Haare sind politisch: Soll ich mir einen Bixie schneiden?
Der Bixiecut ist die Frisur des Jahres. Unsere Autorin findet ihn schön, aber zögert noch mit einem Friseurtermin. Was das mit dem Male Gaze zu tun hat.
A n vielen Abenden in diesem Sommer finde ich mich vor dem Spiegel wieder und versuche meine langen Haare so hochzuhalten, dass ich eine Vorstellung davon bekomme, wie ich mit einem Bixie aussehen würde. Die 90er-Jahre-Frisur, die eine Mischung aus Bob und Pixiecut ist, hat es mir angetan. Das Deckhaar bleibt beim Bixie wie bei einem Bob kinnlang und wird locker durchgestuft, während die Seiten und der Nacken kürzer geschnitten sind.
Zugegeben, meine Faszination für den Bixie kommt vermutlich vor allem daher, dass mein Insta-Algorithmus mich seit Beginn des Sommers mit Fotos von normschönen Frauen überflutet. Zendaya, Gracie Abrams, Jessie Buckley, sie alle tragen einen Bixie – und auch auf der Fashion Week im Frühjahr war die Frisur sehr präsent. Und trotzdem stehe ich mit 22 vor dem Spiegel und halte meine Haare hoch.
Doch bei dem Gedanken, sie mir abzuschneiden, kürzer, als ich sie je hatte, ist da gleichzeitig diese Stimme in mir: „Aber deine schönen langen Haare! Bist du denn dann noch feminin genug?“ Da spricht er, der verinnerlichte male gaze, und ich bin erschrocken von mir selbst.
Als würde ich mit meinen Haaren einen Teil meiner Geschlechtsidentität abschneiden. Was für ein Unsinn – und wie ernüchternd: Trotz all der Auseinandersetzungen mit queerfeministischen Themen habe ich immer noch diese patriarchale Quatschvorstellung im Kopf.
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In vielen Kulturen funktionieren lange Haare seit jeher als Metapher für Weiblichkeit – auch in unserer. Etwa im Märchen von Rapunzel, deren lange Haare „fein wie gesponnenes Gold“ ihre Schönheit symbolisieren, oder in der Sage von der Loreley, die Männer durch das Kämmen ihrer wallenden Mähne in den Bann zieht.
Ja, Haare sind politisch. Ihr erzwungenes Abschneiden wie beim Militär oder in Autokratien soll der Vereinheitlichung und Kontrolle dienen. Gleichzeitig sind Haare ein modisches Statement, zeigen die Zugehörigkeit zu einer Subkultur oder stehen wie beim Bubikopf in den 1920ern für ein neues Selbstverständnis der Frau.
Nun ist ein Bixiecut kein Bubikopf. Er ist kein eindeutiger Bestandteil einer feministischen Bewegung. Er bricht nicht mal wirklich aus einem male gaze aus. Denn in allen möglichen Modemagazinen wird davon geschwärmt, dass der Bixie die perfekte Frisur sei, weil er zwar androgyn anmute, die längeren Strähnen, die das Gesicht rahmen, aber weich, elegant und sinnlich seien. Ah ja. Nur solange Frauen ihre Weichheit und Eleganz bewahren, sind Kurzhaarfrisuren trendtauglich.
Schluss jetzt, mir reicht's
Mein Eindruck ist, dass kurze bis mittellange Haare bei Frauen nach wie vor noch nicht im gleichen Maß akzeptiert werden wie lange. „Ich trau mich nicht, meine Haare abzuschneiden“, habe ich schon oft von meinen Freundinnen gehört. Und als ich meine Haare selbst einmal kinnlang trug, ertappte ich mich dabei, meine kurze Frisur „abzumildern“, indem ich Schmuck, einen Rock oder hohe Schuhe anzog.
Das alles macht mich wütend, ohnmächtig und müde. Denn es kostet so viel Kraft, sich immer und immer wieder am male gaze abzuarbeiten – sei er nun extern oder internalisiert.
All die Energie, die es braucht, sich damit zu beschäftigen, in welche ästhetische Box man sich reinquetscht, könnte in so viel Schöneres fließen. Muss sie fortan. Denn es reicht.
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