Humboldt Forum feiert 5. Geburtstag: Ich bin begeistert und enttäuscht zugleich
Zu kolonial kontaminiert, zu wenig Stadt: Die Bubble unserer Autorin ist nicht überzeugt vom Berliner Humboldt Forum. Und sie selbst? Ist peinlich verliebt.
G old schimmert im Halbdunkel, ein paar Frauen sitzen reglos auf einem Sockel, mal spannt sich der Latex, mal saugt er sich an ihre Körper und Muskeln treten hervor. Aus den Lautsprechern kommen Klänge wie aus dem All. Sarah Ama Duahs Performance „to build to bury to remember“ zeigt Objekte als selbstbestimmte Körper, die den kolonialen Blick zurückwerfen und hinterlässt bei mir ein Gefühl, das ich im Humboldt Forum erstaunlich oft habe: Begeisterung, gefolgt von Scham.
Denn das Humboldt Forum ist mein fragwürdiger Crush. In meiner Bubble finden es die meisten doof. Zu kolonial kontaminiert, zu sehr Schloss, zu wenig Stadt. Ich nicke dann meistens verständig, weil ja alles stimmt, und gehe trotzdem wieder hin. In den fünf Jahren seit der Eröffnung besuche ich dort Lesungen, Performances, Konzerte und Diskussionen und denke: Wie gut ist das denn bitte? Dann schaue ich mich um und sehe vor allem ältere Menschen in Funktionskleidung, höre Englisch oder Spanisch. Ich suche nach Hinweisen, dass sich das Humboldt Forum endlich in die Stadtgesellschaft hineingebohrt hat. Aber andere Leute treffen, die man von irgendwoher kennt? Fehlanzeige!
Wie jemand, der auf einer Party nicht ankommt
Ich habe dieses Haus schon Jahre vor Eröffnung gegen seine Kritiker*innen verteidigt. Nicht, weil ich das Schloss wollte, ich bin ja nicht irre. Nach dem Abriss eines Stücks DDR-Architektur, das auf gutem Weg zu einer Art Centre Pompidou Berlins war, nach neun Jahren Bauzeit und entsprechenden Kosten steht da nun ein Betonkasten mit buttercremefarbener Verkleidung. Unter anderem finanzstarke rechte Spender*innen haben dieses Schloss ermöglicht, um etwas ins östliche Zentrum der Stadt zu holen, was sie als preußischen Glanz empfinden.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Unterm Kuppelkreuz, das den Machtanspruch des Christentums im gottlosen Berlin zementieren soll, residieren heute vor allem das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst. Vielen erschien das von Anfang an wie ein Flachwitz; mich faszinierte daran, dass während drinnen die Bauarbeiten liefen, draußen über Raubkunst, Restitution und koloniale Gewalt gestritten wurde. Das Humboldt Forum wirkte wie ein Debattenturbo, es brachte Fragen in die Mitte der Gesellschaft, die vorher eher in Fachpublikationen verschwunden waren.
Fünf Jahre später erscheint das Humboldt Forum allerdings noch immer wie jemand, der auf einer Party immer im falschen Raum steht und krampfhaft versucht, ins richtige Gespräch zu kommen. Die offiziellen Besucher*innenzahlen von 3,3 Millionen jährlich sind irreführend, denn es werden auch jene mitgezählt, die bloß ein Selfie im Innenhof machen. Für die Ausstellungen kamen zuletzt rund 634.000 Menschen. Das ist ordentlich, aber der Louvre hat rund dreizehnmal so viele Besucher*innen. Das eigentliche Problem ist ohnehin nicht die Statistik, sondern die Diskrepanz zwischen Anspruch und Atmosphäre.
Das Programm ist oft großartig: das mexikanische Totenfest, das kurdische Frühlingsfest, das Durchlüften-Festival, Veranstaltungen über bedrohte Sprachen. Künstler*innen, Autor*innen und Musiker*innen arbeiten sich an den großen Fragen der Gegenwart wie Demokratieschmelze, globale Ungerechtigkeit und politische Angriffe auf die Kunstfreiheit ab – und das oft klüger und mutiger als anderswo. Trotzdem bleibt das Publikum touristisch.
So funktioniert es einfach nicht. Die Gründe sind banal und deshalb besonders deprimierend: Das Humboldt Forum fährt ein Kulturprogramm, das in Kosten und Besucher*innenzahlen dem großer Theaterhäuser ähnelt, es verliert sich aber auf halber Strecke zwischen Rolltreppen wie im Flughafenterminal und endlosen Betonfluchten. Danach steht man auf dem Schlossplatz und hat – je nach Jahreszeit – die Wahl zwischen Erfrieren und Hitzschlag. Ums Humboldt Forum herum gibt es keine Orte, an die man sich flüchten kann, wenn die Veranstaltung aus ist.
Demnächst gehe ich trotzdem wieder hin. Diesmal zu einem Gespräch über einen Fluss, der in Südbrasilien unter einem Shoppingcenter verschwand und als Denkmal wieder auftauchte. Ich habe die Ankündigung gelesen und wollte sofort hin. Das gehört zu meiner peinlichen Verliebtheit: Das Humboldt Forum enttäuscht mich regelmäßig. Und ich freue mich immer wieder aufs nächste Date.
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