt am Main) als Protestventil umso wichtiger Foto: Boris Roessler/dpa

S Schreib mir in den nächsten Stunden bitte keine Nachrichten. Falls ich verhaftet werde, dürfen sie unseren Chat nicht finden“, sagt F. in ihrer letzten Sprachnachricht. Es ist Donnerstag, der 8. Januar 2026. Sie will sich den Protesten anschließen. Es ist das erste Mal, dass sie seit den Frau–Leben–Freiheit-Protesten 2022 wieder mitgeht. Sie ist nervös. Seitdem: nichts.

Ich traue mich nicht, ihr oder anderen in Iran zu schreiben. Meine Freun­d*in­nen in der iranischen Diaspora warten ebenfalls. Darauf, dass das zweite Häkchen in der Nachricht auftaucht. Darauf, dass jemand sagt, ihre Familien und Freun­d*in­nen leben, auf einen Anruf, irgendeine Nachricht. Währenddessen werden jeden Tag neue Todes- und Verhaftungszahlen bekannt. Die Zahl der Getöteten wird je nach Quelle auf 5.000 bis 18.000 geschätzt, eine unabhängige Bestätigung ist bislang nicht möglich.

Bild: Jan Zappner
Lisa Neal

Lisa Neal ist Politikwissenschaftlerin und seit 2022 als Doktorandin Fellow am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg (IFSH). In ihrer Dissertation untersucht sie am Länderbeispiel Iran die geschlechtsspezifischen Auswirkungen von Sanktionen.

Eine so vollständige digitale Abriegelung hat es bisher noch nicht gegeben. Zwar blockierte das iranische Regime bereits 2019, 2022 und im Juni 2025 das Internet. Damals betraf dies vor allem die Verbindung zwischen dem Iran und der Außenwelt. Dieses Mal jedoch geht es über die bekannte Isolation hinaus: Auch die Kommunikation und Onlinedienste innerhalb des Landes sind unterbrochen.

Damit kommt der Blackout einer Kriegsmaßnahme gleich. Juristisch gesehen ist es kein formaler Krieg. Doch die Sperrung des Internetzugangs verletzt grundlegende Menschenrechte, darunter laut Artikel 19 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR) das Recht auf Informationsfreiheit.

Einzelne Aufnahmen erhalten enorme Macht

Der Blackout zeigt, was in einem Informationskrieg möglich geworden ist. Indes eröffnet er keine neue technische Dimension: Denn Medientechnik wird zuerst militärisch genutzt, bevor sie in den zivilen Einsatz übergeht. Die „Stille“ wird punktuell unterbrochen. Einzelne Bilder, Anrufe und Videos dringen nach außen. Sie zeigen, dass das Regime auf Protestierende schießt. Den Überblick zu behalten ist schwierig. Einzelne Aufnahmen erhalten enorme Macht. Diese Macht ist hilfreich, wenn sie Solidarität mit den Protestierenden erzeugt, kann jedoch gefährlich werden, wenn die Falschen sie nutzen. Denn Bilder müssen nicht wahr sein, um zu wirken, Informationen müssen nicht korrekt sein, um strategischen Erfolg zu erzielen.

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Der Verlauf der Bildverbreitung und der Reaktionen legt zudem bedenkliche Sehgewohnheiten offen. Zu Beginn waren es offenbar vor allem Männer, die streikten und protestierten. Diese Bilder verbreiteten sich nur mäßig schnell. Ab dem Moment jedoch, in dem Frauen zu sehen waren – zwei Beispiele: eine Frau posiert vor einer Überwachungskamera für ein Selfie, eine andere hält einen Leichensack im Arm, in dem mutmaßlich ihre Schwester liegt –, wurden die Aufnahmen stärker verbreitet.

Wo Proteste unterdrückt werden, braucht es die Diaspora als externen Resonanzraum

Der Blackout in Iran markiert eine neue Radikalität des Informationskriegs. Ohne Informationen gibt es kaum Chancen, die Ereignisse sichtbar zu machen. Wenn sie nicht dokumentiert werden, wird es schwer, Verantwortliche für Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft zu ziehen.

Die Leerstelle an Informationen wird auch von internationalen Ak­teu­r*in­nen genutzt. So gelingt es Donald Trump, sich als Hoffnungsträger zu inszenieren. Er fordert einen politischen Umbruch und droht mit einem militärischen Eingreifen. Dabei gerät jedoch aus dem Blick, dass Trump kein Interesse an einem progressiven Iran hat, sondern, wie in anderen Fällen bewiesen, vor allem eigene strategische und wirtschaftliche Interessen verfolgt.

Iran verfügt über eine große Diaspora

Der Sohn des letzten Schahs und repressiven Herrschers Irans, Reza Pahlavi, nutzt die Situation, um zum Regimewechsel aufzurufen. Er lebt in den USA und steht der Trump-Regierung nahe. Pahlavi will nach eigenen Angaben eine Übergangsfigur sein, was seine Kri­ti­ke­r*in­nen jedoch bezweifeln. Er nutzt die durch den Blackout erzwungene Stille, um sich als alternativlose Option zu präsentieren. Durch den Blackout wird nicht klar, wie groß die Unterstützung für ihn im Iran tatsächlich ist.

Die Islamische Republik selbst nutzt den Blackout und die internationalen Reaktionen darauf, um ihre eigene Rhetorik anzupassen. Der neue nationale Sicherheitsrat spricht davon, dass ein Präemptivschlag (militärischer Angriff mit der Absicht, einen unmittelbar bevorstehenden, sicheren Angriff des Gegners abzuwehren, d. Red.) möglich sei. Im Unterschied zu einem Präventivschlag, der eine präventive Selbstverteidigung bei Bedrohung darstellt, gibt es kaum nachvollziehbare Kriterien dafür, unter welchen Umständen ein solcher Schritt ausgeführt werden würde.

Was in Iran geschieht, richtet sich nicht nur gegen die Menschen vor Ort, sondern auch gegen jene, die gezwungen sind, von außen zuzusehen. Auf die Frage, wie meine iranischen Freun­d*in­nen die Situation aushalten, antworten sie, sie suchten nach Wegen, um der Ohnmacht nicht völlig zu erliegen. Solange sie noch etwas tun können, kommen sie zurecht.

Im Unterschied zu beispielsweise dem Sudan verfügt Iran über eine größere Diaspora weltweit, die politisch und medial dafür sorgt, dass das Geschehen Aufmerksamkeit erhält. Wo Proteste unterdrückt und jegliche Kommunikation kriminalisiert wird, braucht es die Diaspora als externen Resonanzraum für Stimmen, die im Inland zum Schweigen gebracht werden sollen. Menschen der Diaspora agieren jedoch nicht als einheitlicher Akteur, sie handeln, denken und reagieren verschieden. Deshalb streiten sie sich auch über die Zukunft des Landes.

Der Hauptfokus sollte jedoch weiter auf dem Land selbst bleiben, denn die Diaspora kann nicht stellvertretend für die Menschen im Land sprechen oder etwas entscheiden. Inzwischen wird von einer schrittweisen Wiederherstellung des nationalen und internationalen Internetzugangs berichtet. Eine Garantie für eine vollständige oder dauerhafte Rückkehr gibt es jedoch nicht.

Noch immer keine Nachricht von F., zuletzt war sie am 8. Januar 2026 online. Den ersten Augenzeugen ist es gelungen, aus dem Iran herauszukommen. Ihre Berichte übersteigen, was sich vorstellen lässt.

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