Humboldt Forum nimmt Betrieb auf: Ein Anlass zum Fremdschämen

Das Humboldt Forum ist endlich offen fürs Publikum und lockt mit gleich sechs Ausstellungen. Kein Grund zum Feiern, meint unsere Kommentatorin.

Eine junge Frau studiert vor dem Humboldt Forum eine Broschüre über das Ausstellungsangebot zur Eröffnung des Forums am 20. Juli - das Schloss ist im Hintergrund zu sehen

Jetzt aber rein in den Kasten: das Humboldt Forum hat geöffnet und wird Tou­ris­t:in­nen anziehen Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Einerseits stimmt es ja, dass schon alles gesagt ist, nur nicht von jedem und noch nicht auf diesem Platz. Andererseits kann bei diesem Thema eine gewisse Redundanz nicht schaden. Das Humboldt Forum ist Mist. Statt Grund zum Feiern, jetzt wo es in dieser Woche endlich in Betrieb geht, ist es Anlass zum Fremdschämen.

Seit Neuestem will es ja ein Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus sein, mit dem das verantwortliche politische Personal und die Museumsleute die längste Zeit keinerlei Problem hatten.

Lustigerweise ist just der Ort, für den das Humboldt Forum erfunden werden musste, an den ganzen Schwierigkeiten schuld. Die restaurative Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses ist selbst ein Akt des Kolonialismus. Denn dem Wunsch, die preußische Zwingburg samt späterer barocker Erweiterung wiederzuhaben, war ja der Wunsch vorausgegangen, den Palast der Republik, die swingende Zwingburg des Staats­so­zia­lis­mus, abzureißen.

Sinn und Zweck des rekonstruierten Schlosses lag darin, Symbol des Triumphs im Systemwettbewerb zu sein. Nur füllt die Politik des Wir-sind-die-Sieger-und-haben-jetzt-das-Sagen leider kein Haus. Und da keine Parkgarage rein durfte, musste Kultur rein.

Ein weiteres Mal ein Siegersymbol

Zum Beispiel die Ethnologischen Sammlungen, die im schönen Dahlem ein beschauliches Leben führten. Als beim Umzug auffiel, dass mit dem Prachtstücken der Sammlung nicht alles koscher ist, musste das niemanden wundern. Es musste schon deshalb auffallen, weil über den Sammlungen plötzlich ein goldenes Kreuz prangt – und damit man ja versteht, dass es sich dabei ein weiteres Mal um ein Siegersymbol handelt – samt umlaufenden, vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. verfassten Spruchband, das die Unterwerfung aller Menschen (und auch aller Toten!) unter das Christentum fordert.

Wachen Leuten fiel da notwendigerweise auf, dass auch das christliche Preußen mit Sklaven gehandelt hatte, bevor es sich als Deutsches Kaiserreich entschloss, Kolonialmacht zu werden, welchem Umstand die Sammlungen einen großen Teil ihrer Schätze verdanken.

Tja, wer sich anmaßt, selbst über die Toten noch zu herrschen, muss sich nicht wundern, wenn sie sich gegen ihn erheben. Er sieht auch keine Gespenster, sondern ihre Nachfahren, die nicht nur ihre Schädel zurückfordern, sondern auch Prachtstücke wie die Benin-Bronzen.

Braucht’s dafür ein Schloss?

Meine Güte, was hätte da Lebendiges entstehen können, an diesem Ort. Was war da schon Lebendiges entstanden an diesem Ort, bevor die Abrissbagger kamen.

Meine Güte, was hätte da Lebendiges entstehen können, an diesem Ort

Was am Humboldt Forum funktionieren wird, das lässt sich leicht voraussagen, ist das Café. Weil es das in dieser toten Ecke von Berlin ganz dringend braucht. Aber um ein Café zu haben, braucht’s dafür ein Schloss?

Insofern kann man nur die Coalition of Cultural Workers Against the Humboldt Forum unterstützen, die den blöden Kasten einfach abreißen wollen. Und wüsste man nicht, dass der Wiederaufbau des Palastes der Republik dieselbe dumme Nostalgie evozieren und in derselben eitlen Selbstfeier enden würde, an der das Humboldt Forum gerade scheitert, müsste man unbedingt dem Förderverein Palast der Republik beitreten.

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war Filmredakteurin, Ressortleiterin der Kultur und zuletzt lange Jahre Kunstredakteurin der taz. Seit 2022 als freie Journalistin und Autorin tätig. Themen Kunst, Film, Design, Architektur, Mode, Kulturpolitik.

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