Halle nach der Landtagswahl: Schüsse auf Anti-AfD-Protest
Am Hallenser August-Bebel-Platz gab es bereits mehrfach unaufgeklärte Schüsse mit Luftdruckwaffen – nun wurde dort erneut ein Demonstrant getroffen.
Foto: dts Nachrichtenagentur/imago
Am Montagabend wurde auf einer Demonstration in Halle ein 25-jähriger Teilnehmer mit einer Luftdruckwaffe am Kopf getroffen. Die Polizei nimmt an, dass der Schuss aus einem der benachbarten Mehrfamilienhäuser abgefeuert wurde. Das Opfer wurde nur leicht von einem Streifschuss verwundet und noch auf der Demonstration ärztlich behandelt.
Von der Tatperson fehlt bisher jede Spur. Auch woher der Schuss abgefeuert wurde, bleibt unklar, auch nach der Überprüfung von zwei Wohnhäusern. Die Polizei vernimmt derzeit nach eigenen Angaben Zeugen und wertet Bildmaterial aus.
Die Tatperson schoss in der Hallenser Innenstadt in eine Menge linker Demonstrantinnen, die gegen die AfD auf die Straße gingen. Das Motiv der Tatperson ist laut der Polizei allerdings noch unklar – man wolle sich offenlassen, ob nicht auch eine vom Lärm genervte Anwohnerin das Luftgewehr hervorgeholt habe, so ein Polizeisprecher. Dennoch ermittelt aktuell der polizeiliche Staatsschutz, da im Raum steht, dass das Motiv politisch, womöglich rechtsextrem ist.
Der Schuss fiel kurz vor 20 Uhr bei der Abschlusskundgebung der Demo „Auf die Straße – Demonstration zu den Landtagswahlen“. Den Protest organisierte die Föderation der klassenkämpferischen Organisationen, die Polizei zählte 850 Teilnehmer*innen.
Luftgewehr-Kriegszone August-Bebel-Platz
Schüsse auf dem August-Bebel-Platz gab es nicht zum ersten Mal: Das lokale Nachrichten- und Online-Portal Du bist Halle berichtete von vier sehr ähnlichen Fällen in den letzten Jahren. 2022 wurde das Ordnungsamt beschossen, 2025 traf es sieben Menschen nach einer Fahrraddemo. Der letzte Kugelhagel am August-Bebel-Platz ereignete sich am 18. Juli dieses Jahres. Sechs Personen vor einer Bar erlitten leichte Verletzungen. Die Polizei ging in allen Fällen von einer Luftdruckwaffe als Tatwaffe aus und fand auch dazu passende Geschosse. Die Tatperson blieb stets unbekannt.
In Deutschland sind Luftdruckwaffen unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Manche davon können dabei auf 25 bis 30 Meter Ziele genau treffen, ein Treffer ins Auge kann schnell zur Erblindung führen. Tuning und ein spezieller Schmierstoff können die Genauigkeit verbessern, wie es in einem Fachblog heißt.
Als Waffenfreunde hatten sich im Wahlkampf für Sachsen-Anhalt vor allem die AfD geoutet: Sie fordert in ihrem Wahlprogramm die Abschaffung des kleinen Waffenscheins und mehr Freiheiten für Sportschützen. Die in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei will dazu, dass auch vom Verfassungsschutz überwachte Menschen, wie ihre eigenen Mitglieder, an Waffen gelangen können. Schwarzpulvereinzellader und Luftdruckwaffen sollen laut Parteiprogramm aus dem Waffenrecht herausgenommen werden.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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