Heftige Proteste in Belgrad: Serbische Früchte des Zorns
Vučićs Regierung ist in einer unangenehmen Situation. Womöglich wird das autoriäre Regime hinweggefegt.
I n Belgrad ist der akkumulierte Zorn ausgebrochen. Die unterdrückte Wut. Acht Jahre lang haben die Bürger Serbiens beobachtet, wie sich das Land in eine Autokratie verwandelt, in ein Ein-Mann-System, wie Aleksandar Vučić Politik und Gesellschaft Schritt für Schritt, Schlacht für Schlacht beherrschte.
Acht Jahre lang hatte man sich hier von den Medien für blöd verkaufen lassen. Fast ohne Widerstand sah man zu, wie die wirkliche Wirklichkeit in den gesteuerten Medien in eine Vučić genehme Scheinwirklichkeit umgeformt wurde, bis man eines Morgens aufwachte und sich in einen Untertanen verwandelt sah.
Acht Jahre lang hatten sich die Menschen mehr und mehr vor einer aggressiven Politik zurückgezogen, die keinen Dialog kennt, keine Kritik duldet, und die die über 700.000 Parteigenossen von Vučić in jeder Hinsicht bevorzugt. Man versuchte es mit friedlichen Protesten, man blies in die Trillerpfeifen, man schlug in die Töpfe und stieß nur auf Hohn und Zynismus und, immer wieder, auf die verdrehte Darstellung der Tatsachen. Das Regime forderte buchstäblich, dass die Bürger den eignen Augen und Ohren nicht glauben, die Reihen um den großen Vučić schließen und serbische Fahnen hochhalten.
Bei den aktuellen Demos in Belgrad nehmen sehr viele sehr junge Menschen teil. Der Großteil der Demonstranten sind brave Bürger, die endgültig die Schnauze voll haben von der Abnormalität, in der sie gezwungen sind zu leben. Man kann erschrockene Gesichter sehen, wenn die Polizei mit voller Kampfausrüstung auf sie loszieht. Und trotzdem haben sich die Menschen diesmal nicht zurückgezogen.
Die Demonstranten haben sich spontan versammelt, folgten keiner politischen Partei. Und es gibt niemanden, der den Unmut auf der Straße kanalisieren könnte, deshalb werden die Proteste wahrscheinlich bald abflauen.
Trotzdem befinden sich Vučić und seine Regierung in einer ziemlich unangenehmen Situation. Denn, einerseits, löst Gewalt ja am Ende doch immer noch mehr Gewalt aus. Anderseits darf ein autoritäres Regime keinen Zentimeter nachgeben, sonst wird es – wie das Scheinbild der Normalität in den von ihm kontrollierten Medien – weggefegt. Die Demos werden ganz sicher mit voller Wucht zurückkehren.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert