Geschichte der Pädophilie: Der letzte Perverse

Geschichte einer sexuellen Störung: Die Kulturwissenschaftlerin Katrin M. Kämpf legt eine deutsche Diskursgeschichte der Pädophilie vor.

Mitarbeiter einer Werbefirma hängen am 15.04.2013 in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) Plakate einer Informationsaktion zum Pädophilie-Präventionsprojekt in Mecklenburg-Vorpommern auf.

Pädophilie-Präventionsprojekt in Schwerin 2013 Foto: Jens Büttner/dpa/picture alliance

Masturbation, Homosexualität, Sadomasochismus – diese und viele andere Praktiken sind längst gesellschaftlich normalisiert. Die Pädophilie, also die Präferenz für Kinder, hat als sexuelle Abweichung überdauert. Dieser Figur, die der Sexualforscher Volkmar Sigusch als „letzten Perversen“ unserer Zeit bezeichnet hat, hat die Kulturwissenschaftlerin Katrin M. Kämpf eine deutsche Diskursgeschichte gewidmet.

Der Band „Pädophilie“ analysiert die Karriere einer sexuellen Störung, die erstmals 1896 durch den Psychiater Richard Freiherr von Krafft-Ebing als „Pädophilia Erotica“ erwähnt, von der antisemitischen Aufladung durch die Nazis bis zur revolutionären Heroisierung nach 1968, stets politisch instrumentalisiert wurde – um in der Gegenwart zum Inbegriff der Gefahr überhöht zu werden.

Kämpf nähert sich ihrem Forschungsgegenstand mit einem an Michel Foucault geschulten Blick: Dessen Definition eines Ereignisses als Nexus von Macht und Wissen folgend, sucht sie nach Brüchen im Diskurs, nach Veränderung in der Wahrnehmung von Sexualität.

Katrin M. Kämpf: „Pädophilie. Eine Diskursgeschichte. Transcript, Bielefeld 2021, 318 S., 39 Euro

Im 19. Jahrhundert verortet sie die Erfindung der bürgerlichen Sexualität und der Kindheit sowie erste Überlegungen zu Strafbarkeit beziehungsweise Schädlichkeit sexueller Übergriffe an Kindern. Dreh- und Angelpunkt des Wissens über Sexualität bildete laut Foucault die bürgerliche Familie.

Klassifizierung der Perversen

In Kämpfs Deutung bedeutet das die „Hysterisierung des weiblichen Körpers, die Pädagogisierung kindlicher Frühreife, die Geburtenregelung und die ‚Klassierung der Perversen‘“. Der aufkommende Nationalstaat beanspruchte zunehmend Hoheit und Normierungsgewalt über das Sexuelle. Immer mehr verlagerte sich der Fokus vom Opfer auf die Täter, besonders bei „Unzuchtverbrechen an Individuen unter 14 Jahren“.

Krafft-Ebing unterschied in krankhafte, von „sexuellen Sondernaturen“ begangene und nicht krankhafte Taten – wobei er Letztere bei „Altersblödsinnigen“, Wüstlingen, „wollüstigen Weibern“ und generell in der proletarischen Unterschicht verortete. Bürgerlichen Männern und Frauen wurde eine funktionierende Triebkontrolle und somit Immunität vor Pädophilie unterstellt.

Kämpf zeigt, wie tief das Sprechen über Pädophilie eingebettet ist in den politischen Herrschaftsdiskurs der jeweiligen Zeit. So galten im Kaiserreich nicht alle Kinder als schützenswert: Dem unschuldigen bürgerlichen Kind wurde das frühreife, verdorbene Kind der unteren Schichten gegenübergestellt.

„Verdorbene“ Mädchen und Jungen galten als Gefahr für die öffentliche Moral. Anschaulich zeichnet Kämpf nach, wie sich die Stigmatisierung von in Armut aufwachsenden Kindern zunehmend mit antijüdischen Ressentiments vermischte.

Kontinuitäten der NS-Zeit

Aus der Zuschreibung eines übersteigerten Sexualtriebs der „semitischen Rasse“ konstruierte der Nationalsozialismus den jüdischen „Kinderschänder“ als Gefahr, vor der es die Volksgemeinschaft zu schützen gälte: durch Internierung in Arbeits- und Konzentrations­lagern; „arische“ Sittlichkeitsverbrecher durften um den Preis ihrer Fortpflanzungsfähigkeit in der Volksgemeinschaft verbleiben.

In­zest­tä­te­r:in­nen wiederum wurden oft exkulpiert; auch das Konzept von Kindern als „Mittäter:innen“ bestand weiter. Laut Kämpf trug die „inkonsistente Verfolgungspraxis“ des NS dazu bei, die Drohkulisse gegenüber allen Deutschen, aus der Norm der Volksgemeinschaft herauszufallen, auch in sexualpolitischer Hinsicht aufrechtzuerhalten.

Anhand medizinischer Publikationen der Bundesrepublik der 1950er bis 1970erJahre zeigt Kämpf Kontinuitäten aus der NS-Zeit auf: Etwa die „freiwillige“ Kastration von Pädophilen, Gehirnoperationen oder die Gabe androgenhemmender ­Medikamente, die unter anderem durch Medikamentenversuche an Heimkindern und Kindern in Psychiatrien erprobt wurden.

Diagnosekataloge und der verdächtige Körper

Wie die Schädlichkeits­debatten der 1970er Jahre in die bekannte Verschränkung der homosexuellen Emanzipationsbewegung mit einer sich formierenden Pädophilen­bewegung im Zuge des sexuellen Befreiungsdiskurses münden, zeichnet Kämpf anhand aktivistischer Figuren wie Rüdiger Lautmann oder Michael Baur­mann nach und schlägt einen interessanten Bogen zu dem, was sie die „empirische Wende in der Sexuologie“ nennt: eine Diskursverschiebung, die ab den 1990er Jahren „langsam den Fokus von Pädophilie – als sexueller Identität, pathologischem Zustand, widerständiger Daseinsweise oder Täter_innen-Klassifikation – hin zu ‚sexuellem Missbrauch‘ und seinen Opfern verrückte“.

Bis hin zur gegenwärtigen Risikofokussierung, die Pädophilie in Diagnosekatalogen wie ICD-10 klassifiziert und durch technische Methoden wie Phallometrie oder Magnet­resonanztomografie direkt im Inneren des „verdächtigen“ Körpers misst.

Zugleich, das zeigt Kämpf in ihrer leider etwas knapp geratenen Analyse der Jetztzeit, wird der Pädophilie-Vorwurf zunehmend ideologisch gegen Menschen verwendet, die die traditionelle Geschlechterordnung stören, etwa durch Rechtspopulist:innen, Neonazis oder christlich-evangelikale Kreise.

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