Identitätspolitik und Cancel Culture: Kritische Verweigerung

Vom Elend des Mainstream-Universalismus und von exklusiver Identitätspolitik. Was Kri­ti­ke­rIn­nen nicht sehen wollen.

Menschen stehen solidarisch beieinander

Ein Argument in der Debatte um Identitätspolitik: die Sorge um den Zusammenhalt in Deutschland Foto: Illustration Katja Gendikova

In den vergangenen Monaten haben sich immer mehr Personen des öffentlichen Lebens gegen die „Identitätspolitik“ ausgesprochen. Sie verweisen auf die Gefahren einer „Cancel Culture“ (Absagekultur) und zunehmender Anfeindung, insbesondere durch People of Color (PoC), Fe­mi­nis­tIn­nen und LGBT+ AktivistInnen. Sie sind alarmiert über die feindseliger werdende Debattenkultur und den Konformitätsdruck. Und sie sorgen sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt Deutschlands.

Ein Netzwerk von 70 deutschsprachigen Aka­de­mi­ke­rIn­nen hatte sich bereits im Februar 2021 zusammengeschlossen, um sich der „Cancel Culture“ und Political Correctness entgegenzustellen, dem sie ausgesetzt seien. Die Mitgliederzahl dieses Netzwerks Wissenschaftsfreiheit hat sich nun mehr als verdreifacht. Auch im deutschen Feuilleton, in der SPD und den sozialen Medien werden dazu momentan sehr hitzige Debatten geführt.

Der oftmals exklusive Charakter linker Identitätspolitik wird zwar zu Recht kritisiert. Dennoch lassen Kri­ti­ke­rIn­nen oft die wichtigsten Lehren dieses Denkansatzes außer Acht: die Sichtbarmachung, Verurteilung und Bekämpfung von Marginalisierung, struktureller Diskriminierung und mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe benachteiligter Einzelgruppen. Daher erkennen viele von ihnen auch die Hauptproblematik der Identitätspolitik nicht.

Letztere vernachlässigt erstens die Bedeutung von Intersektionalität (Verflechtung unterschiedlicher Diskriminierungskategorien) sowie die Wichtigkeit identitätsunabhängiger Fachkompetenz. Ihr fehlt zweitens Kritik an kapitalistischen Strukturen und identitätsübergreifenden sozioökonomischen Ungleichheiten, die ein ganzheitliches Verständnis von Diskriminierung und Emanzipation erst ermöglichen.

Marginalisierung sichtbar machen

In den letzten Monaten haben diverse öffentliche Personen zu Recht darauf hingewiesen, dass (Selbst-)Zensur produktive Diskussionen gefährde; dass universelle Werte inklusiver und emanzipatorischer seien als die Verteidigung von Partikularinteressen und dass die freie Meinungsäußerung nicht an Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht, Überzeugungen usw. geknüpft werden sollte. Dennoch vergessen zahlreiche Kom­men­ta­to­rIn­nen oft, ihre Kritik zu kontextualisieren und zu historisieren.

Nur wenige kritische Be­ob­ach­te­rIn­nen haben die zentralen Dimensionen postkolonialer, antirassistischer und feministischer Kritik am Mainstreamdiskurs erfasst, nämlich Fragen asymmetrischer Herrschaftsverhältnisse, Zwang, Positionalität, mangelnde Anerkennung, Repräsentation und Partizipation. Um einige Beispiele zu nennen:

Es ist weithin bekannt, dass das geschlechtsspezifische Lohngefälle in Deutschland etwa 20 Prozent beträgt, und es ist anerkannt, dass geschlechtsneutrale Sprache Diskriminierung entgegenwirken soll. Die Kritik an Sexismus, Misogynie, Patriarchat und Geschlechterungleichheit ist zweifellos wesentlich im Kampf für Emanzipation.

Im Bereich der Institutionen haben sich die Geschlechterverhältnisse infolge der Kämpfe feministischer und LGBT+-AktivistInnen und fortschrittlicher sozialer Bewegungen kontinuierlich verbessert. Obwohl noch viel mehr getan werden müsste, gibt es immer mehr Frauen in Führungspositionen und Frauenrechte in der Gesetzgebung.

