Hip-Hop-Veteran über Orte der Begegnung: „Ich habe 20 Jahre des kommerziellen Scheiterns hinter mir“
Früher Kellogg's Fabrik, heute Erlebnisoase. Mit der Freizeitklinik schafft Immo Wischhusen in Bremen einen Ort, den man nach Festivals oft vermisst.
taz: Immo Wischhusen, jedes Jahr lassen Sie auf einer Bremer Halbinsel auf rund 7.000 Quadratmetern eine Landschaft entstehen, wie man sie sonst nur von Festivals kennt. Was hat Sie dazu bewegt, mit der Freizeitklinik einen weiteren Ort der Begegnung zu schaffen?
Immo Wischhusen: „Die Komplette Palette“ ist ein künstlerisches Projekt im Hemelinger Hafen, das 2016 entstand. Es ist ein Ort der temporären Begegnung mit einer Bar, Konzerten und Kunst, alles in der Natur und direkt am Wasser. Seither verwandelt sich jeden Frühling aufs Neue eine Brachfläche in einen Ort, der vielen Bremer:innen auch als „Das Kleine Paradies“ bekannt ist. Jeden Herbst muss alles wieder abgebaut werden. Mit der„Freizeitklinik“ wollte ich einen ähnlichen Ort schaffen aber mit mehr Kontinuität, etwas das bleibt.
taz: Die Freizeitklinik entspringt einer weiteren Brachfläche, einem unbebauten Teil des Industriegebiets Bremen Überseestadt. Wie begann alles vor drei Jahren?
Wischhusen: Lange prägte vor allem die alte Kellogg’s-Fabrik die Gegend. Der Investor Klaus Meier möchte hier ein innovatives Stadtquartier entstehen lassen. Mit einem hanseatischen Handschlag verabredeten wir, dass die Freizeitklinik hierzu beitragen kann. Durch den immer wiederkehrenden Auf- und Abbau von der „Kompletten Palette“ gab es bereits etablierte Bausätze, aber die Herausforderung lag darin, nicht nur eine neue Infrastruktur zu installieren, sondern sie auch auf Dauer funktionsfähig zu machen. Die Idee ist, dass dieser Ort auch dauerhaft Teil des Quartiers bleibt.
Jahrgang 1975, ist Veteran des deutschen HipHop. In Bremen organisiert er seit 2016 jeden Sommer das temporäre soziokulturelle Kunstexperiment „Die Komplette Palette“. Mit der Freizeitklinik hat er einen zweiten Ort geschaffen, der Kunst, Gemeinschaft und Erholung miteinander verbindet.
taz: In den 90er Jahren waren Sie allem in der deutschen Hip-Hop-Szene unterwegs. Nun möchten Sie einen Ort der Begegnung schaffen. Wie kam es zu dem Umbruch?
Wischhusen: Mitte der 90er hatte ich gemeinsam mit Ferris MC die Band „Freak Association“. Ich bin sozusagen im deutschen Hip-Hop aufgewachsen. Nach etlichen Tours und Auftritten habe ich sozusagen 20 Jahre des kommerziellen Scheiterns hinter mir. Dadurch konnte ich den Begriff Erfolg für mich neu definieren. Hätte ich keine hohe Frustrationstoleranz, hätte ich diesen Ort vermutlich niemals geschaffen. Denn was mich immer schon glücklich gemacht hat, ist der Schaffensprozess hinter der Kunst. Was ich hier mache, ist für mich immer noch Hip-Hop, aber eben in handwerklicher Form. Ich wünsche mir eine bessere Welt und mit der Freizeitklinik beschränke ich mich einer eingezäunten Fläche auf ein kleines Fleckchen Erde, das ich besser machen möchte.
Digital Detox Day in der Freizeitklinik, 4.8., 18 bis 22 Uhr, Stephanikirchenweide 19, Bremen-Überseeestadt, Eintritt frei
taz: Was erwartet die Leute, wenn sie zum Digital Detox Day in die Freizeitklinik kommen?
Wischhusen: Es kommt darauf an, was sie draus machen, denn das echte Leben macht man sich selber. Ich möchte zu einer soliden Einzelleistung anregen. „Herz auf, Hirn an“ steht am Eingang. Es gibt keinen Animateur, der durch die Gegend läuft und den Entertainer spielt. Man kann einfach chillen, sich hinlegen, entspannen. Es gibt Sonnenbänke, Tischkicker, eine Tischtennisplatte, ein Trampolin, einen Sandkasten und herrliche Mirabellenbäume, von denen alle so viel essen dürfen, bis sie satt werden.
taz: Sie sind Social Media aktiv, auch für den Digital Detox Day. In welchem Spannungsverhältnis sehen Sie sich da und wie steht es um Ihren eigenen Medienkonsum?
Wischhusen: Mein erstes Handy war ein Siemens S4. Heute schätze ich die Kommunikationsvorteile von Smartphones. Ohne könnte ich nicht tun, was ich tue. Um mein Angebot an die Menschen heranzutragen, muss ich sie dort erreichen, wo sie sich herumtreiben – und das ist heute nun mal das Handy. Mir passiert’s auch, dass ich nach dem Content-Hochladen hängenbleibe und mir plötzlich Zeug angucke, das ich gar nicht brauche. Dann habe ich auf Konsum umgeschaltet statt auf Produktion, aber was zählt ist das Bewusstsein.
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