Geopolitik im Weltraum: Die dunkle Seite
Ab dem 1. April soll die Artemis-II-Mission den Mond umrunden. Die USA wollen ihre Vormachtstellung im All sichern, doch China holt auf.
Am Startplatz 39B des Kennedy Space Center in Florida steht eine Rakete, die größer ist als die Freiheitsstatue. In wenigen Tagen sollen vier Astronaut:innen mit ihr abheben und den Mond umrunden. Es wäre der erste bemannte Flug dorthin seit über 50 Jahren. Die Mission heißt Artemis II, ihr Start ist für den 1. April geplant und soll ein großer Triumph der USA werden. Denn sie ist mehr als ein Flug durchs All. Sie ist Teil eines machtpolitischen Weltraumwettlaufs, in dem die USA ihren Vorsprung verteidigen wollen, während China mit enormer Geschwindigkeit aufholt.
Washington weiß, dass die Zeit drängt. Kurz vor Weihnachten 2025 unterzeichnete Präsident Donald Trump ein Dekret, in dem er die Prioritäten der US-amerikanischen Weltraumpolitik formulierte. Ziele sind die Festigung der Führungsrolle in der Raumfahrt, die Rückkehr zum Mond und seine wirtschaftliche Entwicklung sowie die Vorbereitung einer Reise zum Mars.
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Am selben Tag wurde der Milliardär Jared Isaacman als neuer Nasa-Chef vereidigt. Bei einer Anhörung im US-Senat kurz zuvor hatte er den Ton im Wettrennen zum Mond zwischen den USA und China vorgegeben: „Wenn wir ins Hintertreffen geraten – wenn wir einen Fehler machen –, holen wir diesen Rückstand vielleicht nie wieder auf, und die Folgen könnten das Kräfteverhältnis hier auf der Erde verschieben.“
Tatsächlich hat China in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine rasante Aufholjagd hingelegt. Peking betreibt mit Tiangong eine eigene Raumstation und mit BeiDou ein eigenes globales Navigationssystem. China hat einen erfolgreichen Antisatellitenwaffentest durchgeführt und arbeitet an einer eigenen Megakonstellation, um satellitenbasiertes Internet anbieten zu können.
US-Vorsprung mit Musks Firma SpaceX
Wie ernst China es meint, zeigt auch ein Manöver, das die Raumfahrtgeschichte so noch nicht gesehen hatte. Im Mai 2018 schoss Peking den Satelliten Queqiao an einen Ort im All, an dem sich die Gravitationskräfte von Erde und Mond so ausgleichen, dass ein Satellit dort mit minimalem Treibstoff verweilen kann. Von dort hat Queqiao ständigen Blickkontakt sowohl zur Erde als auch zur Rückseite des Mondes – jenem Ort, der von der Erde aus niemals zu sehen ist, den kein Funksignal direkt erreicht und der spätestens seit Pink Floyds legendärem Album als „die dunkle Seite des Mondes“ bezeichnet wird. China landete dort 2019 als erstes Land überhaupt und brachte 2024, ebenfalls als erste Nation, eine Materialprobe von dort zur Erde.
Noch liegen die USA vorne im Weltraumrennen. Sie haben mit der Space Force eine eigene Teilstreitkraft gegründet und lassen ein weltraumgestütztes Raketenabwehrsystem entwickeln, auch Antisatellitenwaffentests haben sie schon durchgeführt und leiten das Artemis-Mondprogramm mit mehr als 60 Partnerstaaten. Aber der US-amerikanische Vorsprung beruht zu großen Teilen auf einem einzigen Privatunternehmen: Elon Musks Firma SpaceX.
2025 startete SpaceX über 160 Raketen. Das ist mehr als der Rest der Welt zusammen. Seine Firma hat wiederverwendbare Raketenstufen entwickelt und damit die Kosten pro Kilogramm in den Orbit um ein Vielfaches gesenkt.
Doch was passiert, wenn die Interessen dieses Unternehmens – oder die Launen seines Besitzers – nicht mit den Interessen der Vereinigten Staaten übereinstimmen? Donald Trump sorgt derzeit dafür, dass sich das Kräfteverhältnis zwischen SpaceX und der Nasa mehr und mehr zugunsten von Musk entwickelt, indem er der staatlichen Raumfahrtbehörde mit Budgetkürzungen droht und Mitarbeitende entlässt.
Machtkampf: der Wettlauf zum Mond
In China dagegen ist die Raumfahrt noch Staatssache. China ist langsamer bei Innovationen – die chinesische Raumfahrtindustrie hat bisher keine wiederverwendbaren Raketenstufen im Einsatz –, aber Peking hat eine strategische Kohärenz, die den USA fehlt. Peking arbeitet seit Jahrzehnten an derselben Agenda. Auch die neuen Pläne der Raumfahrtagentur, die im Rhythmus mit den staatlichen Fünfjahresplänen entstehen, sind ambitioniert: eine bemannte Mondlandung bis 2030, eine Marsprobenrückführung und der weitere Ausbau der Raumstation Tiangong.
Besonders brisant in diesem Machtkampf ist der Wettlauf zum Mond, der mit dem Start von Artemis II seinen nächsten Akt erleben soll. Doch die tatsächliche Landung von US-Amerikanern auf dem Mond – ihr Termin wurde bereits mehrfach verschoben – hängt dabei an der Fertigstellung der Starship-Landefähre von SpaceX, die immer noch nicht voll erprobt ist. Und damit an einem einzigen Unternehmen.
Auf der anderen Seite des Pazifiks liefen die Tests der chinesischen Mondlandefähre und Schwerlastrakete nach Plan, wobei Chinas Raumfahrtprogramm nicht unter den Augen einer kritischen Presse arbeitet. Sollte sich das Artemis-Programm weiter verzögern, könnte es passieren, dass chinesische Taikonauten 2030 den Mond betreten, während amerikanische Astronauten noch auf ihren Lander warten. Dabei wollen die USA unbedingt ihren strategischen Gegner schlagen. Der fast 70 Jahre alte Schock, als die Sowjetunion 1957 den ersten Satelliten ins All schoss und die Amerikaner nur Zweiter wurden, hängt ihnen bis heute nach.
Anders als damals ist der Mond heute nicht mehr nur ein Symbol, sondern soll je nach Vision eine Mine, eine Forschungsstation oder eine kosmische Tankstelle für Astronaut:innen auf dem Weg zum Mars werden. Wer dort zuerst eine dauerhafte Basis errichtet, schafft Fakten, die sich diplomatisch nur schwer rückgängig machen lassen.
Chinas und Russlands Gegenprojekt
Genau deshalb stehen sich zwei konkurrierende Ordnungsmodelle gegenüber. Das von den USA initiierte Artemis-Abkommen erlaubt die Förderung von Mondressourcen ausdrücklich. Zudem sollen sogenannte Sicherheitszonen zulässig sein, die das Einmischen anderer Staaten in die eigenen Angelegenheiten verhindern. Im Rahmen des Artemis-Programms planen die USA, eine Mondbasis am Südpol zu errichten und dort eine dauerhafte Präsenz zu etablieren.
China und Russland haben mit der International Lunar Research Station (ILRS) ein Gegenprojekt ins Leben gerufen. Auch sie möchten eine Mondbasis am Südpol des Mondes errichten. Laut den Weltraumagenturen soll diese für Forschung, Ressourcennutzung und mondgestützte Beobachtungen genutzt werden.
Welcher Entwurf sich letztlich durchsetzen wird, entscheidet sich nicht am Verhandlungstisch bei den Vereinten Nationen in New York. Sondern auf einer staubigen Ebene am Südpol des Mondes.
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