Giftmüllverdacht in Oldenburg: Zweifelhafte Entwarnung für den Fliegerhorst
Auf dem Areal, auf dem Wohnungen entstehen sollen, sei kein Giftmüll gefunden worden, sagt die Stadt. Aber Messwerte und Zeugen belasten die Verwaltung.
Wer in Oldenburg einen To-go-Pappbecher achtlos wegwirft, muss 50 Euro berappen. Eine entsprechende Bußgeldandrohung für diese alltägliche Sauerei klebt auf dem Heck eines Stadtbusses der Linie 322, der vom Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) zum ehemaligen Fliegerhorst fährt.
Auf dem früheren Militärgelände, das zu einem neuen Stadtteil für mehr als 3.000 Menschen werden soll, verbirgt sich möglicherweise ein ungleich größeres Umweltdelikt.
Auf dem einstigen Schießstand sollen mindestens 20.000 Tonnen Bauschutt und verseuchtes Erdreich illegal vergraben worden sein, die mit Asbest, polychlorierten Kohlenwasserstoffen und Teer belastet sind. Ein Baggerfahrer hatte sich selbst bezichtigt, dort Fuhre um Fuhre verklappt zu haben, statt das belastete Material ordnungsgemäß zu entsorgen.
Die Staatsanwaltschaft Osnabrück ermittelt in diesem Fall seit anderthalb Jahren. Im Februar 2025 wurden dort mit richterlichem Durchsuchungsbeschluss aufwändig Proben genommen. In einer anschließenden Erklärung hieß es, dass von einem „flächendeckenden Eintrag von Abfällen im Bereich der ehemaligen Schießbahn auszugehen“ sei.
Stadt nennt Halde jetzt Sicherungsbauwerk
Umso erstaunlicher ist es, dass Oberbürgermeister Jürgen Krogmann (SPD) nun in einer Pressemitteilung von „guten Nachrichten“ spricht – „für alle Bürgerinnen und Bürger, die in diesem Stadtteil ihr neues Zuhause gefunden und sich gesorgt haben, und natürlich für die Umwelt“.
Das niedersächsische Umweltministerium habe die Auffassung der Stadt bestätigt, „dass es sich bei dem vermeintlichen unerlaubten Abfall tatsächlich um Bodenablagerungen im Rahmen der geplanten Sicherungsmaßnahme für dieses Areal handelt“.
Die Oldenburger Stadtverwaltung behauptet zudem, die mittlerweile begrünte Halde sei ein sogenanntes Sicherungsbauwerk. Rechtlich gesehen ist ein solches Sicherungsbauwerk keine illegale Deponie, sondern ein genehmigtes technisches Bauwerk, das Schadstoffe durch Versiegelung sicher einschließt.
Dafür gelten allerdings strenge Vorschriften. So müssten entsprechende Planungen etwa schriftlich fixiert und die Arbeiten dokumentiert werden, sagt der Oldenburger Umweltrechtler Ulrich Meyerholt. Da im Fall des Fliegerhorsts jedoch weder Genehmigungen noch Baupläne vorliegen und Schadstoffe im Grundwasser gemessen wurden, steht der Vorwurf im Raum, dass hier eine illegale Deponie lediglich nachträglich zum Bauwerk umetikettiert werden soll.
Grenzwerte sechsfach überschritten
Die Stadtverwaltung bestreitet auch stets eine Gefahr für Mensch und Umwelt. Zunächst hieß es, es seien nur Baumstümpfe, Wurzeln und gesiebtes Erdreich in die ehemalige Schießbahn gefahren worden. Später hieß es dann, dass nach Berechnungen der eingebrachten Mengen gar nichts anderes möglich sei.
Die Zahlen stammten allerdings vom beteiligten Abbruchunternehmen. Gegen einen der Geschäftsführer wird wegen Betrugsverdachts und Bestechung bei den Arbeiten auf dem Fliegerhorst ermittelt.
Im vergangenen August beschloss der Stadtrat, dass die Verwaltung ermitteln solle, wer für die illegale Ablagerung verantwortlich ist, damit das Material wieder vom Schießstand entfernt wird. Dies ist bislang jedoch nicht erfolgt. Stattdessen wurden lediglich vier Grundwassermessbrunnen gebohrt, die laut Oberbürgermeister Krogmann keine Auffälligkeiten zeigen.
Auch das ist nicht richtig. An der Messstelle „GWM MD 2“ wurde im April 2025 der sogenannte Prüfwert für Vinylchlorid um das Sechsfache überschritten. Dies geht aus dem Protokoll hervor. Die Stadt wäre verpflichtet gewesen, die Ursache der Belastung zu ermitteln. Stattdessen wartet man ab. Im August war der Wert auf 1,9 Mikrogramm pro Liter zurückgegangen und lag im November bei 0,7 Mikrogramm pro Liter – also immer noch über dem Schwellenwert von 0,5 Mikrogramm pro Liter.
Vinylchlorid ist ein Grundstoff für die Plastikproduktion und gilt als krebserregend. Ein Zusammenhang mit dem mutmaßlich abgelagerten Material ist zumindest nicht ausgeschlossen, obwohl dies in einer aktuellen Sitzung des Umweltausschusses vehement von der Verwaltung bestritten wurde. Auch andere Anomalien bei den gemessenen Grundwasserwerten alarmieren Fachleute, die dringend zu einer umfassenden Untersuchung raten.
Gift in allen Baggerschürfen
Unbestritten ist, dass die Staatsanwaltschaft bei ihrer Durchsuchungsaktion auf der Schießbahn vor einem Jahr in allen sechs Baggerschürfen krebserregende und giftige Stoffe fand.
Die parteilose Ratsfrau Vally Finke ist entsetzt. Das Landesumweltministerium in Hannover habe sich ausschließlich auf Zahlen und Angaben der Stadtverwaltung gestützt. Offensichtlich hätten der Sachbearbeiterin in der Behörde wichtige Informationen gefehlt.
Im grünen Umweltministerium scheint man sich in der Bewertung inzwischen nicht mehr ganz so sicher zu sein. Ein Sprecher erklärte auf Anfrage, sich wegen der laufenden Ermittlungen dazu nicht weiter äußern zu wollen.
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