Hamburger Bornplatzsynagoge: Die Wiedergutmachung

Die Unterstützungskampagne ist zu Ende, Geld bewilligt. Je konkreter sich eine neue Synagoge für Hamburg abzeichnet, umso hitziger der Streit.

Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) vor einem Bild der Bornplatzsynagoge

Projekt mit Unterstützung: Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) vor einem Bild der Synagoge Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Wer wollte dagegen etwas einwenden? Dass Jüdinnen und Juden sich entscheiden, wieder hier zu leben? Dagegen, dass sich dieses Leben auch deutlich zeigen kann – in Gestalt einer Synagoge zum Beispiel: weithin sichtbar, selbstbewusst statt versteckt, an einem historisch geradezu zwingenden Ort?

So ein Ort ist in Hamburg der Bornplatz gewesen, gleich neben dem Universitätscampus. Im umliegenden Grindelviertel konzentrierte sich viel vom einstigen jüdischen Leben in der Stadt, und auf dem Platz stand ab 1906 die „Neue Synagoge“, die größte in Norddeutschland und eine der größten in Nordeuropa. Bis zu 1.200 Menschen fanden Platz in dem 40 Meter hohen Bau im neoromanischen Stil, entworfen vom Architekten Semmy Engel und dem Regierungsbaumeister Ernst Friedheim.

Als im November 1938 überall im Deutschen Reich Synagogen brannten, wurde auch die auf dem Bornplatz schwer beschädigt, Kultgegenstände wurden geschändet, geraubt. Einen Winter lang stand noch, was diese „Reichspogromnacht“ überstanden hatte, bis die Israelitische Gemeinde im folgenden Jahr auf eigene Kosten die Reste abtragen lassen musste. Heute trägt der Platz zwei Namen: Allendeplatz heißt der nordwestliche Teil, der südöstliche ist nach Joseph Carlebach benannt: Der Rabbiner wurde, so wie viele Mitglieder seiner Gemeinde, 1942 deportiert und ermordet.

Offene Wunde inmitten der Stadt

Als offene Wunde hat Philipp Stri­charz den Platz wiederholt bezeichnet, Erster Vorsitzender von Hamburgs Jüdischer Gemeinde. Und von einem späten Sieg über den nationalsozialistischen Vernichtungswillen gesprochen, den die Rückkehr dorthin für das Judentum bedeute – auch über Hamburg hinaus. Stricharz ist seit Juni 2019 im Amt, etwas später im selben Jahr kam die Diskussion auf, ob sich diese Wunde nicht schließen lassen könnte: In Reaktion auf den antisemitischen Terroranschlag in Halle äußerte in der Bürgerschaft der damalige Grünen-Fraktionschef Anjes Tjarks die Idee, eine Synagoge zu bauen – dort, wo schon mal eine gestanden hatte.

Hamburgs Landesrabbiner Shlomo Bistritzky nahm den Ball auf, und die Sache fand rasch Unterstützung in der verfassten Politik. Hamburger Bundestagsabgeordnete besorgten dann im Haushaltsausschuss 600.000 Euro für eine Machbarkeitsstudie.

Deren Ergebnisse sollten eigentlich Ende 2020 vorliegen – erst im ganz jungen Jahr aber erging auch die Ausschreibung. Nun ist die Rede vom Spätsommer. Dann erst lasse sich fundiert auch über das Wie des Ganzen diskutieren. Das sagte in der ausgehenden Woche Daniel Sheffer, Unternehmer, Mitglied der Jüdischen Gemeinde und Initiator einer erklärt überparteilichen und -konfessionellen Unterstützungsinitiative.

Millionen aus Berlin

Diese Initiative beendete gerade, am Jahrestag der Auschwitzbefreiung am vergangenen Mittwoch, offiziell ihre Aktivitäten: 107.00 Unterschriften waren da gesammelt für das Projekt, nun seien andere am Ball, sozusagen: die Stadt und die Jüdische Gemeinde. Und die Zeichen stehen gut: Inzwischen liegt, wiederum aus Berlin, eine Zusage über 65 Millionen Euro vor, als Kofinanzierung, Hamburg müsste also noch mal den nämlichen Betrag beisteuern.

