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Hitze in NordafrikaKlimakrise vor bröckelnder Infrastruktur

In Tunesien zwingt die Hitze das Stromnetz in die Knie. Damit fallen nicht nur die Klimaanlagen aus, sondern auch die Wasserversorgung. Die Verzweiflung wächst.

Mirco Keilberth

Aus Tunis

Mirco Keilberth

Eigentlich schauten viele Tunesier im Frühjahr mit gedämpftem Optimismus auf die kommenden Monate. Zwar hatte der extrem starke Frühjahrssturm „Harry“ im Januar entlang der Küste und auf den Feldern schwere Verwüstungen angerichtet. Doch die darauffolgenden Regenfälle füllten die Stauseen, die für die Trinkwasserversorgung und zur landwirtschaftlichen Bewässerung verwendet werden, auf einen historischen Höchststand.

Aus den Stauseen in Ben Metir an der algerischen Grenze und auf der Halbinsel Cap Bon musste im Februar erstmals sogar Wasser abgelassen werden. Und daran zeigte sich wohl schon, dass sich die Hoffnungen auf einen reibungslosen Sommer, ohne die sonst üblichen Wasserabschaltungen, nicht erfüllen würden. Große Mengen des wertvollen Wassers landete mangels Rohrleitungen im Meer. Landwirte unweit der Speicherseen hingegen mussten Wasser für ihre Tanks ankaufen – und forderten von der Regierung sofortige Maßnahmen, die marode Wasserinfrastruktur anzupassen.

Doch in Tunis feierte man die exzellenten Buchungszahlen im Tourismussektor. Das von der Regierung ausgegebene Ziel, neue Märkte zu gewinnen und die seit der Coronapandemie andauernde Wirtschaftskrise hinter sich zu lassen, schien sich zu bestätigen.

Nun, Ende August, hoffen viele Tunesier nur noch auf ein schnelles Ende ein Ende der Ferienzeit – und der scheinbar endlosen Hitzewelle. Schon Mitte Juli waren die Temperaturen vielerorts auf fast 50 Grad gestiegen.

Man improvisiert, hilft anderen

Die deswegen überall laufenden Klimaanlagen zwangen das Stromnetz in die Knie. Da auch die meisten der in den letzten Monaten eröffneten Solarparks wegen laufender Rechtsstreitigkeiten oder fehlender Genehmigungen doch noch keinen Strom lieferten, musste der staatliche Stromlieferant Steg reihum ganze Städte vom Netz nehmen. Nach den teilweise bis zu zehnstündigen Blackouts blieb Restaurant- und Hotelbetreibern nichts anderes übrig, als ihre gekühlten Lebensmittel wegzuwerfen. Viele kleinere Läden stehen nun vor dem Ruin.

Dann blieben aufgrund ausgefallener stromgetriebener Pumpen auch noch die Wasserhähne trocken. Auch noble Hauptstadtvororte wie La Marsa oder Karthago mussten Stunden oder Tage ohne Wasser auskommen. Während Präsident Kais Saied in nächtlichen Besuchen vor erzürnten Bürgern Tiraden gegen Saboteure oder unfähige Beamte hielt, entwickelten Bürgerinitiativen Apps fürs Handy. Damit konnte man die Länge und Zeit der Abschaltungen verfolgen.

Mit Solidarität und Improvisation half sich das krisengewohnte Land durch die Hitzewelle. Einige Touristen nahmen die Poolpartys mit Taschenlampen gelassen, andere mussten das Konzept eines Sommerurlaubes bei 50 Grad und ohne Ventilator oder Klimaanlage hinnehmen lernen.

Doch es kam noch schlimmer. Seit zwei Wochen gibt es kaum noch in Flaschen abgefülltes Wasser zu kaufen. Die Regale in den Supermärkten sind leer. Wer einen Händler mit einem Vorrat kennt, darf höchstens ein oder zwei Flaschen mitnehmen. Auch in Algerien hat die Hitzewelle zu einer Wasserknappheit geführt. Wasser aus der Leitung ist in beiden Ländern wegen des hohen Chlorgehaltes ungenießbar. Abkochen ändert nichts. In den nächsten Tagen sollen die Temperaturen wieder auf über 46 Grad steigen.

Gewaltsame Proteste gegen die Lebensumstände

Auch im benachbarten Libyen ächzen die Bürger unter langen Stromabschaltungen. Die Regierungen beider Länder wollen in neue Kraftwerke investieren. Die Bundesregierung hatte Tunesien bereits eine konkrete technische Kooperation zur Stabilisierung des Stromnetzes angeboten. Doch auf tunesischer Seite fehlte offenbar der Wille zur Umsetzung. Nun hat die Steg ein neues Umspannwerk eröffnet.

Eine Konsequenz der Situation: Vor der südlichen Küstenstadt Zarzis sank am Wochenende ein Boot mit tunesischen Migranten; 13 Todesopfer barg die Küstenwache aus dem Mittelmeer. Viele der Ertrunkenen stammten aus Ben Guerdane an der libyschen Grenze, wo danach gewaltsame Proteste gegen die aktuellen Lebensumstände ausbrachen.

Besserung ist nicht in Sicht: Wetterexperten rechnen aufgrund des extrem warmen Mittelmeers mit starken Herbststürmen in der Region.

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