Hass auf Frauen und Queers: In Berlin vernetzen sich die Antifeminist*innen
Der Soziologe Andreas Kemper erforscht antifeministische Netzwerke. Berlin sieht er als zentralen Knotenpunkt dieser demokratieschädigenden Bewegung.
Eine ganze Reihe von Akteur*innen treibt aus Berlin heraus den Antifeminismus voran. Es habe ihn selbst etwas überrascht, auf wie viele Vereine und Organisationen er gestoßen sei, die konkret in Berlin ansässig seien und hier agierten, sagt der Soziologe Andreas Kemper. Er hat in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Berlin (TU) und im Auftrag der Grünenfraktion im Abgeordnetenhaus in einer nun veröffentlichten Studie „Antifeminismus in Berlin“ untersucht.
Mit Antifeminismus beschäftigt Andreas Kemper sich schon lange. „Ich hatte das bisher vor allem für ein Internet-Phänomen gehalten, das sich gar nicht so stark auf konkrete Orte herunterbrechen lässt“, sagt Kemper bei der Präsentation seiner Studie am Freitag im Abgeordnetenhaus. Dabei betont sowohl er als auch führende Politiker*innen der Grünen, dass Antifeminismus deutlich von Sexismus zu unterscheiden sei.
Es handle sich um „eine Verteidigung patriarchaler Machtverhältnisse“, die sich nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen die LGBTIQ-Bewegung in Stellung bringe. „Was den Antifeminismus ausmacht, ist, dass er konkret versucht, Gesetzgebung zu beeinflussen und emanzipatorische Errungenschaften zurückzudrehen“, sagt Kemper. Im Antifeminismus kämen verschiedene ideologische Strömungen zusammen, es sei keine Ideologie an sich. „Wir beobachten aber, dass Akteur*innen oft über Diskurse oder Kampagnen zusammenfinden“, sagt Kemper. Antifeminismus sei daher auch eine sogenannte „Brückenideologie“, die verschiedene antidemokratische Tendenzen in der Gesellschaft verbinde.
An drei Beispielen zeigt sich für Kemper der wachsende Einfluss antifeministischer Netzwerke. „Der Marsch fürs Leben ist in Berlin gleichbleibend groß. Dann hatten wir im vergangenen Jahr eine erfolgreiche Kampagne gegen die Kandidatur von Frauke Brosius-Gersdorf für das Amt als Verfassungsrichterin, die haben die in Berlin ansässigen „Apollo News“ gestartet“, sagt Kemper. „Und auch die zunehmenden Angriffe auf Pride-Paraden und Anti-CSD-Aufmärsche auch in und um Berlin sind neu, noch vor ein paar Jahren waren CSDs durchweg friedliche Veranstaltungen“, sagt er. In Münster war 2022 sogar ein Transmann am Rande des CSD totgeprügelt worden.
„Wokes Berlin“ als Hassobjekt
Berlin gelte in der antifeministischen Bewegung geradezu als „wokes und queeres Hassobjekt“, sagt Kemper, der sich auf dabei auf einschlägige Einträge in einem indizierten „antifeministischen Hassportal“ beruft. Antifeministische Akteur*innen ordnet Kemper der religiösen Rechten, dem völkisch-nationalistischen Lager und neoliberal/rechtslibertären Initiativen zu. Diese schlössen sich teils zu Kampagnen oder Demos zusammen.
Kemper nennt etwa die rechtslibertäre Hayek-Gesellschaft, die in Berlin sitzt, und aus der Apollo News hervorgegangen sei. Die Gesellschaft steht der AfD nahe und hatte 2024 etwa Argentiniens Staatschef Javier Milei für seinen „Marktliberalismus“ ausgezeichnet. „Auch Beatrix von Storch kommt immer wieder vor“, sagt Kemper. Auch die AfD-Politikerin sei in der Hayek-Gesellschaft aktiv, sowie auch in religiösen, ultrakatholischen Gruppierungen.
Auch Falun Dafa/Falun Gong, ein weltweit operierendes rechtes religiöses Netzwerk, das Feminismus und Homosexualität ablehnt, ist in Berlin verankert. Aufführungen ihrer Tanz-Varieté-Show Shen Yun in der Deutschen Oper seien sogar mit öffentlichen Geldern gefördert worden, sagt Kemper. „Und zu Falun Dafa gehört Epoch Times, das weltweit größte rechtspopulistische Internetmagazin“, erklärt er.
Für weit weniger bedeutsam als solche Akteur*innen schätzt er den Einfluss durch Islamismus und Salafismus ein. Auch dort gäbe es antifeministische Einstellungen, „aber diese Akteure haben wenig Einfluss in Regierungskreise“, sagt Kemper. Es sei trotzdem wichtig, sie zu beobachten.
Mehr Transparenz und Schutz der Zivilgesellschaft
Ein Monitoring und Transparenz, das sind zwei der zentralen Handlungsempfehlungen aus der Studie. „Deutschland ist ein schwarzes Loch, was antifeministische Finanzierung angeht“, sat Kemper. Selbst in Russland gäbe es im Vergleich mehr Infos über Geldflüsse. Hier müsse die Politik dringend Bedingungen schaffen, unter denen die Gelder etwa von Vereinen besser nachvollzogen werden könnten. Auch sei die Arbeit von Meldestellen unerlässlich. Es sei außerdem wichtig, die Justiz zu sensibilisieren, in der antifeministische Akteur*innen die Pseudo-Idee des „Parental Alienation Syndrom“, dt. angebliche „Eltern-Kind-Entfremdung“ teils erfolgreich verankerten.
Es sei außerdem wichtig, in der Lehrer*innenausbildung für das Thema zu sensibilisieren, Forschung dazu auszubauen, politische Bildung zu stärken und die Zivilgesellschaft zu schützen. Die Grünen wollen da direkt ansetzen. In einem Antrag an das Abgeordnetenhaus fordern sie Schulungs- und Fortbildungsprogramme zu Antifeminismus, etwa auch für Richter*innen, sie fordern den Schutz von zivilgesellschaftlichen Institutionen – etwa über das Demokratiefördergesetz – und sie fordern Konsequenzen für die Sicherheitsbehörden.
Der Verfassungsschutz etwa müsse Antifeminismus als Kriterium verankern, um entsprechende Akteur*innen dann auch zu beobachten, sagt Bahar Haghanipour, Sprecherin für Frauenpolitik und Gleichstellung der Grünenfraktion. Haghanipour hatte die Studie mit in Auftrag gegeben, und zeigte sich selbst überrascht von den Ergebnissen. „Ein Großteil der Akteure war auch mir nicht geläufig“, sagt sie bei der Präsentation der Studienergebnisse. Antifeminismus greife „zentrale Werte der Demokratie“ an.
Soziologe Andreas Kemper betont auch noch mal, wie lohnenswert die Perspektive auf Berlin am Ende war. „Man kann auf lokaler Ebene schauen, wie Antifeminismus sich vernetzt und verstärkt“, und solche Erkenntnisse seien wichtig für Gegenstrategien. Er könne sich gut vorstellen, ähnliche Studien auch mit Blick auf andere Städte oder sogar ländliche Gegenden anzufertigen, sagt er.
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