Hamburgs Verhältnis zu Bismarck: Verehrung auf hanseatisch

In Hamburg steht das größte existierende Bismarck-Denkmal. Ist die Verehrung hier wirklich so groß? Es ist eine komplizierte Beziehung.

Vom Baugerüst umhülltes Bismarck-Denkmal in Hamburg, daneben ein Kran

Verhüllungsaktion: Im Juni war das Bismarck-Denkmal noch hinter einer Plane verschwunden Foto: Markus Scholz/dpa

HAMBURG taz | Das Timing ist geradezu grotesk: Als die Sanierung des Bismarck-Denkmals in Hamburg beschlossen und im Frühjahr damit begonnen wurde, war das in Hamburg kaum ein Thema. Dass das immerhin acht Millionen Euro kosten soll, wurde zwar mit Verwunderung bemerkt, aber das war’s auch schon. Dann aber kam die „Black Lives Matter“-Bewegung auch in Deutschland an und mit ihr die Frage um das Stürzen von fragwürdigen Denkmälern.

Plötzlich war der dicke und hohe Granit-Bismarck in aller Munde. Kopf ab? Kopf dran lassen? Nirgendwo anders wurde in den vergangenen Wochen und Monaten derart intensiv diskutiert, wie mit einem Denkmal dieses preußisch-deutschen Staatsmannes umzugehen ist.

So sehr beide Seiten – die glühenden Bismarck-Verehrer (lohnt hier das Gendern?) auf der einen Seite, antikoloniale Gruppen auf der anderen Seite – um die Deutungshoheit über die historische Einordnung streiten, so unterbelichtet ist der Blick darauf, wie genau Bismarck heutzutage gewürdigt wird – fernab der simplen Frage nach „Kopf ab“ oder nicht. Ist die Verehrung Bismarcks in Hamburg wirklich so groß, wie sie auf den ersten Blick erscheint?

Im Hamburger Alltag ist es beinahe schwierig, Bismarck nicht über den Weg zu laufen: Es beginnt mit einem Fischbrötchen mit Bismarck-Hering an den Landungsbrücken, dazu eine Flasche Mineralwasser aus der Fürst-Bismarck-Quelle. Wer mag, nimmt noch einen Schluck vom Kornbrand, der ebenfalls den Namen des Reichskanzlers trägt. Ein Stück flussabwärts, im feinen Blankenese lässt sich vom Bismarck-Stein aus ein schönes Elbpanorama bestaunen.

Wohin man schaut: Bismarck

Drei Mal findet sich Bismarcks Abbild als Statue in Parks. Hinzu ist eine unauffällige Straße nach ihm benannt und eine daran gelegene Schule trägt ebenfalls seinen Namen. An zwei Fassaden in der Altstadt und in Altona wird ebenfalls seiner gedacht.

Der Vollständigkeit halber sei noch das Fürst-Bismarck-Hotel am Hauptbahnhof zu nennen. Und nicht zu vergessen der „Alt-Herrenruderverein Bismarck“: Der ist, so wird es auf Nachfrage betont, allerdings nach der genannten Schule benannt, weil es dort einen Anleger zum Isebekkanal gibt. „Wir führen derzeit intern eine Debatte um den Namen“, sagt Vorstand Uli Roemmelt.

Und dann ist da noch Friedrichsruh: Vor den Toren Hamburgs, schnell mit der Bahn zu erreichen, liegt das kleine Dorf, auf das sich Otto von Bismarck in seinen letzten Lebensjahren zurückzog. Fernab der Großstädte ist dieser Ort auch von Bedeutung, weil Bismarcks Nachfahren noch heute dort wohnen – und das Erbe verwalten.

Dass die schiere Anzahl der Bismarck-Anleihen in der Hansestadt so groß ist, ist verwunderlich. Stellte sich Hamburg nicht immer gegen jegliche Vereinnahmung von außen? War die Stadt nicht immer stolz auf ihre Unabhängigkeit und definierte sich, statt in einen Nationaltaumel zu verfallen, als Tor zur Welt?

Zugewucherter Bismarck aus Granit

Vielleicht bringt es ja was, die Bismarck-Gedenkorte zu besuchen? Beim Bismarck-Denkmal im Alten Elbpark in der Neustadt ist alles verrammelt. Seit einigen Monaten ist der Granit-Bismarck umgeben von drei Meter hohen Holzwänden, die ohne eine einzige Lücke und weiträumig um den erhöhten Platz des Monuments führen. Über den Holzwänden schlängelt sich Stacheldraht.

