Identitätspolitik mal anders​: Wir können alle Blumen sein

Lieber dasselbe Parfüm bis zum Lebensende als dieselbe romantische Zweierbeziehung? Bei der Duftauswahl entstehen jedenfalls diverse Gedanken.

Auf einer rosa Samttischdecke liegen verschiedene Flacons und eine Goldkette.

Blumige, holzige, fruchtige oder orientalische Düfte: Wer will ich sein und wie will ich wirken? Foto: Leire Cavia/imago

Mit überreizten Nasenschleimhäuten und pochenden Schläfen greife ich nach einem Flakon, schiebe mir den Zerstäuber unter die Maske und inhaliere die aromatisierte Luft unter meiner FFP2. Dann stelle ich die Flasche zurück und lasse den Sinneseindruck auf mich einwirken.

Seit 20 Minuten geht das so. Kein Plan, ob das Corona-konform ist. Zumindest ist es nicht verboten, denn die Verkäuferin wirft mir bei jedem Blickkontakt ein Smize zu, während sie durch die Kaufhausgänge flaniert.

Was sich an meinen Gehirnzellen so zu schaffen macht, sind keine Poppers, sondern Parfüm. Ich brauche ein neues. Naja, „brauchen“. An meinem aktuellen ist alles in Ordnung, ich liebe es und bekomme ständig Komplimente dafür. Nur nähert sich die Flasche nach fünf Jahren Loyalität ihrem Ende. Zeit für einen Imagewechsel?

Mir gefällt der Gedanke, einen Signature-Scent zu haben. Eher dasselbe Parfüm bis zum Lebensende als dieselbe romantische Zweierbeziehung, denke ich. Andererseits bin ich Skorpion und strebe stets nach Veränderung.

Wenn die Identitätskrise kickt

Doch sobald ich mich mit einem Duft aus der engeren Auswahl einsprühe, kickt die Identitätskrise. Bis zur nächsten Dusche frage ich mich non-stop, ob dieser unsichtbare Mantel wirklich Ich ist. In der Hoffnung, dass sie mir bei der Entscheidung helfen können, bitte ich meine Freund_innen um Feedback. Sie mögen den Duft, doch sie können nicht beantworten, wie viel Prozent Hengameh darin steckt. Am Ende kaufe ich nichts.

Der Parfümsektor ist der geläufigste Ort, an dem auch die durchschnittliche cis Hete eine genderbezogene Identitätskrise erfährt. Wo Gestik, Körperhaltung, Kleidung oder Sprechart zufällig gewählt und nicht sorgfältig einstudiert scheinen, ist Parfüm eine bewusste Entscheidung. So mannigfaltig die Düfte, so verschieden sind sie in ihrem Ausdruck. Nicht jede_r trägt Parfüm, manche sind sogar allergisch, doch auseinandersetzen tun sich so gut wie alle damit.

Viele Faktoren spielen eine Rolle, neben dem Preis ein ganzer Fragenkatalog: Wie dezent möchte ich riechen? Und die Note, eher süß? Pudrig? Blumig? Herb? Botanisch? Holzig? Ledrig? Kühl? Warm? Sportlich? Schwer? Leicht?

Soll es ein Unisex-Parfüm sein oder doch etwas Eindeutigeres – und wenn ja, auf welche Seite der Binarität will ich? Möchte ich wie die Ex meiner Mitbewohnerin riechen? Oder überhaupt wie irgendwer? Bin ich ein Bouquet oder eine verrauchte KfZ-Werkstatt? Unterm Strich geht es doch darum: Wer bin ich und wie möchte ich wahrgenommen werden?

Am Ende ist es nicht nur das Parfüm, sondern eine Melange aus Düften, die eine Person ausmacht. Ich begehe mit einem Wechsel also keinen Verrat an mir selbst. Online finde ich mein altes für den halben Preis. Ich bestelle eine große Flasche und kaufe noch die beiden anderen Favoriten aus der Odeur-Recherche. Vielleicht trage ich sie einfach alle drei Übereinander. Eine Re-Invention muss die Kern-Identität ja nicht gleich über Bord werfen.

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Hengameh Yaghoobifarah studierte Medienkulturwissenschaft und Skandinavistik an der Uni Freiburg und in Linköping. Heute arbeitet Yaghoobifarah als Autor_in, Redakteur_in und Referent_in zu Queerness, Feminismus, Antirassismus, Popkultur und Medienästhetik.

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