Initiative für Brauereigenossenschaft: Nur Bier von hier
Ein Brauereiriese will die insolvente Wolters-Brauerei kaufen und das Bier anderswo brauen. In Braunschweig gibt es Widerstand.
Traurig ist das: Silvester soll Schluss sein mit Wolters, aus, vorbei, Flasche leer. Nicht einmal seinen 400. Geburtstag im Jahr 2027 soll „das einzige Hofbrauhaus im Norden“ (Wolters über Wolters) noch erleben – oder doch, aber eben nur gebraut als Zombie in irgendeiner Zombiebrauerei, wenn's schlimm kommt: im verfeindeten Hannover.
Im Juni hatte die Brauerei Wolters Insolvenz angemeldet; das Unternehmen gehört der Volksbank Brawo (Braunschweig-Wolfsburg) und die hatte nach eigenem Bekunden in der Vergangenheit schon eine ganze Menge Geld in Wolters investiert. Da die Bank aktuell selbst nicht ganz solide dasteht und eine Umstrukturierung durchläuft, hatte man offenbar wenig Lust, noch einmal Geld in die Brauerei zu stecken.
Am 1. September wurde das Insolvenzverfahren formell eröffnet; schon vier Wochen später wurde Ende September verkündet: Für die Brauerei am Standort Braunschweig gebe es keine Zukunft. Die 90 Mitarbeitenden bekamen ihre Kündigung zum Jahresende. Erst Anfang des Jahres hatte Braunschweig die Oettinger Brauerei verloren: Auch dort sind über 100 Arbeitsplätze verloren gegangen, aber das Bier ist weniger identitätsstiftend für Stadt und Region.
Emotionale Menschen füllten die Kommentarspalten, „Wolters ist ein Teil von uns“, „Ein Stück Heimat“, „Wolters hat uns alle ein Leben lang begleitet“, so was.
Braunschweiger kämpfen
Wenige Tage später kam die Nachricht, dass zumindest die Marke gerettet werden könne: TCB werde das Gelände und die Marke kaufen, gebraut werden könne im nahen Hannover – die dortige Gilde-Brauerei, seit 2015 ebenfalls im Besitz von TCB, habe noch Kapazitäten. TCB ist Anfang der 2000er groß geworden, als sie nach Einführung des Dosenpfands für Aldi und andere Discounter Bier in PET-Flaschen abfüllten („Feldschlösschen“). Seitdem haben sie auch ein paar regionale Biermarken gekauft. Für Biernostalgie stehen sie nicht.
Abfinden wollen sich die Braunschweiger mit dem Verkauf nicht: Gleich drei Initiativen haben sich im Netz gegründet und sammeln nun Unterschriften und Ideen und vielleicht auch Geld für den Erhalt der Brauerei in Braunschweig. Rund 18.000 Unterschriften sind bis Donnerstagnachmittag zusammengekommen, rund 800 Personen haben ihre Bereitschaft angezeigt, Geld für eine Genossenschaft beizusteuern – immerhin 524.000 Euro kämen so bisher zusammen.
„Ich trinke selber gar kein Bier“, sagt der Braunschweiger Rechtsanwalt Jan Hackenberg. „Aber irgendwer muss es ja machen“, dachte er, als er seinen Aufruf zur Genossenschaft startete. Als „großes Projekt mit vielen riesigen Hindernissen“ hatte er das Vorhaben selbst im ersten Aufruf beworben.
Und auch jetzt bleibt Hackenberg zurückhaltend: Die halbe Million, die bisher zusammengekommen sei, sei natürlich ein tolles Ergebnis – „aber klar ist auch: Zur Rettung bräuchten wir viel, viel mehr“. Acht Millionen Euro haben sich die Initiatoren zum Ziel gesetzt. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
Immerhin: Auch die Gastronomie-Gewerkschaft NGG hat sich mittlerweile hinter die verschiedenen Initiativen in der Stadt gestellt.
Jan Hackenberg, Initiative zur Erhaltung der Brauerei
Die bisherige Eigentümerin, die Volksbank Brawo, und der designierte Käufer TCB, ließen der Hoffnung am Mittwoch ein Stück weit die Luft ab: Man habe den Weiterbetrieb ja geprüft, äußerte sich ein TCB-Geschäftsführer öffentlich, es gebe einfach keine Chance. Man wolle den engagierten Bürgern ein großes Risiko ersparen und müsse sie warnen.
Das größte Problem demnach: die Brauerei in Braunschweig sei in die Jahre gekommen – und nur für große Mengen ausgelegt. Wer am Standort Braunschweig produzieren wolle, müsse einen zweistelligen Millionenbetrag in die Hand nehmen.
Unterlagen zu wirtschaftlichen Prüfungen liegen nicht öffentlich vor; trotzdem geht auch Initiator Hackenberg von einem erheblichen Sanierungsbedarf aus. Die Antwort von TCB überzeugt ihn dennoch nicht: „Wenn jemand sagt, ‚das, was wir planen, ist das einzig mögliche‘, muss man natürlich vorsichtig sein“, warnt Hackenberg. TCB sehe die Initiativen offenbar eher als Störfaktor.
Für die Wolters-Rettung spricht vielleicht, dass sie in der Vergangenheit schon einmal geglückt ist: 2005 sollte das Brauen in Braunschweig schon einmal eingestellt werden, auch damals gehörte Wolters gemeinsam mit Gilde einem großen Braukonzern – nur hieß der damals Inbev. Der Aufschrei in der Stadt war auch 2005 gigantisch – einzelne Manager und die Stadt Braunschweig kauften Inbev schließlich Standort und Marke ab.
TCB, die Brawo-Bank und auch der erst am Nachmittag angefragte Oberbürgermeister äußerten sich bis Redaktionsschluss nicht mehr gegenüber der taz.
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