Wird nach den Diskussionen der vergangenen Monaten das Denkmal besonders intensiv geschützt oder ist das der übliche Baustellenschutz vor Werkzeugdieb*innen?

Zu sehen ist jedenfalls niemand, nirgendwo ein Bauarbeiter, der gerade an der Frischzellenkur des Denkmals arbeitet. Nur zu hören sind die Bauarbeiten: Das Klackern des hohen Krans, der sich leicht zur Seite bewegt, das Kreischen, das vom Flexen mit einem Winkelschneider zu stammen scheint, das konstante Krachen einer Bohrmaschine. Und am Fuß des Hangs liegt ein wohl obdachloser Mann auf einer Bank und schläft.

Auf der Rückenseite Bismarcks wurde vor Kurzem ein Wohnhaus gebaut: Mehrere Geschosse, nicht schick, aber auch nicht billig, mit Balkonen. Ein älterer Herr sitzt am Vormittag dort und liest Zeitung. Stören würde ihn der Baulärm nicht, sagt er, aber durch die Bäume, die viel vom Lärm abdämpfen, halte es sich auch in Grenzen. Was er von Bismarck hält und davon, neben dem größten existierenden Denkmal des Reichskanzlers zu wohnen? Er zuckt mit den Schultern.

Die Wiese, die zu Füßen des Denkmals liegt, ist tagsüber eine Hundeauslaufwiese. Hier und da liegen Menschen auf dem Grün und machen ein Nickerchen. Zwischen den Bäumen am Hang sind die Plastiktaschen und Schlafsäcke verstaut. Traditionell ist der Park ein Refugium für Obdachlose. Unter der wenige Meter entfernten Kersten-Miles-Brücke sind immer viele von ihnen zu sehen.

Es scheint, als würde das Denkmal versteckt

Bevor die Bauarbeiten begannen, war der Sockel des Denkmals auch ein bekannter Treffpunkt für Drogenabhängige. Eine benutzte Spritze lag fast immer irgendwo in der Nähe auf dem Boden. Jetzt ist niemand zu sehen, der sich in der unmittelbaren Nähe aufhält. Nur ein paar Wein- und Schnapsflaschen liegen herum.

Immer mal wieder gab es Versuche, den Bismarck’schen Geist des Ortes zu beschwören: Dann posierten Studentenverbindungen und Burschenschaften vor dem Denkmal. Größere Diskussionen fanden zuletzt 2003 statt. Damals wurde Hamburg noch von der CDU zusammen mit der rechten Schill-Partei regiert. Ein konservativer Geschichtsverein wollte mit einer Illumination des Denkmals Bismarcks gedenken. Die rechtsextreme Hamburger Burschenschaft „Germania“ stellte den Sicherheitsdienst. Auch örtliche SPD-Politiker nahmen daran teil.

Obwohl die Statue mit über 34 Metern Höhe das weltgrößte Bismarck-Denkmal ist, ist sie im Stadtbild fast unsichtbar. Zu allen Seiten haben die Bäume eine Höhe und eine Dichte erreicht, die einen Blick aus der Ferne verhindern. Nur von ganz wenigen Standpunkten aus lässt sich Bismarck im Gesamten betrachten.

Es scheint fast so, als würde das Denkmal versteckt. Den Menschen, die sich den Raum genommen haben, ist Bismarck gleichgültig, und eine Anlaufstelle für Reaktionäre ist das Denkmal auch nicht mehr. Was hier in der Luft liegt, ist keine Verehrung, sondern höchstens der Geruch von Urin.

Hinter den Mauern von Friedrichsruh

In Friedrichsruh begrüßt die Ankommenden zunächst eine lange und hohe Mauer. Hohe Baumwipfel sind auf dem großen Areal zu erkennen, auch noch das Dach eines schicken alten Hauses. Ein Namensschild gibt es am großen Eingangstor nicht, aber das braucht es auch nicht. Dahinter wohnen die Nachfahren, das erschließt sich sofort. Ein paar Meter weiter steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein langes, aber flaches Fachwerkhaus. Für ein Museum über Bismarck wirkt es von außen wenig prachtvoll.

Drinnen hingegen gleicht es einer einzigen großen Huldigung an den „Eisernen Kanzler“. Schon am ersten Exponat, der Fechtausrüstung aus Göttinger Studententagen, geht es los. „Beachtliche 25 Mensuren“ focht er und erwarb sich dadurch einen „hervorragenden Ruf“ in der Stadt, erfahren die überwiegend in die Jahre gekommenen Gäste da.

Anwohnerin in Friedrichsruh über Die Otto Von Bismarck-Stiftung

„Da sind die Otto-Spezialisten.“

Überall im Dorf finden sich Gedenksteine, die Bismarck noch zu Lebzeiten geschenkt bekam. Doch die liegen alle immer ein wenig versteckt in unscheinbaren Wegecken oder hinter breit- und hochgewachsenen Bäumen. Die Verehrung ist da, aber sie wird nicht sichtbar oder gar protzig zur Schau gestellt. Gleiches gilt für die Gegenseite. Auf einem Gedenkstein steht, ganz unscheinbar und schwer zu lesen, „Deutschland verrecke“ geschrieben.

Und auch einige Hundert Meter vom Dorf entfernt, beim „Deutsch-Ostafrikaner-Ehrenmal“, ist die Verehrung wie die Kritik halbherzig. Einerseits steht es dort gänzlich unkommentiert, andererseits aber auch beinahe versteckt in einer Ecke von Bäumen umgeben. Und auch der Protest dagegen wirkt, als sei wenig Wucht dahinter. Ein bisschen Farbe hat das Denkmal abbekommen – mehr aber auch nicht.

Eine Frau lädt schräg gegenüber vom Museum gerade ein großes Paket Hundefutter aus ihrem Auto. Grob überschlagen würden hier im Dorf 200 Leute wohnen, sagt sie. Die Bismarcks kennt sie natürlich auch, klar. „Natürlich wissen wir viel von der Geschichte, aber eine besondere Leidenschaft für ihn entwickelt man als Anwohnerin nicht“, sagt sie. Da hinten aber, hinter den Bäumen, da sehe es anders aus. „Da sind die Otto-Spezialisten“, sagt sie.

Im historischen Bahnhof von Friedrichsruh hat die Otto-von-Bismarck-Stiftung ihren Sitz. Schon aufgrund ihres Namens muss sie Bismarck natürlich hochhalten. Doch überwiegend betreibt sie Forschung. Hier können Historiker*innen in Archivalien stöbern, 5.000 Bücher und historische Broschüren sind dort aufbewahrt, außerdem abfotografierte Zeitungsartikel der Bismarckzeit.

In Friedrichsruh, so der Eindruck, lebt der Mythos vom „Eisernen Kanzler“ weiter. Doch das Dorf ist weit draußen und außerhalb der Einflusssphäre von Hamburger Kulturpolitiker*innen. Was also soll mit Bismarck-Denkmälern geschehen? Wie kann man mit ihnen umgehen? Was würde es bringen, das Bismarck-Denkmal im Alten Elbpark einfach abzureißen? Und was bringt es, den Granit-Bismarck für viel Geld zu sanieren?

Ein kaum geliebtes „Wahrzeichen“

Bislang gab es in Hamburg eine ganz eigene Antwort auf den Umgang mit dem Denkmal: Man setzte den Koloss der Natur und der Stadtbevölkerung aus. Beide pfiffen darauf, dass er ein zu ehrender Mann der Geschichte sei. Er steht zwar da, die Aufstellung lässt sich aber halt nicht mehr rückgängig machen. Aber das heißt noch lange nicht, dass der ursprüngliche Wille zum Gedenken befolgt werden muss. Und die Politik ließ die Nichtbeachtung zu.

Es war ein pragmatischer Umgang mit einem kaum geliebten „Wahrzeichen“. Denn wo findet sich der Bismarck schon auf Postkarten, so wie Elphi, Michel und Köhlbrandbrücke? Mit der Sanierung der Statue und dem antikolonialen Protest gegen sie ist die Zeit dieses entspannten Umgangs vorbei. Und die Stadt ist gezwungen, ihr Verhältnis zu Bismarck neu zu definieren – ob ihr das gefällt oder nicht.

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