Im Vergleich dazu hat sich der institutionelle Rassismus zum Beispiel auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt kaum verbessert, ganz zu schweigen von der globalen Reservearmee der Non-Citizens – das heißt „AusländerInnen“ oder Geflüchteten ohne bürgerliche Rechte, wohl die am stärksten diskriminierten Menschen in der „entwickelten Welt“. In der Geschichtsfakultät, in der ich bis vor Kurzem noch arbeitete, gab es zwar relativ viele angestellte Frauen, dennoch war ich der einzige nicht weiße Lehrende der Fakultät.

Es gibt viele sozial- und geisteswissenschaftliche Institute in Deutschland und Europa, wo dies genauso ist. In Stellenanzeigen wird zwar häufig darauf hingewiesen, dass Frauen und Menschen mit Beeinträchtigungen bei gleicher beruflicher Eignung bevorzugt berücksichtigt würden. Dies ist angesichts der lang­an­haltenden Diskriminierung auch notwendig. Aber nicht weiße und sozial benachteiligte Menschen werden nur selten vorrangig berücksichtigt. Das ist ein klares Defizit.

Institutioneller Rassismus ist unverändert

Wenn der SPD-Politiker Wolfgang Thierse nun die Praxis des Blackfacing verteidigt, während der Philosoph Markus Gabriel postuliert, dass weiße Schau­spie­le­rIn­nen die Rolle eines schwarzen Freiheitskämpfers wie Martin Luther King spielen dürfen sollten, verkennen sie, dass nicht weiße Ak­teu­rIn­nen bereits sozial benachteiligt und in deutschen Theaterhäusern sowie anderen Institutionen hochgradig unterrepräsentiert sind.

Aus dem Zusammenhang gerissene und enthistorisierte Phrasen im Gewand des aufklärerischen Universalismus wurden in den letzten Jahren des Öfteren gegenüber feministischen und antirassistischen Bewegungen angeführt. Als Antwort auf den Slogan Black Lives Matter fragten einige selbsternannte UniversalistInnen: „Aber müssten wir nicht sagen, dass alle Leben wichtig sind?“ Die politische Aktivistin Angela Davis, hat im Jahr 2016 darauf erwidert:

„Wenn tatsächlich jedes Leben von Bedeutung wäre, müssten wir nicht nachdrücklich verkünden, dass Black Lives Matter?“ Interessant an der jüngsten Kritik zur Identitätspolitik ist auch die opportunistische und heuchlerische Verteidigung humanistischer Werte durch viele Rechte und Linksliberale. Diese verteidigen die Meinungsfreiheit häufig nur, wenn sie die eigenen Überzeugungen betrifft.

Kaum ein:e dieser Kom­men­ta­to­rIn­nen sträubte sich gegen die Sperrung der Twitter- und Facebook-Konten von Trump, die Sperrung des YouTube-Kanals des „Verschwörungstheoretikers“ Ken Jebsen oder das Auftrittsverbot von antizionistischen und israelkritischen AktivistInnen, Mu­si­ke­rIn­nen und Intellektuellen. Die Schriftstellerin Evelyn Beatrice Hall, die 1906 Voltaire wie folgt paraphrasierte:

„Ich lehne ab, was Sie sagen, aber ich werde bis auf den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen“, würde sich vermutlich im Grab umdrehen. Oder mit den Worten der Revolutionärin Rosa Luxemburg: „Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden.“ Allerdings gibt es auch gravierende Mängel innerhalb der linksliberalen Identitätspolitik. Das wichtigste Problem scheint mir die antiemanzipatorische Ideologie eines erheblichen Teils der An­hän­ge­rIn­nen dieser Strömung zu sein.

Meinungsfreiheit? Nur wenn es um die eigene geht

Zahlreiche weiße FeministInnen beispielsweise setzen sich kaum für die Menschen- und Bürgerrechte nicht weißer Frauen, geschweige denn marginalisierter Gruppen wie Im­mi­gran­tIn­nen ein. Darüber hinaus lassen selbst diejenigen, die Intersektionalität befürworten, oft die Kategorie der Klasse unberücksichtigt und umgekehrt.

