Informationsfluss zu Corona-Epidemie: Tricks, Ohnmacht, Erregung

In vielen Ländern zentralisieren Regierungen den Informationsfluss. Problematisch wird das, wenn man den Verantwortlichen nicht trauen kann.

Ein Mann trägt eine Schutzmaske

10. März 2020: Ein Tourist in Florenz Foto: Jennifer Lorenzini/reuters

Dass sich Erregung oft schneller verbreitet als ein Erreger, ist ein alter Hut. Das zeigt auch Covid-19. Das Durcheinander ist groß. Die Leipziger Buchmesse wurde abgesagt, am gleichen Wochenende spielte der örtliche Bundes­ligaclub seinen Rasenball allerdings noch vor gefüllten Rängen. Damit ist jetzt voraussichtlich Schluss. Österreich hat am Dienstag die Grenze zu Italien dicht gemacht und lässt nur Reisende mit ärztlicher Bescheinigung passieren.

Corona ist Top News, auch wenn US-Präsident Donald Trump anscheinend mal wieder vergessen hat, wie das Virus genau heißt und bei einer Pressekonferenz lieber vom „Virus, von dem alle sprechen“ sprach. Der Vizepräsident war auch da und überhaupt standen neben Trump so viele Offizielle rum wie sonst nur bei Kriegserklärungen. Die Botschaft: Wir tun was.

In Deutschland fühlen sich viele Institutionen, Organisationen und Vereine alleingelassen. Denn es wird in ihr Ermessen gestellt, was sie wann für Maßnahmen ergreifen. In anderen Ländern zentralisieren Regierungen den Informationsfluss. Großbritannien hat eine große Aufklärungskampagne gestartet „Information campaign focuses on handwashing“, heißt es da. Und da ist ja auch was dran, selbst wenn Händewaschen allein nicht verhindern kann, dass Covid-19 einmal um den Erdball zieht.

Problematisch wird derlei Informationsmanagement, wenn man den Verantwortlichen nicht trauen kann. Siehe die anfängliche Informationspolitik in China, wo es seinen Anfang nahm. Nicht, dass wir da über allen Zweifel erhaben wären. In den 1890er Jahren verschwieg Hamburg über Wochen, dass eine Cholera-Epidemie grassierte. Der florierende Handel und das gute Geschäft mit den Auswandernden sollte nicht in Schieflage geraten. Sogar erkrankten Auswandernden wurde wider besseren Wissens medizinische Unbedenklichkeit attestiert, so dass die Epidemie nach New York exportiert wurde.

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Keine Tricksereien

Derlei Trickserei ist hierzulande aktuell nicht zu erwarten. In Großbritannien trauen dagegen viele Premierminister Johnson zu, die Öffentlichkeit auch in Sachen Corona­virus zu manipulieren. Ein Indiz gab es vergangene Woche schon: Da sollte die tägliche Aktualisierung der Fallzahlen auf nur noch wöchentliches Erscheinen umgestellt werden. Massiver Protest ließ die Regierung aber zurückrudern.

Und die Medien? Sie bewähren sich als Erregungsbeschleuniger. Dabei stecken sie allerdings in einer Klemme, für die sie selbst nichts können: Ja, Corona ist für alle im Moment ein heißes Thema. Nicht berichten geht also auch nicht. Man kann nur für Mäßigung plädieren.

Und so gilt leicht abgewandelt, was die olle Verkehrsregelsendung „Der siebte Sinn“ schon in den 1970ern wusste: „Bitte, waschen Sie gründlich Ihre Hände. Immer.“

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2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, seit 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"

Die Coronapandemie geht um die Welt. Welche Regionen sind besonders betroffen? Wie ist die Lage in den Kliniken? Den Überblick mit Zahlen und Grafiken finden Sie hier.

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