Gewaltvorwürfe gegen Patrick Bruel: Eine unerträgliche Unschuldsvermutung
Über dreißig Frauen beschuldigen den französischen Sänger Patrick Bruel, sie sexuell missbraucht zu haben. Doch bis zum Prozessbeginn gilt er als unschuldig.
„Niemals habe ich eine Frau gezwungen, betäubt, manipuliert oder gefügig zu machen versucht. Niemals habe ich mich meiner Berühmtheit bedient, um jemanden zu missbrauchen oder eine (sexuelle) Beziehung ohne Einverständnis zu bekommen“, beteuert „kategorisch“ der französische Sänger und Schauspieler Patrick Bruel (67) in den sozialen Medien. Das war seine Antwort auf eine öffentliche Anschuldigung. Die heute 51-jährige Fernsehmoderatorin Flavie Flament klagt ihn an, sie mit Drogen betäubt und dann vergewaltigt zu haben, als sie gerade 16 Jahre alt war.
Sie ist nicht die Einzige, die Bruel beschuldigt, und das macht für die öffentliche Meinung und auch für die Justiz einen Unterschied. Bisher haben bereits 30 Frauen in den Medien, namentlich bei Recherchen des Online-Magazins Médiapart und der Zeitschrift Elle, wegen sexueller Gewalt, Belästigung oder Vergewaltigung gegen Bruel ausgesagt. Die Justiz hat wegen mittlerweile 13 Strafanzeigen mehrere Untersuchungen eingeleitet. Doch bis zu einem Prozess kann es Monate oder gar Jahre dauern. Bis dahin darf sich Patrick Bruel auf die Unschuldsvermutung berufen.
Eingeholt von #MeToo
Bruel ist in Frankreich seit mehr als 30 Jahren für mehrere Generationen ein Idol. Wie Gérard Depardieu vor ihm ist er von der #MeToo-Welle eingeholt worden. Unversehens steht er knietief im Sumpf. Was offenbar seit Langem im französischen Showbusiness getuschelt wurde, ist nun ein öffentlicher Skandal geworden. Seine Fans sind schockiert. Doch viele können oder wollen nicht glauben, was derzeit in den Medien enthüllt wird. Jeden Abend spielt er in Pariser Theater Edouard 7 vor vollem Haus und erntet herzlichen Applaus – als wenn nichts wäre.
Für Mitte Juni hat er mehrere Konzerte in Paris angesagt, danach eine Tournee in der französischen Provinz und in den Nachbarländern. Als wenn nichts wäre? Im kanadischen Québec hat Bruel seine geplanten Konzerte schon mal abgesagt. Der Bürgermeister von Paris hat ihn ersucht, ein „Einsehen zu haben“ und von sich aus auf diese Auftritte zu verzichten, was er aber anscheinend überhaupt nicht vorhat. Sei es auch nur aus finanziellen Überlegungen, da er seine Tournee selbst produziert.
Unerträgliche Situation für die Opfer
Für seine Opfer und auch für die von den Enthüllungen schockierte französische Öffentlichkeit wirkt das Recht auf die Unschuldsvermutung, auf das sich Bruel mit einer arrogant wirkenden Selbstsicherheit beruft, wie eine sexistische Provokation. Für die vielen Opfer, die den Mut hatten, öffentlich zu schildern, was sie erlitten hatten, und die es riskieren, einen derart prominenten Star zu attackieren, ist es entmutigend und demütigend, ohnmächtig zusehen zu müssen, wie die langsame Justiz mit der Unschuldsvermutung dem Angeschuldigten eine lange Schonzeit gewährt.
Es hat die Opfer meistens viel Überwindung gekostet, mit Namen und Gesicht Klage zu erheben, weil sie erstens befürchten mussten, nicht angehört und ernst genommen zu werden. Zweitens – und das belegt die Erfahrung von Flavie Flament – werden Frauen, wenn sie prominente Männer wegen sexueller Gewalt beschuldigen, anschließend in den Netzwerken anonym beschimpft und verunglimpft.
Und zuletzt müssen sie auch noch den Eindruck bekommen, dass ein Idol wie Bruel über dem Gesetz steht. Denn von den französischen Prominenten, die im Zuge der #MeToo-Enthüllungen angeklagt wurden, ist bisher niemand verurteilt worden. Viele Ermittlungen verlaufen zudem im Sande, weil die mutmaßlichen Straftaten verjährt sind.
Bis zum Urteil gilt die Unschuldsvermutung
Bis allenfalls ein Gerichtsurteil gefällt wird, bleibt es bei der moralischen Sühne einer Anprangerung durch die Medien. Das erlaubt es den Angeschuldigten, sich mit dem legalen Schutzschild der Unschuldsvermutung auch noch als Opfer von Verleumdungskampagnen aufzuspielen. Dass es dabei bleibt, ist nicht sicher: Am Mittwochabend haben mehrere Frauen des feministischen Kollektivs Nous toutes Bruels Theateraufführung mit Protestrufen unterbrochen.
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