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Kosmetik als SchönheitsidealFür wen schminkt man sich?

Zu Teenagerzeiten konnte unsere Autorin nicht viel mit Schminken anfangen, nun entscheidet sich immer öfter dafür. Was das mit ihr macht – und mit den anderen.

Alles begann mit einem etwa zweieinhalb Zentimeter langen Haar unter meiner linken Augenbraue. Ich entdeckte es abends beim Zähneputzen und verringerte sofort den Abstand zum Badspiegel. Ich kniff meine Augen zusammen, wischte einige Male mit meinem Finger über den Eindringling, der um einiges dicker und dunkler war als meine restlichen Haare, und verlor dabei vor lauter Aufregung die Hälfte meiner Zahnpastaspucke. Das Haar gehörte zweifellos zu mir.

Mit einer ruckartigen Bewegung riss ich es wenig später samt Wurzel aus meiner Haut. Anschließend studierte ich die Poren auf meiner Nase, meine blassen Wangen und Augenringe. Das letzte Mal, dass ich so nah und so lange vor dem Spiegel stand, musste ewig her gewesen sein.

Und was soll ich sagen: Zufrieden war ich nicht. Es fehlte an vielem, Farbe, Ausdruck, Verrücktheit! Ich musste was unternehmen, entschied ich an diesem Abend. Am nächsten Morgen stand ich vor dem Beautyregal der Drogerie bei mir um die Ecke.

Die erste Mission: ein paar Einstiegsprodukte kaufen. Die zweite Mission: nur nicht verunsichern lassen. Weder von der absurden Auswahl an Produkten noch von den top gestylten Menschen, die entschieden ins Regal greifen und offenbar genau wissen, was sie hier tun.

Ich erinnere mich an Momente, in denen meine beste Freundin mich in unserer Jugend für Geburtstage oder Dates schminkte. Sie hatte schon immer Spaß daran, ich dagegen war viel zu faul und ungeduldig. Vielleicht „kümmerte“ ich mich auch nie sonderlich um mein Aussehen, weil Jungs für mich lange nur Freunde oder Teampartner waren und ich keinerlei Interesse daran hatte, sie optisch zu beeindrucken.

Möglichst dezent schminken

Mein weibliches Kindheitsidol hieß Vanessa, spielte Fußball und war ein Wilder Kerl. Obwohl auch Vanessa im zweiten Teil des Films anfing, sich für Gonzo Gonzales und die Skatergang zu schminken – was ich aus mehreren Gründen problematisch fand. Anyway.

„Wimpernzangen machen wirklich einen Unterschied!“, sagte meine Freundin damals jedenfalls. I couldn’t care less, dachte ich. Knapp zehn Jahre später packe ich sie zusammen mit einer getönten Tagescreme, Mascara, Rouge und einem orangen Lippenstift in meinen Einkaufskorb.

Eine intensive Internetrecherche gibt mir das Gefühl, genau zum richtigen Zeitpunkt mit dem Schminken zu beginnen. Als ich Jugendliche war, wollten alle in meiner Umgebung möglichst dezent aussehen. Konturen wurden perfekt nachgezeichnet, Rouge nur ganz leicht auf die Wangenknochen aufgetragen. Wer beim Schminken Fehltritte beging, fiel sofort auf – vielleicht ließ ich es deshalb lieber gleich bleiben.

Heute wollen alle so aussehen, als kämen sie vom Spaßhaben. Menschen malen sich falsche Sommersprossen mit Hennafarbe ins Gesicht und kleben sich schwarze Sterne auf ihre Pickel. Gesichter glänzen, strahlen und leuchten. Forschende vermuten hinter dem Trend eine feministische Errungenschaft: Schminkende, also häufig Frauen, wollen sich nicht mehr an Schönheitsnormen anpassen, sondern sich kreativ ausleben und auffallen.

Dass ich mich immer öfter fürs Schminken entscheide, liegt nicht daran, dass ich mich ungeschminkt nicht mehr vor den Spiegel trauen würde. An manchen Tagen bin ich so ausgeschlafen, dass unter meinen Augen keine einzige Falte zu erkennen ist. An anderen ist mir total egal, wie ich aussehe. Aber schön finde ich so ein bisschen Farbe im Gesicht schon.

wochentaz

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Und, was noch viel wichtiger ist: Ich habe das Gefühl, deutlich mehr Zeit mit mir selbst und meinem Spiegelbild zu verbringen. Dafür nehme ich sogar in Kauf, morgens früher aufzustehen, und das heißt wirklich viel. Ich höre dann Musik oder Nachrichten oder telefoniere mit Freund*innen. „Wie läuft es mit der Wimpernzange?“, fragte mich meine Freundin letztens über FaceTime und ich zeigte es ihr stolz.

Doch dass es weiterhin ein Problem ist, als Frau in der Öffentlichkeit „auffällig“ zu sein, lerne ich schnell. Mit geglätteten Haaren, getuschten Wimpern und farbigen Lippen werde ich in öffentlichen Verkehrsmitteln deutlich häufiger und unangenehmer von Männern angeglotzt als ohnehin schon. Verlasse ich meine Wohnung, fühle ich mich meistens wohl in meiner Haut. Komme ich abends wieder nach Hause, bin ich oft verstört.

Wenn ich mich dann aber zum Zähne putzen vor den Spiegel stelle, sehe ich kein bisschen Angst. Ich sehe meine Augen, die zwischen den schwarz getuschten Wimpern viel mehr glänzen als sonst. Ich sehe mein Dekolleté, das glitzert, und meine hängenden Ohrringe, die ich zu meinem Oberteil abgestimmt habe. Demnächst will ich mit meiner Mitbewohnerin zur Maniküre gehen, ich glaube, es werden spitze rote Nägel mit Glitzersteinen darauf. Wenn ich in der U-Bahn das nächste Mal penetrante Blicke spüre, fahre ich sie einfach aus.

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