Hantavirus auf der „Hondius“: Die Chronik einer Schifffahrt
Bisher sind vom Hantavirusausbruch rund ein Dutzend Menschen direkt betroffen. Für das große Aufsehen sorgt auch das ungewöhnliche Szenario.
1. April
Im südlichsten Argentinien legt die „Hondius“ mit rund 180 Menschen an Bord ab. Die „Hondius“ ist ein Luxuskreuzfahrtschiff der Polarklasse 6, gebaut um durch Eis zu brechen. Diese Fahrt unter niederländischer Flagge soll die überwiegend älteren Tourist*innen unter anderem zur Vogelbeobachtung auf entlegene Inseln im Südatlantik bringen. Mit Informationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lassen sich die weiteren Ereignisse rekonstruieren.
6. April
Einer der Passagiere, ein Niederländer, der zuvor mit seiner Frau durch Südamerika reiste, klagt über Fieber, Kopfschmerz, leichten Durchfall. Ein Schiffsarzt ist an Bord und die „Hondius“ auf hoher See.
11. April
Der Mann stirbt, nachdem sich sein Zustand rapide verschlechtert hatte. Der Schiffsarzt geht zunächst von einem tragischen Einzelfall aus.
14. April
Das Schiff liegt vor der Insel Tristan da Cunha. Sie gehört zum britischen Überseegebiet und gilt als entlegenste bewohnte Insel der Welt. Rund 230 Menschen leben hier. Einer der Passagiere, Bewohner von Tristan da Cunha, steigt aus. Auch er wird später erkranken.
24. April
Die „Hondius“ erreicht St. Helena, größte Insel im britischen Überseegebiet und einst Verbannungsort Napoleons. 30 Passagiere gehen von Bord und reisen weiter in unterschiedliche Länder. Die Leiche des verstorbenen Niederländers wird an Land gebracht, begleitet von seiner ebenfalls erkrankten Frau. Auch ein Brite meldet sich beim Schiffsarzt.
25. April
Die Ehefrau des Verstorbenen fliegt schwerkrank nach Johannesburg. Sie kommt bei Ankunft direkt in die Klinik, wo sie am 26. April verstirbt.
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27. April
Der erkrankte Brite wird bei einem Stopp an der Insel Ascension evakuiert und kommt in Johannesburg auf die Intensivstation.
2. Mai
Im Fall des Briten bestätigt sich erstmals eine Infektion mit dem Hantavirus. Das Vereinigte Königreich meldet die Vorkommnisse an die WHO – sie ist zuständig, weil die „Hondius“ in internationalen Gewässern unterwegs ist. An Bord stirbt eine seit einigen Tagen erkrankte deutsche Passagierin.
4. Mai
Die WHO veröffentlicht detaillierte Informationen zum Infektionsgeschehen. Die Behörden beginnen mit der Suche nach möglichen Kontaktpersonen, die mit der Niederländerin im Flugzeug saßen, und nach den Passagieren, die in St. Helena von Bord gingen.
5. Mai
Bei einer Sondersitzung der WHO wird beschlossen, dass die „Hondius“, die zu diesem Zeitpunkt vor dem afrikanischen Inselstaat Kap Verde ankert, zu den Kanaren fahren soll. Heftige Diskussionen zwischen der kanarischen und der spanischen Regierung folgen. Ein Passagier, der bereits in St. Helena von Bord ging und nach Hause flog, wird in der Schweiz positiv getestet und behandelt. Bei allen bestätigten Fällen handelt es sich um Infektionen mit der nur in Südamerika verbreiteten Andesvariante des Hantavirus.
6. Mai
Der Schiffsarzt und ein Reiseleiter gehen erkrankt von Bord und werden in die Niederlande ausgeflogen. Die „Hondius“ nimmt Kurs auf die Kanarischen Inseln.
10. Mai
Die „Hondius“ erreicht Teneriffa. Die Passagiere werden untersucht und in ihre Heimatländer gebracht, wo sie sich in Quarantäne oder kontrollierte Selbstisolation begeben. Die WHO empfiehlt aufgrund der langen Inkubationszeit eine Überwachung bis zum 21. Juni. Der Passagier, der in Tristan da Cunha von Bord ging, ist inzwischen erkrankt und wird in einer spektakulären Fallschirmaktion medizinisch versorgt. Die Insel hat keinen Flughafen.
13. Mai
Eine Französin ist kritisch erkrankt und wird in Paris an eine künstliche Lunge angeschlossen. Die britische Regierung holt noch mehrere Kontaktpersonen aus den Überseegebieten vorsorglich nach Großbritannien. Die WHO geht inzwischen von 11 Fällen aus, davon 3 mit Todesfolge, und erwartet noch vereinzelt Folgefälle. Alle laborbestätigten Erkrankten waren Passagiere der „Hondius“.
15. Mai
Die „Hondius“ befindet sich mit einer Restbesatzung auf dem Weg nach Rotterdam, wo das Schiff in den nächsten Tagen eintreffen und dann desinfiziert werden soll. Ende Mai soll es eigentlich in die Arktis fahren.
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