Nun ist das Geld immer ein Thema bei einem solchen Projekt, aber längst nicht das einzige. Die denkmalschützerischen und städtebaulichen Herausforderungen seien „mannigfaltig und nicht einfach wegzudiskutieren“, sagt damals Tjarks. Aber was genau soll passieren, da im Herzen von Hamburgs traditionellem jüdischen Viertel – eine historisierende Wiederherstellung der Gründerzeitarchitektur? Oder nicht vielmehr etwas ganz anderes?

Nicht dass diese Debatte erst Ende des vergangene Jahres aufgekommen wäre, nein, es gab von Anfang an auch Bedenken gegen ein allzu rückwärtsgewandtes Vorgehen – gerade weil die Gefahr bestehe, dass die lange offene Wunde inmitten der Stadt vergessen gemacht werden könnte.

Schweres Debattengeschütz

Diskutiert, ja: gestritten wird darüber aber umso lauter, je konkreter sich die Realisierung abzeichnet. Als abgehoben oder im „Elfenbeinturm“ beheimatet sind selbst wohlüberlegte Argumente da bezeichnet worden, früh wurde auch ein besonders schweres Debattengeschütz aufgefahren: dass sich die Jüdische Gemeinde nicht von außen reinreden zu lassen habe.

Über die Redlichkeit solcher Rede wird sich ebenfalls trefflich streiten lassen – gegen eine Rückkehr in die Gründerzeit sind Einwände auch in der Jüdischen Gemeinde selbst zu vernehmen. Und ein allzu viel Rekonstruktion kritisierendes Positionspapier, das im Dezember für ein gewisses Aufsehen sorgte, hatten, wenn nicht Gemeindemitglieder, so doch auch jüdische Hi­sto­ri­ke­r:in­nen mitverfasst: Miriam Rürup etwa, die bis Ende 2020 das Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden geleitet hat, und Moshe Zimmermann aus Jerusalem.

Und wenn, mit Verlaub, dagegen doch nicht ganz so hell leuchtende, zweifelsohne wohlgesinnte Berufspolitiker sich im Sinne einer „schönen“, also nicht zuletzt touristisch attraktiven, in denkbar profaner Weise der Stadt nützlichen Synagoge aussprechen? Wenn ein – inzwischen ehemaliger – Bundestagsabgeordneter mit besten Berliner Haushalts-Connections sich zu Beginn der Debatte auf eine bestimmte, nämlich restaurative äußere Form festlegt, oder Beifall kommt von einem Verein, der sich ausdrücklich „für Denkmalschutz, traditionelle Architektur und Rekonstruktionen“ einsetzt: Ist das dann eigentlich ein berufeneres Mitreden – keines „von außen“?

Am Ende entscheidet die Jüdische Gemeinde

Es kann vielleicht gar nicht zu oft klargestellt werden: Wenn am Ende eine Entscheidung getroffen wird zugunsten eines Gebäudes, nah am mehr als 100 Jahre alten Original, und wenn diese Entscheidung wesentlich in und aus der Jüdischen Gemeinde getroffen wird, dann ist das richtig so. Und wenn irgendwer nicht an die Existenz der Schoah erinnert werden muss, dann sind es jene, die ihr entkamen, und deren Nachkommen.

Dass aber bis dahin darum gerungen werden darf, ja: muss – mit Argumenten, nicht Unterstellungen, mit Augenmaß, nicht irgendwelchen Keulen: Das ist auch wahr.

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Wollte irgendwann mal Geisteswissenschaftler werden, ließ mich aber vom Journalismus ablenken. Volontär bei der taz hamburg, später stv. Redaktionsleiter der taz nord. Seit Anfang 2017 Redakteur gerne -- aber nicht nur -- für Kulturelles i.w.S.

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