Goma nach einem Jahr Rebellenherrschaft: Alles ist ruhig, aber nichts ist normal
Vor einem Jahr eroberten Kongos M23-Rebellen die größte Stadt im Osten der DR Kongo. Ein Bewohner von Goma über das Leben unter den neuen Herren.
Vor einem Jahr ist Goma an die M23 gefallen. Nicht die Kämpfe bleiben mir im Gedächtnis, sondern das Tempo. Innerhalb weniger Tage zog sich Kongos Armee zurück, die Autoritäten verschwanden und eine neue bewaffnete Kraft übernahm die Kontrolle.
Der Fall von Goma ist keine Vergangenheit, kein Gedenktag. Es ist ein Zustand, eine Realität, die prägt, wie man sich bewegt, wie man arbeitet, wie man spricht – und vor allem, wovon man nicht spricht.
In den ersten Wochen dominierten Angst und Unsicherheit. Goma fiel ins Chaos. Die M23-Rebellen waren nicht sehr zahlreich, die besiegte kongolesische Armee FARDC und die Wazalendo (lokale Milizen auf Regierungsseite) waren nicht vollständig verschwunden – manche hielten sich versteckt oder marodierten im Umland. Die Kriminalität blühte – nächtliche Überfälle, Plünderungen, zuweilen Morde.
Die überforderten Rebellen erschossen mutmaßliche Kriminelle und erklärten zur Begründung, sie hätten weder Gerichte noch Gefängnisse. Diese Szenen haben das kollektive Gedächtnis dauerhaft beeindruckt und eine Ordnung auf Grundlage der Abschreckung mit der Waffe begründet.
Neue Soldaten, alte Polizisten
Dann passte man sich allmählich an. Ämter öffneten wieder. Steuern wurden wieder eingetrieben. Es gab neue Uniformen. Aber die Mechanismen der Macht sind seltsam vertraut geblieben.
Sicherheit in Goma beruht heute auf der Präsenz der Waffen. Da sind zunächst die Soldaten der M23: zumeist sehr jung, patrouillieren sie in grüner Tarnuniform auf erbeuteten Pick-Ups und Geländewagen, auf denen noch der Schriftzug FARDC der Armee steht. Ihre Anwesenheit erinnert ständig daran, dass die Macht jetzt aus den Gewehrläufen kommt.
Dann gibt es die Polizei der M23 in ihren blauen Uniformen; sie sehen nicht nur der kongolesischen Polizei PNC sehr ähnlich, die meisten sind auch Beamte ebendieser Behörde, von den Rebellen nach einer „Anpassung“ integriert.
Schließlich regeln an Straßenkreuzungen die uniformierten Verkehrspolizisten mit ihren weißen Armbinden den Verkehr: ihre Zurückhaltung ist ganz anders als die Dauerbelästigung von früher, aber sie tragen Kriegswaffen. Es ist eine Normalisierung der Militarisierung.
Viel wurde bei der Eroberung Gomas von der Beteiligung der Armee Ruandas gesprochen. Heute gibt es keine sichtbare oder offizielle Präsenz Ruandas im Stadtbild. Patrouillen und Kontrollen nehmen die M23 und die Polizei vor. Der Einfluss äußert sich anders: die Disziplin, das straffe Kommando, die territoriale Kontrolle sprechen dafür, dass die M23 äußere Unterstützung erhält, die man nicht sieht, und diese Wahrnehmung nährt in Goma das diffuse Gefühl, dass Entscheidungen woanders getroffen werden, dass diese Stadt nicht nur aus der Stadt heraus regiert wird, sondern Teil einer regionalen Machtbalance ist, die sich ihren Bewohnern weitgehend entzieht.
Erzwungene Loyalität
Die M23 hat Goma nicht bloß besetzt. Sie regiert. Alle Autoritäten wurden ausgewechselt, vom Provinzgouverneur über die Bürgermeister bis zu den traditionellen Königen und den Dorfchefs. Lokal bekannte, als loyal angesehene Personen wurden eingesetzt, nach einer ideologischen Kader-Ausbildung.
Der Provinzgouverneur von Nord-Kivu ist ein Hutu aus den Rängen der M23, sein Stellvertreter ein Tutsi aus der kongolesischen Diaspora in Kanada – eine Überraschung für eine Provinz, die seit der ersten Gouverneurswahl durch das Provinzparlament 2006 von einem Angehörigen der Nande-Volksgruppe geführt wurde. Ähnlich umstrukturiert wurde die Polizei.
