piwik no script img

In der Ollenhauerstraße sollen Bäume wegBürgerinitiative kämpft gegen Kahlschlag

Gegen die Fällung von 116 Bäumen im Rahmen einer Straßenrenovierung in Reinickendorf demonstriert eine Bürgerinitiative. Sie fordert eine Planänderung.

Vormittags um 11 Uhr an einem Samstag im Juli. Vor dem Kaufland in der Ollenhauerstraße, einer vierspurigen Hauptstraße in Reinickendorf, versammeln sich etwa 50 Menschen in gelben und orangen Warnwesten, einige mit Fahrrädern. Viele haben Schilder dabei, auf denen „Lasst die Bäume stehen“ oder „Finger weg von den Bäumen!“ steht. Sie sind hier, um gegen die geplante Fällung von 116 ausgewachsenen Bäumen im Rahmen einer Straßenrenovierung mit Mahnwache und Fahrraddemo zu demonstrieren.

„Es freut mich, dass ihr so zahlreich erschienen seid“, begrüßt sie der Initiator dieser Versammlung, Thomas Rost. Er ist Mitglied bei den Grünen und Gründer der Bürgerinitiative BI Ollenhauerstraße. Rost war schon an einer früheren Bürgerinitiative beteiligt, die sich in Reinickendorf für den Erhalt von Bäumen eingesetzt hatte – erfolgreich (taz berichtete). Dass nun auch in der Ollenhauerstraße die Bäume weichen sollten, hat Rost nur zufällig auf der Webseite des Bezirksamts erfahren. Als er merkte, dass sich kein Widerstand tut, habe er schließlich im September 2025 die Bürgerinitiative gegründet.

Im März 2026 hatte Rost mit einigen Un­ter­stüt­ze­r*in­nen Einsicht in die Sanierungspläne erhalten. Dabei haben sie erfahren, dass es seit Beginn der Planungen 2018 auch noch eine zweite Variante gibt, bei der die Bäume stehen bleiben können. Grundlage für die Entscheidung für Variante 1 war eine Bewertungsmatrix, die laut Verkehrs- und Umweltstadtrat Sebastian Pieper (CDU) von einem Berliner Ingenieursbüro erstellt wurde.

Rost und seine Mit­strei­te­r*in­nen können diese Matrix nicht nachvollziehen, insbesondere, weil Faktoren wie Hitze- und Klimaschutz überhaupt keine Rolle spielen. Auch für Jens Augner, Fraktionsvorsitzender und Sprecher für Mobilität der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Reinickendorf, ist die Entscheidung für Variante 1 unverständlich. „Die Kriterien des Rasters im Gutachten und die vorgenommene Gewichtung bleiben unklar“, sagt er der taz. Seine Partei – sowie die SPD-Fraktion in der BVV – unterstützen Rost in seinem Kampf gegen die Baumfällungen.

Wohin soll der Radweg?

Den größten Unterschied zwischen den beiden Versionen macht der Radweg: Die vom Bezirksamt bevorzugte Variante 1 sieht vor, einen Hochbordradweg neben den Fußgängerweg zu bauen. Dafür müssten die Bäume weg. Bei Variante 2 würde der Radweg auf die Fahrbahn verlegt, so wie es in Teilen der Straße seit einigen Jahren angelegt ist. In diesem Falle könnten die Bäume stehen bleiben.

Bezirksstadtrat Pieper hält jedoch am Hochbordradweg fest. „Viele Radfahrer, insbesondere Kinder, ältere Menschen und unsichere Personen, empfinden die räumliche Trennung vom Kraftfahrzeugverkehr als sicherer“, erklärt sein Referent.

Dass dem in der Praxis nicht so ist, sagt der Leiter des Forschungsbereichs Mobilität und Raum an der TU Berlin, Wulf Holger Arndt: „Während Hochbordradwege ein subjektives Sicherheitsgefühl durch die räumliche Trennung vom Kfz-Verkehr vermitteln, bringen sie eine Reihe objektiver Nachteile mit sich.“ Dazu zählen etwa gefährlichere Kreuzungssituationen oder Konflikte mit Fußgängern. Radfahrstreifen auf der Fahrbahn hätten hingegen entscheidende Vorteile, etwa dass Radfahrende für den Kfz-Verkehr insbesondere an Kreuzungen viel besser sichtbar sind, was die Unfallgefahr beim Abbiegen deutlich reduziere.

