Hörspiel-Klassiker im Brinkmannjahr: „Köln ist die schmierigste Stadt, die ich kenne“
Rolf Dieter Brinkmanns Hörspiel „Die Wörter sind böse“ ist ein Klassiker der Radikalität. Und ein Monument des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Wir befinden uns im Brinkmannjahr. Am 16. April vor 85 Jahren wurde der Dichter, der als Westdeutschlands bedeutendster gelten darf, in Vechta geboren, am 23. April 1975 kam Rolf Dieter Brinkmann bei einem Autounfall in London ums Leben.
Zum Jubiläum ist eine Biografie erschienen („Ich gehe in ein anderes Blau“) und eine erweiterte Ausgabe des Großgedichtbandes „Westwärts 1 & 2“ (beide bei Rowohlt). Damit ist das Wesentliche zu den Jahrestagen gesagt.
Jetzt hören wir mal, was Brinkmann selber zu sagen hatte, im autobiografischen Hörspiel „Die Wörter sind böse“, 1973 von Brinkmann sozusagen on the road aufgenommen und 1974 tatsächlich im WDR gesendet:
„In der Kälte, hier in Köln, Köln ist die schmierigste Stadt, die ich kenne, die schmierigste, versauteste, dreckigste, blödeste, verschissenste, verpinkeltste, stinkendste Stadt. Eine so tote und öde Stadt, in der alles Leben erstirbt, in der es keine lebendigen Situationen mehr gibt, in der die Leute einander hassen und sich verkriechen.“
Mal innehalten
Man darf das jenseits des Lokaldefätismus als Brinkmanns verallgemeinernde Haltung zur Welt lesen, einer grundkaputten Endwirtschaftswunderwelt, der er dann in seinen Versen immer wieder Augenblicke zu entreißen versuchte, die innehalten lassen, „für einen Moment eine / Überraschung, für einen Moment / Aufatmen, für einen Moment / eine Pause in dieser Straße, / die niemand liebt und atemlos / macht, beim Hindurchgehen. Ich / schrieb das schnell auf, bevor / der Moment in der verfluchten / dunstigen Abgestorbenheit Kölns / wieder erlosch. („EINEN JENER KLASSISCHEN“, aus: „Westwärts 1 & 2“).
Brinkmanns Radikalität hat ihm und seinen Zeitgenossen das Leben nicht leichter gemacht. Aber sie hat ihm und seinem Werk ein Nachleben beschert, das noch in Wiglaf Drostes klassischem Diktum „In Deutschland leben heißt knietief durch Kot waten“ nachhallt. „
Die Wörter sind böse“ hat dabei auch Momente von großer Zartheit. Ein Juwel eben und eine Ermahnung: was zumindest mal möglich war in unserem öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
„1974: Die Wörter sind böse“. 100 aus 100: Die Hörspiel-Collection. ARD Audiothek
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