Hamburger Flughafen bietet Ablasshandel: Für jeden Flug ein Baum

Der Flughafen Hamburg bietet Passagieren an, den CO2-Ausstoß durch Spenden an lokale Klimaschutz- und Baumpflanzprojekte zu kompensieren.

Zahlreiche Fluggäste warten auf dem Flughafen Hamburg vor Abfertigungsschaltern.

Wie viele Bäume wären das jetzt? Viele Mitflieger*innen am Hamburger Flughafen Foto: dpa

HAMBURG taz | Wer vom Hamburger Flughafen aus in die Welt startet, kann sein Klima-Gewissen jetzt damit besänftigen, dass er für ein lokales Aufforstungs- oder Moor-Projekt spendet. Die Kompensationsagentur Atmosfair warnt allerdings, das sei verschwendetes Geld. Und der Umweltverband BUND erkennt darin Greenwashing.

Um die Flugreisen zu kompensieren, bietet der Airport eine Internet-Plattform an, auf der Passagiere im Gegenzug für ihren CO2-Ausstoß freiwillig an ausgewählte Klimaschutz- und Baumpflanzprojekte aus der Region spenden können. Als Orientierungshilfe gelten für einen einfachen Flug in der Economy Class etwa nach München oder Mallorca fünf bis 15 Euro, nach New York, Tokio oder Sydney 50 bis 100 Euro.

„Die Aktion ‚Lokal kompensieren – gemeinsam Zukunft pflanzen‘ sehen wir als ein ergänzendes, freiwilliges Angebot“, sagt Flughafen-Sprecherin Janet Niemeyer. „Wir verstehen uns hier lediglich als Vermittler, um interessierte Passagiere mit lokalen Umwelt- und Klima-schutzinitiativen zusammenzubringen.“ Jeder Reisende könne wählen, welches Projekt er unterstützen möchte, sagt Niemeyer.

Für die Aktion hat der Airport zwei regionale Partner gefunden. Im Projekt Citizens Forests werden mit der Miyawaki-Methode auf bisher brachliegenden Flächen natürliche Wälder geschaffen, die sehr effizient Kohlendioxid binden. Die Initiative will Bönningstedt mit heimischen Baumarten aufforsten. Und die Ida-Ehre-Schule in Eimsbüttel kauft, finanziert durch Spendengelder, mehrere Hektar Land vor den Toren Hamburgs und lässt darauf einen Klimawald wachsen.

Der BUND sieht in der Aktion Greenwashing

Zusätzlich betreibt der Flughafen einen Klimawald in Kaltenkirchen: Seit 2010 werden dort die CO2-Emissionen, die durch Dienstreisen der Flughafen-Beschäftigten entstehen, ausgeglichen. Dafür wurden zusätzlich rund 180.000 Bäume gepflanzt. Abgesehen davon trage die effiziente Gestaltung sämtlicher Abläufe – von der Flugplanung über Flugverfahren und die Prozesse am Boden bis hin zur Energieversorgung – zu einer Reduktion des CO2-Ausstoßes bei, sagt die Flughafen-Sprecherin.

Die Idee, mit Aufforstung und Moorschutz lokal CO2 zu kompensieren, klingt für die Klimaschutzorganisation Atmosfair erst mal gut. „Wir brauchen auch in Deutschland den Wald, und die Wiedervernässung ist ein wirksames Mittel, um den CO2-Ausstoß von Mooren zu senken“, sagt Geschäftsführer Dietrich Brockhagen.

Aber jede Tonne CO2, die so eingespart werde, erfasse die Bundesregierung selbst und rechne sie sich auf ihre Klimaziele an. „Das heißt im Klartext, dass dafür dann zum Beispiel der Verkehr in Deutschland wieder umso mehr CO2 ausstoßen kann“, sagt Brockhagen.

Dazu komme, dass jedes Moor über Jahrzehnte feucht gehalten werden müsse, sonst werde das CO2 wieder frei. „Wald- und Moorschutz sind wichtige Klimaschutzmaßnahmen, sollten aber nicht über CO2-Kompensation finanziert werden“, findet der Atmosfair-Geschäftsführer.

Der BUND sieht das Klimaschutzvorhaben des Airport ebenfalls kritisch, da dieses vom eigentlichen Problem ablenke. Zum einen ist das Baumpflanzen nur bedingt ein wirklicher Ausgleich für die CO2-Last aus dem Flugverkehr. Natürlich sei es gut, wenn mehr Bäume fachgerecht an geeigneten Standorten gepflanzt würden. „Aber die Initiative des Flughafens sieht sehr nach Greenwashing aus“, findet Landesgeschäftsführer Manfred Braasch.

Das Problem Fliegen und Klimakrise werde heruntergespielt, die empfohlenen Spendenbeiträge seien vergleichsweise gering. „Fliegen bleibt klimakritisch, da hilft auch ein Ablasshandel mit Lokalkolorit wenig“, sagt Braasch.

Der Flugverkehr trägt nicht nur durch seinen CO2-Ausstoß zum Treibhauseffekt bei, sondern auch durch Aerosole, Stickoxide und Wasserdampf in den Abgasen.

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) geht deshalb davon aus, dass der Luftverkehr einen Anteil von insgesamt drei bis fünf Prozent an den Klimaemissionen hat. 2,8 Prozentpunkte davon trage das CO2 bei.

Wissenschaftler, das Umweltbundesamt und die Kompensationsplattform Atmos­fair schätzen den Anteil der Fliegerei auf etwa acht Prozent – mehr als Indien zur Erderhitzung beiträgt.

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