Indischer Musikerfilm „Der Schüler“: Verehrung und Entbehrung

Tradition macht nicht unbedingt glücklich. Zumal, wenn die Gegenwart mit den Schultern zuckt. Davon erzählt Chaitanya Tamhanes Film „Der Schüler“.

Ein junger Mann sitzt mit seinem Instrument auf dem Boden zwischen den Möbeln

Sharad Nerulkar (Aditya Modak) ist der Lernende, der nicht ans Ziel kommt Foto: Netflix

Es war das Bild des Festivals: ein Mann bei Nacht auf seinem Motorrad, in Zeitlupe gefilmt. Dazu der Drone eines indischen Ragas, der die Bewegung zusätzlich zu dehnen scheint. Wenn von den Filmfestspielen von Venedig im vergangenen Jahr eine Szene im Gedächtnis geblieben ist, dann diese. Ein stilles und starkes Bild, in dem Ausdauer, Streben und Vergeblichkeit zusammenfließen.

Die nächtlichen Fahrten dieses Mannes, Sharad, sind eines der wiederkehrenden Motive in Chaitanya Tamhanes Spielfilm „Der Schüler“. Genauso wie der Drone dazu, der große Teile des Films grundiert: Er ist schon zu hören, bevor das erste Bild zu sehen ist. Tamhane erzählt von einem Musiker, der versucht, in der klassischen indischen Musik die höchste Vollendung zu erreichen. Ein steiniger Weg, wie bald deutlich wird.

Sharad ist Schüler des ehrfurchtgebietenden „Guruji“, eines alten Meisters der klassischen indischen Gesangskunst. Dessen Fähigkeiten, in minimalen Abweichungen ein und denselben Grundton zu umkreisen, sind gleich in der Anfangsszene bei einem Konzert vor kleinerem Publikum zu bewundern. Dann folgt ein Schnitt zu Sharad, die Sitar am Arm, wie er in der ärmlichen Wohnung des Guruji in Mumbai eine Gesangsstunde absolviert. Verunsichert sitzt er vor seinem Meister, den Blick voll Bewunderung für sein Vorbild.

Der Film hat so in den ersten Minuten schon den Konflikt seiner Geschichte offengelegt: Sharad ist ein gelehriger, eifriger Schüler, der so verbissen nach Meisterschaft in seiner Kunst strebt, dass er sich selbst darüber zum Hindernis wird. Seinen Meister verehrt er wie ein gottgleiches Wesen. Sharad nimmt regelmäßig an Wettbewerben teil, bei denen stets andere die von ihm begehrten Preise gewinnen. Ans Aufgeben denkt er nicht, doch helfen ihm die persönlichen Rückschläge ebenso wenig, die Sache etwas lockerer anzugehen.

Sharad, erfährt man in dazwischengeschnittenen Rückblenden, ist nicht ganz aus freien Stücken zur Musik gekommen. Sein Vater war genauso klassischer Musiker, hat dem Sohn täglich Unterricht gegeben, da mochten die Cousins noch so sehr drängeln, dass Sharad endlich zum Cricketspielen rauskommen darf. In Sachen Musik ist der Vater ihm ständiges Über-Ich gewesen. Jetzt übernimmt diese Aufgabe der Guruji.

Heimlich aufgezeichnete Aufnahmen

„Der Schüler“ beginnt im Jahr 2006, da ist Sharad Mitte zwanzig. Er arbeitet für ein Label, das klassische indische Musik von weniger bekannten Künstlern zugänglich macht. Zu seinen Aufgaben gehört, alte Kassetten und Schallplatten zu digitalisieren, die dann als CD-Editionen herausgebracht werden. Viel Geld verdient er damit nicht.

Auch von der Musik, der er sich verschrieben hat, ist kein finanzieller Erfolg zu erwarten. Das ist eine der Lektionen, die er sich auf seinen einsamen Motorradfahrten über Kopfhörer erteilen lässt. Sie stammen von Maai, seinerzeit Lehrerin seines Guruji. Die Aufnahmen wiederum sind eine Hinterlassenschaft von Sharads Vater, eine absolute Rarität, heimlich von einem Schüler aufgezeichnet, da sich Maai angeblich nie aufnehmen ließ. Eine brüchige Frauenstimme, sie gehört zur im April verstorbenen Filmregisseurin Sumitra Bhave, spricht darauf von Musik als einer „ewigen Suche“, die Entbehrung und Askese verlangt. Für Menschen mit Ambitionen auf Komfort und eine Familie sei dieser Weg nicht geeignet.

Sharad lebt, obwohl erwachsen, bei der Großmutter. Diese lässt ihn wissen, dass er für sie mit seinem Lebensstil eine finanzielle Belastung ist. Was ihn von seinem Kurs nicht abbringen kann. Mit der Askese hält er es unterschiedlich, hin und wieder sieht man ihn beim Masturbieren vor dem PC, aus dem eine Frauenstimme stöhnt. Eine Freundin hat er nicht, auch wenn er sich schüchtern für eine Mitschülerin interessiert.