Auf ihren Posten blieben die öffentlichen Angestellten – die Lehrer, Ärzte, Pfleger, die Wasser- und Stromtechniker. Nur die Leitungsebenen hat die M23 übernommen. Diese Teilkontinuität ermöglicht das weitere Funktionieren der staatlichen Dienste, unter engmaschiger politischer Kontrolle.
Nur sehr wenige Menschen stehen wirklich hinter diesem Projekt. Aber fast niemand traut sich, das zu sagen. Offener Widerspruch ist riskant. Die Menschen schweigen. Sie machen mit und nehmen Posten an, nicht aus Überzeugung, sondern aus der Notwendigkeit. Um zu überleben. Um ihre Familien zu ernähren. Die Loyalität ist erzwungen.
Nach außen wird auf die verbesserte Sicherheitslage verwiesen. Tatsächlich hat die Kriminalität in einigen Vierteln abgenommen. Aber die Stabilisierung ist brüchig. Angriffe und Überfälle durch lokale Milizen, die heute Wazalendo heißen, und ruandische FDLR-Rebellen auf den Fernstraßen, vor allem nach Norden in Richtung Rutshuru und Butembo, hatten vor der Eroberung Gomas ihren Höhepunkt erreicht und waren nach der Übernahme durch die M23 zunächst weitgehend verschwunden. Aber seit einigen Monaten sind einige Teilstrecken wieder gefährlich, wobei unklar bleibt, wer dafür verantwortlich ist. Neue Unsicherheit untergräbt das wichtigste Argument der M23, nämlich ihre Effizienz in Sicherheitsfragen.
Staatsgehälter liegen jenseits der Front
Die Isolation Gomas vom Einflussgebiet der kongolesischen Regierung des Landes belastet die Menschen sehr. Der Flughafen ist geschlossen, das begrenzt Reisen drastisch – ein großes Problem, vor allem für jene, die eine medizinische Spezialbehandlung benötigen. Dazu kommt, dass der Zentralstaat in Kinshasa keine Reisedokumente anerkennt, die von Behörden unter Rebellenkontrolle ausgestellt wurden – und umgekehrt, was sich auch auf gewisse Visa erstreckt. Selbst wenn man diese Hürde überwindet, macht der Bargeldmangel Reisen fast unmöglich.
Geld ist ein tägliches Kopfzerbrechen, da das kongolesische Bankwesen im Rebellengebiet nicht operiert. Staatsangestellte in Goma werden weiter vom kongolesischen Staat bezahlt, aber um an ihr Gehalt zu kommen, müssen sie nach Beni fahren, 350 gefährliche Straßenkilometer nach Norden, wo die aus Goma geflohene vorherige Provinzregierung sitzt, und dann wieder zurück.
Mobiles Bezahlen nimmt einen Aufschwung, mit sehr hohen Provisionen an informelle Händler. Für größere Transaktionen gehen manche nach Gisenyi in Ruanda. Die M23 verwaltet ihre Finanzen über die von ihr übernommene Finanzkooperative Cadeco, die aber nur mühsam das Vertrauen der breiteren Öffentlichkeit gewinnt.
Lebensmittel auf den Märkten gibt es reichhaltig, und die Preise sind nicht explodiert. Aber Importwaren sind selten geworden – wegen der Geldschwierigkeiten und auch, weil bei der Einnahme der Stadt Großunternehmen geplündert wurden und viele Geschäftsleute ins Exil gingen. Die Kaufkraft ist eingebrochen, die Steuern auf Händler sind hoch. Die Regale sind voll, die Kundschaft fehlt.
Was nach einem Jahr am meisten bedrückt, ist nicht der Fall Gomas an sich. Es ist das Gefühl, dass nichts vorankommt. Dass die gewaltsame Machtübernahme sich mit der Zeit normalisiert. Dass die geschaffenen Tatsachen einfach andauern.
Goma lebt – aber Überleben heißt nicht Zustimmung. Was ich jeden Tag sehe, ist: Man hält es halt aus.
Goma ist nicht einfach gefallen. Es fällt immer weiter – in die Gewöhnung, die Erschöpfung, die Gleichgültigkeit.
Aus dem Französischen von Dominic Johnson. Der Autor ist der Redaktion bekannt. Er ist Kongolese und lebt in Goma
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