Goldener Handschuh als Comic: Elegante Übergänge in den Albtraum
Ully Arndt, nicht für ernste Themen bekannt, hat den Frauenmörder-Roman „Der Goldene Handschuh“ in einen Comic Noir verwandelt. Kann das gut gehen?
Knapp zehn Jahre ist es her, dass Heinz Strunks Roman „Der Goldene Handschuh“ um den Frauenmörder Fritz Honka viel Aufsehen erregte. Anschließend kam der Stoff auch als Theaterstück und Film heraus. Nun ergänzt ein Comic die schaurige Hamburgensie um ein weiteres Format. Gezeichnet hat es Illustrator und Animationsfilmer Ully Arndt. Der ist für einiges berühmt, aber nicht gerade für ernste Inhalte.
Gelernt hat Arndt ab Mitte der 1970er beim Satiremagazin Mad. Mit der gelben Hand „Rolf“ gewann er 1993 den Wettbewerb um das Maskottchen zur Umstellung der Postleitzahlen. Auch die Strips um Otto Waalkes' „Ottifanten“ und Klischee-Witze im Magazin Playboy produziert er. Und nun: Comic Noir. Kann das gut gehen?
Strunk hatte Arndt freie Hand gelassen, nachdem der ihn vor neun Jahren mit Probezeichnungen aufgesucht hatte. Entstanden ist eine eigene Interpretation des Stoffs, mal kompakter, mal verharrend, mit ausgewählten Text-Zitaten, aber auch um neue Handlungsstränge erweitert, die Arndt hineinflicht. Sie unterstreichen geschichtliche Zusammenhänge.
Norbert ähnelt einer Muräne
Gleich im Bucheinband hilft der Abdruck eines alten Stadtplans, den Handlungsraum zu verorten, wie er zu Beginn der 70er Jahre war. Dann steigen wir hinab ins nächtliche Rotlichtmilieu, in die Kaschemme „Der goldene Handschuh“ in der Talstraße im Hamburger Stadtteil Sankt Pauli.
In Rottöne getaucht, werden die verlorenen Romangestalten vorgestellt; vor sich hin dämmernde „Schimmlige“, der Lude Fanta-Rolf mit Goldkettchen, Soldaten-Norbert von der Waffen-SS, dessen Physiognomie einer Muräne ähnelt. Hier schleppt Fiete die Frauen ab, die er kriegen kann. Gerda kommt mit, zu Fuß durch den Schnee, die Treppe hoch in seine Dachgeschosswohnung in Altona.
Im nächsten Bild sitzen wir einem Mann gegenüber, der uns von einem geschnitztem Ethno-Holzthron herab grimmig über seinen fetten Bauch hinweg ansieht: Das ist die Parallelwelt des Reeders Wilhelm Heinrich von Dohren, kurz WH1, der mit seiner Familie an der gedeckten Tafel Platz genommen hat.
Hier sind Dekadenz und Arroganz zu Hause, purer Klassismus. Ein Exkurs in die Sommerfrische von Sylt ist in die Farbwelt verblasster Agfa-Color-Fotos getaucht.
Mit kurzen Texten werden die Versammelten vorgestellt, auch der Ursprung des geerbten Wohlstandes erläutert. Es gibt zwar Geld, aber auch Probleme: Gut sichtbar ist WH1' Hass auf seinen „degenerierten Nichtsnutz von Sohn“ WH2, der sich im Taxi in den legendären Musikclub „Onkel Pö“ kutschieren lässt.
Szenenwechsel: Ein Hausmeister entdeckt Leichenteile. Gezeigt wird aber nur ein Zeitungsbericht davon, auf den der Schatten des lesenden Ermittlers bei der Polizei fällt. Dann ist der junge Reporter Klaus zu sehen, der auf dem Kiez knipst. Und schließlich führt eine Metamorphose von Nacktfotos zu Albtraumbildern in Honkas Bude: elegante Übergänge, selbsterklärend.
Ein Blick ins Vorleben Honkas erfordert dagegen textliche Erläuterung: So ist zu erfahren, dass nahe der Wohnsiedlung Neuwiedenthal die Baracken des Arbeitslagers, das zum KZ-Neuengamme gehörte, zu billigen Wohnquartieren umgenutzt wurden. Hier lebt der junge Rocker, der sich als Zuhälter versucht.
Ein Hauch Expressionismus
Der Stil ist hier deutlich weniger glatt als bei anderen Produkten aus dem Hause Arndt. Mit lebendigem Strich mixt er in den 70er-Jahre-Werbe-Look einen Hauch Expressionismus, lässt Bilder erzählen und zeigt durch Details, wie es damals war: Zigaretten-Werbung, Produkte wie Sprengel, Eckes Edelkirsch …
Arndt kennt das noch aus seiner Kindheit. Er sei damals viel herumgekommen, sagt er, in allen Milieus: Sein Vater war Bierverleger, er begleitete ihn bei den Auslieferungen. Arndts Figuren sind plakativ, aber werten will er nicht. Das gelingt ihm.
Der goldene Handschuh – Band 1: Der Serienmörder aus Altona. Von Heinz Strunk, illustriert von Ully Arndt, Carlsen 2026. 114 S., 20 Euro
Farbe hilft, die Erzählstränge auseinanderzuhalten, bevor sie sich berühren, der „Sommer der Liebe“ da ist und sich alle auf den Weg zum Kiez machen: „Alles wird gut“ verspricht der Band für den zweiten Teil.
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