Daher ist es nicht ungewöhnlich, dass viele FeministInnen, LGBT+- und PoC-AktivistInnen die weiße Ar­bei­te­rIn­nen­klas­se selten als potenzielle Verbündete betrachten, während die Ar­bei­te­rIn­nen­be­we­gung und die „Alte Linke“ es häufig versäumt haben, bedeutende Kategorien wie race, Geschlecht und Religion in ihren Kampf mit einzubeziehen.

Hinderlich ist auch, wenn Ex­per­tIn­nen abgelehnt werden, die nicht zu der Gruppe gehören, zu der sie arbeiten. Anders gesagt, wenn ein Mann über Frauen schreibt, ein weißer Autor Texte einer schwarzen Person übersetzt, oder eine reiche Person eine arme Person im Theater spielt, sollte dies zulässig sein, solange diese Person es nicht an Empathie und Qualifikation vermissen lässt. Gleichzeitig müssen die Betroffenen endlich angemessen vertreten sein.

Zu guter Letzt trägt die Klassenblindheit gewisser Teile identitätspolitischer Ak­tivis­tIn­nen zu einer verkürzten Analyse der sozioökonomischen Strukturen und Herrschaftsverhältnisse bei. Man nehme als Beispiel die berühmt-berüchtigte „kulturelle Aneignung“: Eine nicht unerhebliche Anzahl von „Critical Whiteness“- und postkolonialen Ak­ti­vis­tIn­nen und Akade­mi­ke­rIn­nen verurteilt scharf, wenn weiße Menschen Dreadlocks, „ethnische“ Kleidung oder Accessoires tragen.

Empathie und Qualifikation vorausgesetzt

Das Konzept der kulturellen Aneignung verfehlt jedoch die Quintessenz der Problematik. Die Crux liegt darin, dass der Kapitalismus auf Kommodifizierung (Warenförmigkeit), Verwertung und Kommerzialisierung basiert. Somit wird alles, was verkauft werden kann, einschließlich „exotischer“ Produkte und Stile, kommerzialisiert, um bestimmte Ver­brau­che­rIn­nen­be­dürf­nis­se zu befriedigen und Profite zu generieren.

Diese destruktive Tendenz zur Kommerzialisierung und Kapitalisierung sowie zum naturzerstörerischen Konsumismus geht mit imperialistischen und ungleichen globalen Macht- und Herrschaftsverhältnissen einher. Dies impliziert, dass die – meist weißen – Wohlhabenden sich die Aneignung „exotischer“ Waren und Lebensstile leisten können, oft auf Kosten der Superarmen.

Im Allgemeinen sollte die freie Meinungsäußerung, einschließlich künstlerischer Freiheit, für alle Individuen und Gruppen gleichermaßen gelten, unabhängig von Inhalt, Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Klasse und religiösem Glauben. Dazu gehört das Recht auf Blasphemie. Kein Mensch sollte ausgeladen oder von Medienplattformen verbannt werden. Jede/r soll öffentlich auftreten dürfen.

Ausnahme bildet dabei Gewaltandrohung sowie extrem diskriminierende Verleumdung, Beleidigung, Volksverhetzung, Hassrede und die Verbreitung von Lügen. Aber Themen wie Marginalisierung, strukturelle Diskriminierung, Positionalität, fehlende Anerkennung und Repräsentation sowie die Forderung nach Teilhaberechten sollten ernst genommen werden. Das ist ein Hauptverdienst linker Identitätspolitik.

Auf der anderen Seite sollten An­hän­ge­rIn­nen der neuen (links-)liberalen Identitätspolitik die politische Ökonomie von Ausbeutungs- und Klassenverhältnissen besser berücksichtigen. Ihr häufiger Ausschluss weißer (männlicher) Verbündeter, vor allem innerhalb der Ar­bei­te­rIn­nen­klas­se (aber auch umgekehrt) geht zulasten von Emanzipationsprozessen. Wie Karl Marx bereits 1844 betonte, sind „alle Bedingungen zu stürzen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

ist Assistant Professor am Geschichtsinstitut der University of Connecticut (USA). Er forscht besonders zur Geschichte Indiens und zur Geschichte des Kapitalismus.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben