Hamburgs Umgang mit dem jüdischen Leben: Notorische Schieflage
Dem oft angestimmten Lied von der Vielfalt zum Trotz: Hamburgs liberale jüdische Gemeinde beklagt, dass sie in der Politik kein Gehör findet.
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E s ist kein gutes Zeichen, wenn sich ein Text im Februar 2024 genauso betiteln lassen kann wie rund anderthalb Jahre früher. „Liberale fordern mehr Respekt“, so stand es im September 2022 schon in dieser Zeitung, und gemeint war Hamburgs liberale jüdische Gemeinde.
Deren Vorstand erklärte, auch damals schon nicht zum ersten Mal, dass sie sich vom Senat nicht ebenbürtig behandelt vorkomme mit der größeren Jüdischen Gemeinde. Dass sich daran nichts geändert zu haben scheint, wirft kein gutes Licht auf das auch in Hamburg so gerne angestimmte Lied von der Vielfalt wieder erblühenden jüdischen Lebens.
Neuerlich beklagte am gestrigen Montag der Vorstand des liberalen „Israelitischen Tempelverbands zu Hamburg von 1817“, dass er kaum Gehör finde, mitunter nicht mal Antwort erhalte aus dem Rathaus. Dahinter steht die anhaltende Nichtanerkennung der Liberalen als Teil des Hamburger Judentums, und die ist kein bloßer Ausrutscher, so scheint es zunehmend.
Wieder und wieder hat sich die Stadt zum Erhalt des jüdischen Lebens bekannt, seiner Stärkung, seiner Sichtbarkeit. Konkreteste Folge ist der geplante Synagogen-Wiederaufbau auf dem ehemaligen Bornplatz: Dort soll die größere Einheitsgemeinde wieder eine Heimstatt erhalten, dafür sind dreistellige Millionenbeträge zugesagt, von Stadt und Bund, demnächst geht es dort um die konkrete Gestaltung dessen, was da gebaut wird.
Dagegen erheben die Liberalen keine Einwände – aber dagegen, dass sie selbst hingehalten werden. Währenddessen bröckelt in einem Hinterhof in der Hamburger Neustadt eine für ihre Identität wichtige Immobilie weg, und oben drüber kreisen schon die Immobilienunternehmer. Und die treffen in Hamburg verdächtig selbstverständlich auf offene Ohren und Türen.
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