Demo vorm Rathaus

Eine Stunde vor Beginn der letzten BVV-Sitzung vor der Sommerpause versammeln sich etwa 70 bis 80 Menschen zu einer Demo vor dem Rathaus Reinickendorf. Jens Augner von den Grünen und eine Vertreterin der SPD sind auch dabei und kündigen ihre Unterstützung an.

In der BVV stellen Rost und seine Un­ter­stüt­ze­r*in­nen ihre Einwohneranfragen. Eine Frau fragt etwa, wie das Bezirksamt den Hitzeschutz unmittelbar sichern möchte, wenn die Bäume gefällt sind. Stadtrat Pieper erwidert, dass über 120 Neupflanzungen von klimaresilienten Bäumen vorgesehen seien. Bis diese jedoch die Kühlleistung von Altbäumen erreichen, kann es Jahrzehnte dauern. Währenddessen sind extreme Hitzewellen wie die Ende Juni bereits heute Realität.

Um diese Lücke zu schließen, sieht das im November 2025 in Berlin eingeführte Klimaanpassungsgesetz vor, für jeden gefällten Baum mindestens drei neue zu pflanzen. Auf die Frage eines weiteren Einwohners in der BVV, ob dieses Gesetz in Reinickendorf nicht gelte, geht Pieper nicht ein. Auf Nachfrage durch die taz heißt es von seinem Referenten: „Wie viele Ersatzpflanzungen im Rahmen einer Maßnahme vorzunehmen sind, ergibt sich nicht allein aus dem Klimaanpassungsgesetz.“ Entscheidend seien etwa die jeweils geltenden Vorgaben der Baumschutzverordnung oder die Frage, wie viel Platz es für die Neupflanzungen überhaupt gibt.

Was in der ganzen Angelegenheit oft unter den Tisch fällt, ist die Tatsache, dass neben der geplanten Sanierung der Straße auch noch Pläne für die Weiterführung einer Straßenbahnlinie existieren. Auf die Frage, wie das Bezirksamt die geplanten über 25 Millionen Euro an Sanierungskosten rechtfertigt, mit dem Wissen, dass die Straße potenziell in den kommenden Jahren erneut umgebaut werden müsste, heißt es nur, dass eine Weiterführung der Straßenbahnlinie noch geklärt werden müsse, weil eine Eisenbahnbrücke Probleme verursache.

Es gibt immer Hoffnung, sonst würde ich das nicht machen

Thomas Rost, Bürgerinitiative BI Ollenhauerstraße

Obwohl also viele Argumente gegen die Fällung der Bäume und für die vorliegende Version 2 sprechen, hält das CDU-geführte Bezirksamt weiter an Variante 1 fest. Ein Radstreifen auf der Fahrbahn habe dem Stadtrat-Referenten Feiler zufolge nicht nur eine „stärkere Aufheizung und Wärmeabstrahlung der Verkehrsflächen zur Folge“, sondern sei auch noch teurer. Ob die Aufheizung der Straße durch kleinere Jungbäume und die Kosten für die Fällungen und Neupflanzungen hier mit eingeplant wurden, bleibt offen.

Gibt es also noch Hoffnung für die Bäume? „Es gibt immer Hoffnung, sonst würde ich das nicht machen“, beteuert Thomas Rost. „Wir haben gesehen, wie das Interesse gestiegen ist. Außerdem haben wir noch eine Petition gestartet, die inzwischen rund 4.500 Unterschriften hat.“

Rost hofft, dass es noch mehr werden. Bis September möchte er weitere Mahnwachen organisieren und mit Einwohneranfragen in die BVV-Sitzungen nach der Sommerpause gehen und Druck machen. Die Petition will er weiterlaufen lassen und im September vor den Landeswahlen dem Bezirksamt überreichen, „um ihnen auch noch eine Chance zu geben, möglicherweise einzulenken und doch noch ein Moratorium auszusprechen, solange sie noch im Amt sind“.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare