Geldnöte niedersächsischer Unis: Der Lehre abgespart

Die Unis in Hannover und Göttingen beklagen massive Finanzierungsprobleme bei Sanierungen. Das nötige Geld nehmen sie aus Forschung und Lehre.

Nahaufnahme einer Wand mit Fenster der Uni Hannover. Graffitis sind darauf

Es bröckelt der Putz, es blühen die Graffitis: Uni Hannover Foto: Andrea Maestro

HAMBURG taz | Wenn man genau hinsieht, bröckelt an den Anbauten des Welfenschlosses, in dem die Leibniz Universität Hannover ihren Hauptsitz hat, der Putz: 25 bis 30 Millionen Euro bräuchte die Uni laut eigener Angabe jährlich, um all ihre Sanierungs- und Baumaßnahmen zu finanzieren. Doch nur etwa vier Millionen Euro stünden ihr dafür zur Verfügung, kritisiert Unipräsident Volker Epping. Er fordert vom Land Niedersachsen eine Aufstockung der Mittel für Sanierungen. Das Wissenschaftsministerium ist angesichts der Coronapandemie mit Versprechungen zögerlich.

Schon seit 15 Jahren sei die Finanzierung viel zu knapp bemessen, sagt Epping. Damit die Universität die wichtigsten Sanierungsmaßnahmen trotzdem durchführen könne, nutze sie dafür Geld, das eigentlich der Forschung und Lehre zustehe. „Wir haben keine andere Möglichkeit.“

Regnet durch Fenster

Und die Uni Hannover steht mit diesem Problem nicht alleine da: An der Georg-August-Universität Göttingen habe sich mittlerweile ein Rückstau für Sanierungen, Modernisierungen und Neubauten von knapp einer Milliarde Euro angesammelt, sagt Uni-Präsident Reinhard Jahn.

Die Situation werde immer prekärer, da in Zukunft noch mehr Mittel benötigt würden.Gerade die Sechziger- und Siebzigerjahre-Bauten seien, das beklagt auch die Uni Hannover, in einem schlechten Zustand: „Energetisch sind sie eine Katastrophe und teilweise regnet es durch die Fenster“, sagt Jahn.

Zu welchen Problemen diese unzureichende Finanzierung führt, zeigt sich an beiden Universitäten deutlich. Auch in Göttingen wird das Geld für die wichtigsten Baumaßnahmen dort weggenommen, wo es noch irgendwie möglich ist: Von der Verwaltung oder aus den Mitteln für Forschung und Lehre. Besonders besorgt ist Jahn darüber, dass die Universität womöglich Gebäude oder gar ganze Fakultäten schließen muss.

Der erste Bauabschnitt der Sanierung der chemischen Fakultät sei zwar abgeschlossen, jedoch fehlten nun 130 bis 140 Millionen Euro für die weiteren Baumaßnahmen. Wenn das Gewerbeaufsichtsamt Zweifel an der Sicherheit habe, würde eine Kernfakultät mit Exzellenzcluster wegbrechen: „Ich will gar nicht darüber nachdenken, was dann passiert.“

Auch die Uni Hannover sieht sich mit dem Problem konfrontiert, dass sie Labore schließen muss, wenn sie nicht mehr den Sicherheitsstandards entsprechen. Das hätte negative Auswirkungen auf Lehre und Forschung: „Wir könnten weniger Studierende aufnehmen“, sagt Epping.

Außerdem bestehe die Gefahr, nicht mehr wettbewerbsfähig zu sein. „Wer will eine Professur annehmen, wenn es durch das Dach regnet oder wenn nicht gesichert ist, dass die Labore genutzt werden können?“

Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur erklärt, dass man für die energetische Sanierung in diesem Jahr noch 120 Millionen Euro zur Verfügung stellen werde. Vor allem käme das Geld den Universitäten in Hannover, Braunschweig und Göttingen zugute.

Ziel sind mehr Investitionen

2017 habe es außerdem durch das Gesetz über das „Sondervermögen zur Nachholung von Investitionen bei den Hochschulen in staatlicher Verantwortung“ 150 Millionen Euro für notwendige Sanierungsmaßnahmen gegeben. Momentan stehe auch ein Fördertopf für besonders dringende Baumaßnahmen bereit, sagt Margit Kautenburger, Sprecherin des Ministeriums.

Ziel sei es, die Investitionen weiter zu erhöhen. Insbesondere wegen der Coronakrise würden die Finanzierungsspielräume aber mittelfristig enger.

Dass wegen der Coronakrise Mittel gekürzt würden, kann Jahn durchaus nachvollziehen, allerdings bestünde das Problem schon seit zehn bis 15 Jahren: „Ich kenne kein anderes Bundesland, das trotz eines Milliardenüberschusses die Gelder für Universitäten gekürzt hat.“ Die derzeitige Landesregierung setze die falschen Prioritäten.

Unis in Geldnöten

Laut Peter-André Alt, dem Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, besteht das Finanzierungsproblem jedoch in allen Bundesländern, seitdem die Gemeinschaftsaufgabe Hochschulbau von Bund und Ländern im Jahr 2010 ausgelaufen ist. Einige Bundesländer hätten allerdings bereits langfristige Finanzierungsprogramme auf den Weg gebracht.

Besonders hebt Alt das Heureka Projekt hervor, mit dem das Bundesland Hessen seit 2007 dem Sanierungs- und Neubaustau entgegengewirkt. Bis 2025 will die Landesregierung vier Milliarden Euro in die Erneuerung der Unis und Hochschulen investieren.

Eine ähnliche Finanzplanung wünschen sich auch die Unis in Hannover und Göttingen. „Der Finanzminister und der Ministerpräsident müssen dem Wissenschaftsministerium mehr Ressourcen bereitstellen“, fordert Epping. „Ohne Universitäten geht es nicht. Wir beeinflussen die Zukunftsfähigkeit eines Landes.“ Doch mit Wissenschaft lasse sich „eben keine Wahl gewinnen“.

Alt von der Hochschulrektorenkonferenz sieht auch den Bund in der Verantwortung. Es sei unzureichend, dass nur die Länder für die Finanzierung zuständig seien: „Bund und Länder müssen sich verständigen, wie die Finanzierungsverantwortung zwischen den zwei Ebenen reorganisiert werden kann.“

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