Humanitärer Beistand in Krisengebieten: Die Rolle der emotionalen Nähe beim Helfen
Sind wir gleichermaßen dazu verpflichtet, Menschen am anderen Ende der Welt zu helfen wie Menschen in unserer eigenen Stadt? Über das Beispiel Gaza.
D as Deutsche Rote Kreuz warnt vor den Folgen des Winters im Gazastreifen. Videoaufnahmen zeigen von kalten Sturmböen zerstörte Zeltstädte und Menschen, die in dünnen Trainingsanzügen versuchen, ihre Habseligkeiten zu retten. Als ich die Nachricht am Freitag im Radio hörte, fiel mir eine Diskussion ein, die ich kürzlich mit einem ehemaligen Kommilitonen geführt hatte.
Darin ging es um den australischen Ethiker Peter Singer. Der würde sagen, dass ich im sicheren Deutschland moralisch dazu verpflichtet bin, den Menschen in Gaza durch eine Spende zu helfen – und zwar in genau derselben Weise, wie es meine Pflicht wäre, ein ertrinkendes Kind aus einem Teich zu retten, das ich zufällig erblicke.
Mir erschien diese Denkweise heute ein wenig aus der Zeit gefallen. Aber warum eigentlich?
Singer beginnt sein Argument mit zwei ihm zufolge unkontroversen Prinzipien. Erstens sei es schlecht, durch Hunger oder Obdachlosigkeit zu sterben. Zweitens sei ich dazu verpflichtet, etwas Schlechtes zu verhindern, wenn das möglich ist, ohne etwas vergleichbar moralisch Bedeutsames zu opfern. Wenn ich beide Prinzipien anerkenne, so Singer, könnte ich gar nicht anders, als seiner These zuzustimmen.
Das darauffolgende Gedankenexperiment geht so: Würde ich auf meinem Arbeitsweg in einen flachen Teich hineinwaten, in dem gerade ein Kind zu ertrinken droht, würde ich dabei womöglich meine schicken Lederschuhe ruinieren. Trotz des finanziellen Verlustes würden wohl die allermeisten sagen, dass ich moralisch dazu verpflichtet wäre, das Kind zu retten, und ein furchtbarer Mensch wäre, wenn ich es nicht täte.
Emotionale Nähe
Könnte ich nun am anderen Ende der Welt jemanden durch eine geringe Spende, also auch einen Geldverlust, davor bewahren, an Hunger oder Kälte zu sterben, haben wir laut Singer einen analogen Fall. Ich könnte durch ein vergleichsweises geringes Opfer etwas sehr Schlechtes verhindern. Und in der Tat lässt sich kaum begründen, warum Distanz dabei moralisch bedeutsam sein sollte.
Emotionale Nähe spielt für unsere Empathie eine Rolle. Auch ich würde wohl das Leben meiner Mutter dem eines Fremden vorziehen. Das ist verständlich, doch wer an Universalismus glaubt, sollte darin keine Begründung für moralische Urteile sehen.
Es gibt jedoch einen zweiten Unterschied zwischen den beiden Fällen – und den halte ich für den relevanten. Wenn ich an eine NGO spende, habe ich keine Gewissheit, dass mein Geld auch wirklich ankommt und ein Menschenleben rettet. Das zeigt sich besonders am Beispiel Gaza: Noch immer lässt Israel nicht genügend Hilfslieferungen über die Grenze, 37 NGOs sollen künftig sogar nicht mehr dort arbeiten dürfen.
Als Singer sein Argument 1971 aufschrieb, vertraute er darauf, dass wir unsere Hilfe durch moderne Kommunikations- und Transportmöglichkeiten fast genauso effektiv weit entfernten Menschen zukommen lassen könnten wie Menschen in derselben Stadt.
Diese Idee klingt für mich, und vermutlich für einige andere, heute so merkwürdig, weil wir in den letzten Jahren so oft gesehen haben, wie Helfer:innen Steine in den Weg gelegt wurden und Staaten Hunger- und Krisenhilfe torpedierten. An unseren Hilfspflichten gegenüber Menschen in Gaza, Sudan oder Bangladesch ändert das nichts. Nur komplizierter als in Singers Gedankenexperiment sind sie leider. Spenden an NGOs bleiben unverzichtbar, aber ebenso bedeutend ist der Einsatz für politischen Wandel.
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