Im Energiesparmodus durch die Kälte: Sie schlafen, weil sie schlafen
Die Nachbarskatzen machen vor, wie man unwirtliche Wintertage am besten übersteht: in aller Ruhe und mit gefalteten Pfoten.
N ach den Eiszapfen der Nachbarin vis-à-vis will ich schauen. Diese Winterwunder haben die Ostseite ihres holzgetäfelten Bauwagens in einer fremden, klirrend kalten Sprache überzogen. Oder sind es durchsichtige Strichlisten, mit denen der Winter seine Tage zählt? Die Nachbarin ist leider nicht da. Dafür die beiden Katzengeschwister, die mich durchs Fenster in ihren Bann ziehen.
Was tun sie? Nichts. Das stimmt – und auch wieder nicht. Sie schlafen bei diesem strengen Frost. Denken nicht ans Rausgehen, nicht ans Mausen. Schlafen in aller Ruhe, auf einer gefalteten Wolldecke auf dem Tisch schlafen sie, eine oder beide Pfoten weit nach vorn zum Saum gestreckt. Sie schlafen, als gäbe es kein Morgen mehr, sie schlafen, weil sie schlafen, weil sie schlafen, weil sie schlafen. Weil für sie ein unwirtlicher Tag wie dieser ohne Schlaf vielleicht möglich, aber sinnlos wäre.
Ich rufe sie durch die Scheiben. Die Kätzin öffnet wie in Zeitlupe ein Auge. Schließt es wieder – noch gemächlicher. Bettet ihr Kinn ein klein wenig anders. Und umarmt erneut den Tiefschlaf. Alles, was nicht „ihr Mensch“ ist – oder schläft –, ist jetzt nichts wert. Auch ihr Bruder denkt nicht daran, sich stören zu lassen. Was für ein intensiver Anblick. Ein doppelter Imperativ. Und ja, ich werde müde, selbst bei der Kälte hier draußen werde ich schlafangesteckt von den Schlafschwaden, die durch den Wagen zu wabern scheinen.
Ein paar Tage später sehe ich beide Tiere im Freien. Nach der eisigen Großwetterlage stehen sie leicht aufgeplustert in den Pfützen des Tauwetters, wirken überrascht ob des unverhofften Wassertretens, vielleicht ein wenig unbeholfen. Dann aber schüttelt die Kätzin kurz eine Vorderpfote, schüttelt die Nässe, den Schlaf, den Winter aus ihrem Pelz. Und springt in kleinem Bogen durch ein Drahtquadrat des Hoftors, die erste Frühlingssonne fangend.
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