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Hamburger Olympia-ReferendumBegeisterung sieht anders aus

André Zuschlag

Kommentar von

André Zuschlag

Wenige Junge, murrende Ältere: Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) tingelt durch die Stadt und macht Olympia-Wahlkampf. Das klappt eher mäßig.

Für die Skep­ti­ke­r:in­nen in Dulsberg hat der Bürgermeister nur Rosiges im Gepäck: ein paar U-Bahn-Linien zum Beispiel Foto: SPD-Landesorganisation Hamburg

D ie „vielen jungen Gesichter“, über die sich Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) am Mittwochabend beim Einlauf in die Schule Alter Teichweg zur Begrüßung freut – sie sind beim Blick durch die Stuhlreihen selbst mit größtem Wohlwollen kaum zu erkennen. Erwartet hatte er es vielleicht, hier im Stadtteil Dulsberg, wo Hamburgs „Eliteschule des Sports“ ansässig ist. Wo derzeit junge sportliche Talente lernen und trainieren, die vielleicht in 10, 14 oder 18 Jahren an Olympischen Spielen teilnehmen könnten – und dann nach dem Willen von Tschentschers rot-grünem Senat: in Hamburg.

Von dieser Idee erst noch begeistert werden müssen die jüngeren Ham­bur­ge­r:in­nen nachweislich aktueller Umfragen eigentlich nicht. Zuletzt sprachen sich knapp zwei Drittel der 16- bis 29-Jährigen für eine Hamburger Bewerbung aus. Aber die bloße Sympathie genügt nicht. Am 31. Mai muss diese Alterskohorte, die das in der Regel deutlich seltener als die Älteren macht, schon noch zur Wahlurne gehen. Beim Referendum entscheidet sich, ob Hamburg wirklich in den erst bundesweiten und dann vielleicht internationalen Wettbewerb um die Ausrichtung der Spiele 2036, 2040 oder 2044 einsteigt.

Das erklärt wohl, warum Tschentscher in den ersten Minuten seines rund 75-minütigen Olympia-Vortrags dafür wirbt, überhaupt an der Wahl teilzunehmen. Dem überwiegend älteren Publikum braucht er das eigentlich nicht zu erklären, es geht schließlich deutlich häufiger zu Wahlen. Das ist ja hier und will sich vor dem Referendum vom Bürgermeister anhören, wie er sich das mit Olympia vorstellt. Aber die Älteren sind, den Umfragen zufolge, deutlich skeptischer: Bei den über 60-Jährigen liegt die Zustimmung zu einer Bewerbung nur bei 34 Prozent.

Für die Skep­ti­ke­r:in­nen hat der Bürgermeister nur Rosiges im Gepäck: Anders als bei früheren Austragungen würde bei den „moderneren“ Spielen nicht mehr eine ganze Stadt umgekrempelt werden; „nichts neu und extra für Olympia“ würde in Hamburg gebaut werden, wenn die Spiele hier stattfänden. Paris habe vor zwei Jahren sogar gezeigt, dass die Einnahmen den Kosten entsprechen können – ganz so, wie sich der Senat das auch mit seinem Finanzkonzept vorstellt.

Inklusion gibt es nur mit Olympia

Und ein schönes Bild nach dem anderen hat der Bürgermeister auf dem Bildschirm neben ihm projiziert: Wie aus dem geplanten olympischen Dorf anschließend ein „günstiger“ Wohnort für glückliche Familien wird; wie die Eröffnungsfeier auf schwimmenden Pontons auf der Binnenalster aussehen würde; wo neue S- und U-Bahn-Linien verlaufen würden, die man von nun an eigentlich „Olympia-Linien“ nennen könnte.

Durch alle sieben Hamburger Bezirke tourt der Bürgermeister derzeit – eine Einladung an die Hamburger:innen, „sich von der Idee Olympischer und Paralympischer Spiele in Hamburg überzeugen zu lassen“. Lange überließ er das Werben dem zuständigen Sportsenator Andy Grote (SPD) und dessen mit 18 Millionen Euro ausgestattetem Projektteam. Doch je näher das Referendum rückt, umso häufiger und drängender mischt sich der Bürgermeister ein.

Es sei sogar ein „Muss“, dass sich Hamburg bewerbe, sagte er kürzlich. Denn sonst kämen viele städtische Projekte wohl gar nicht, da doch die Stadt von Fördermitteln abhängig sei – da stehe man hintenan, falls München, Berlin oder die Region Rhein-Ruhr den Olympia-Zuschlag erhalte. Ob man das schon als eine Art sanfte Erpressung verstehen mag – wer nicht für Olympia ist, ist auch gegen andere sinnvolle Entwicklungsprojekte -, sei dahingestellt.

Wer sich gegen Olympische Spiele entscheidet, spricht sich auch gegen Paralympische Spiele aus.

Peter Tschentscher (SPD), Hamburger Bürgermeister

In Dulsberg versucht es Tschentscher aber auch bei einem anderen Punkt mit dieser Art Argumentation: Richtig barrierefrei soll die Stadt zu Olympia werden, Inklusion dann in Hamburg verwirklicht, beschreibt Tschentscher das Konzept. Nur um an späterer Stelle festzustellen: „Wer sich gegen Olympische Spiele entscheidet, spricht sich auch gegen Paralympische Spiele aus.“ Ist also behindertenfeindlich, wer gegen die Hamburger Bewerbung ist?

Gereiztheit im Saal steigt

Von solchen kurzen Mahnungen abgesehen – es klingt alles so rosig in Tschentschers Worten, dass mit voranschreitender Zeit die Gereiztheit im Saal steigt. Immer häufiger halten Zu­schaue­r:in­nen ihre Hände in die Luft, weil sie etwas sagen wollen. Auf den ersten Hinweis eines älteren Herrn scheint der Bürgermeister nur gewartet zu haben – die Kostenfrage.

Bürgermeister spricht über Olympia-Konzept

Wer es mit dem direkten Austausch auch versuchen will, kann das auf einem der weiteren Termine in Hamburg mit Peter Tschentscher versuchen:

22.4. Harburg, Planet Harburg, Herbert-und-Greta-Wehner-Platz

23.4. Altona, Steenkampsaal, Steenkamp 37

27.4. Hamburg-Mitte, Inselpark Arena, Kurt-Emmerich-Platz 10

6.5. Bergedorf, Körber-Haus, Raum 213/214, Holzhude 1

Alle Veranstaltungen starten jeweils um 18 Uhr.

Das ist ja das „heißeste Eisen“, so Tschentscher, das wisse er natürlich. Aber das sei solide durchgerechnet worden; nicht von Po­li­ti­ke­r:in­nen wohlgemerkt, sondern von Leuten, die sich mit Zahlen auskennen.

Aber die kritischen Fragen wollen nicht aufhören. Zuletzt versucht es noch eine Frau – Tschentscher würgt sie etwas unwirsch ab: Wer kritische Anregungen habe, mit dem könne man jetzt gern noch „im direkten Austausch“ diskutieren. Das war’s, auf Wiedersehen.

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André Zuschlag
Redakteur taz nord
Jahrgang 1991, hat Politik und Geschichte in Göttingen, Bologna und Hamburg studiert. Von 2020 bis August 2022 Volontär der taz nord in Hamburg, seither dort Redakteur und Chef vom Dienst. Schreibt meist über Politik und Soziales in Hamburg und Norddeutschland.
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