Existentielle Fragen

Tamhane hat eine denkbar unspektakuläre Hauptfigur für seinen ruhig fließenden Film über existenzielle Fragen gewählt. Dennoch fasziniert es, diesem bei seinem unermüdlichen Kampf zuzusehen. Das Publikum ahnt wohlgemerkt, dass es bei Sharad auf kein typisches Happy End hinausläuft, in dem die lange, schwierige Suche schließlich zum ersehnten Ziel führt. Vielmehr ist Sharad jemand, der nicht bloß übermäßig verbissen ist, sondern auch noch mäßig talentiert.

Während seine Mitschüler, die ihren Beruf und die hohe Kunst mühelos miteinander vereinbaren können, Sharad stets gut zureden, zeigt Tamhane mit jedem neuen Auftritt Sharads, wie dieser in seiner Kreativität nachlässt, sich mit Selbstzweifeln und Verbohrtheit in eine Sackgasse hineinsingt. Womöglich war dies keine leichte Aufgabe für den Hauptdarsteller Aditya Modak, der selbst klassisch ausgebildeter Sänger ist – wie auch Arun Dravid, der den sanft strengen Guruji gibt.

Den Fall Sharads nutzt Tamhane zunächst für eine Reflexion über die Bedeutung von „wahrer“ Kunst und dem „richtigen“ Weg, sie zu erlangen. Und er deutet an, dass einige der Legenden über die Idole Sharads nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen müssen, dass deren vermeintliche Stärken vereinzelt sogar dazu gedient haben könnten, bestimmte Schwächen zu überdecken.

Zugleich verdeutlicht „Der Schüler“, was für seltsame Blüten falsch verstandene Tradi­tions­pflege treiben kann. Schließlich verfügt nicht jeder, der etwas bewahren möchte, über die dazu erforderlichen Gaben oder Mittel. Sharad ist, wie sein Vater vor ihm, überzeugt, die hohe Kunst ausgerechnet mit der eigenen Stimme am Leben halten zu müssen. Und er glaubt fest an den Preis, der dafür zahlen ist. Wenn er keinen Erfolg hat, liegt das vor allem daran, dass die Zeitgenossen keinen Respekt mehr vor dieser Musik haben.

Schreckgespenst Popmusik

Tamhane verdichtet diesen Wandel in einer Nebenfigur: eine schüchterne junge Frau vom Land, die mit ihrem traditionellen Gesang in einer Talentshow entdeckt wird. Als Sharad ihre Stimme im Fernsehen hört, ist er so elektrisiert wie schockiert. Seine Fassungslosigkeit nimmt überproportional zu, als die Sängerin vom Talentshowbetrieb konsequent zu einer Popmusikerin in üppiger Kostümierung nach Eurovision-Song-Contest-Manier umgerüstet wird und fortan bloß „leichte“ Musik singt.

Der zunehmenden Verbitterung Sharads, die in den Reaktionen auf seine Umwelt sichtbar wird, folgt man gleichwohl gebannt. So hat er mit den Jahren eine Stelle in einer Musikschule angenommen, wo er seinen Schülern elementaren Gesang beibringt. Statt am PC befriedigt er sich zu Hause inzwischen vor einem Laptop. Auch soziale Medien nutzt er, wobei ihm diese vor allem die eigene Entfremdung von seinem „Publikum“ spiegeln.

„Der Schüler“. Regie: Chaitanya Tamhane. Mit Aditya Modak, Arun Dravid u. a. Indien 2020, 128 Min. Läuft auf Netflix

Als die Mutter eines Musikschülers nach der Stunde zu ihm kommt, um zu fragen, ob ihr Sohn in einer Fusion-Band, die westliche und traditionelle Stile mische, mitsingen dürfe, um an Wettbewerben teilzunehmen, reagiert er schroff: Das könne der Schüler gern tun, doch zu ihm in den Unterricht brauche er dann nicht zurückzukehren. Für Pop sei die Stimme ja schon gut genug.

„Der Schüler“ ist wie „Mile­stone“ ein Beispiel für das heutige indische Kino fernab von Bollywood. Überdreht und überzeichnet ist hier nichts, vielmehr nehmen sich beide Filme Zeit für ihre Protagonisten, nehmen soziale Themen genau in den Blick, ohne sie mit großer Geste zu dramatisieren. Dass sie jetzt auf Netflix laufen, nachdem sie im vergangenen Jahr in Venedig Premiere feierten, ist eine ambivalente Freude. Sie überhaupt sehen zu können, ist eine gute Sache, die Leinwand fehlt allerdings. Gerade für „Der Schüler“ und seine entrückten Zeitlupenszenen, die nach einem geräumigen dunklen Saal verlangen.

Für Sharad deutet Tamhane am Ende einen vorsichtigen Ausweg an. Dazu muss er kein Künstler werden und kann trotzdem dazu beitragen, das von ihm verehrte kulturelle Erbe zu bewahren. Mit zeitgemäßen Mitteln, und vielleicht sogar mit ein bisschen wirtschaftlichem Erfolg.

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