Geiselnahme in Iran: Eine Motorradtour, die in der Haft des Regimes endete
Seit über einem Jahr sitzen die Briten Lindsay und Craig Foreman wegen Spionagevorwürfen in Iran im Knast. Ihr Sohn fordert die Regierung in London erneut zum Handeln auf.
Für das südenglische Ehepaar Lindsay und Craig Foreman – zwei Motorrad-Enthusiasten in den 50ern – sollte es der Trip ihres Lebens werden. Einmal mit den Bikes von England bis nach Australien fahren. Auf ihrer Reise wollte Lindsay Foreman, eine promovierte Psychologin, auch gleich Menschen unterschiedlicher Regionen befragen: Was es für sie bedeutet, Mensch zu sein und ein gutes Leben zu führen.
Im Oktober 2024 brachen die beiden schließlich auf. Unter #PPK2K teilten sie in den sozialen Medien Eindrücke der Reise. Spanien, Italien, Albanien, die Türkei und Armenien hatten sie bereits hinter sich, als sie am 31. Dezember 2024 die Grenze in die Islamische Republik Iran überfuhren.
Sorgen von Familie und Freund:innen sowie Richtlinien des britischen Außenministeriums, die vom Besuch Irans abrieten, schoben sie zur Seite. Sie glaubten an das Gute – überall. Ihre fünftägige Route quer durch Iran hatten sie dennoch im Voraus geplant: die Hotels gebucht, genauso wie iranische Reisebegleiter und die Visa. Sie posteten online aus Täbris, Teheran und Isfahan. Doch am 3. Januar 2025 brach plötzlich jeglicher Kontakt mit ihnen ab. Ein ganzer Monat verging, bis klar wurde, was geschehen war.
Iranische Behörden hatten Lindsay und Craig Foreman unter dem Vorwurf der Spionage festgenommen. Über ein Jahr später sitzen sie noch immer in iranischen Strafanstalten fest.
In einer Erklärung eines Sprechers der iranischen Justiz hieß es damals: Sie seien als Touristen in Iran eingedrungen, um dort Informationen in zahlreichen Provinzen zu sammeln. Die beiden hätten mit feindlichen, westlichen Nachrichtendiensten zusammengearbeitet, hieß es weiter.
Immer wieder nimmt Iran westliche Bürger:innen fest
Es ist nicht das erste Mal, dass britische Staatsbürger:innen in Iran inhaftiert wurden: Die iranischstämmige Nazanin Zaghari-Ratcliffe saß zwischen 2016 und 2022 im berüchtigten Evin-Gefängniskomplex. Auch ihr warf das Regime Spionage vor.
Erst durch einen Gefangenenaustausch, in dem die britische Regierung umgerechnet eine knappe halbe Milliarde Euro an die Islamische Republik Iran blechte, kam Zaghari-Ratcliffe frei. Und mit ihr der ebenfalls inhaftierte britisch-iranische Geschäftsmann Anoosheh Ashoori. Die halbe Millarde hatte Iran – noch unter Kontrolle des 1979 gestürzten Schahs – im Rahmen eines britisch-iranischen Waffenexportdeals gezahlt. Dieser wurde nach der Islamischen Revolution gestoppt.
Nazanins Ehemann Richard Ratcliffe erzählte der taz im vergangenen Sommer, dass zunehmend nicht nur Menschen mit doppelter Staatsangehörigkeit – wie seine Gattin – gefährdet seien, Geiseln zu werden. Ratcliffe betont dabei das Wort Geisel. Die Regierungen im Westen scheuten die Bezeichnung, sagt er. „Es handelt sich jedoch um nichts anderes.“
Auch der österreichisch-iranische Geschäftsmann Kamran Ghaderi, der jahrelang im Evin-Gefängnis einsaß, sagte der taz: Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit würden absichtlich als Erpressungsmittel festgehalten.
Familie stellt Forderungen an die britische Regierung
Joe Bennett, Anfang dreißig, ist eins der vier erwachsenen Kinder des Ehepaars. Er fordert, dass das britische Außenministerium mehr zur Freilassung der beiden tut. Im vergangenen Sommer konnte er zum ersten Mal seit der Festnahme mit seinen beiden Elternteilen telefonieren. Er saß in England, die beiden sprachen aus iranischen Gefängnissen.
„Es war eine große Erleichterung, das erste offizielle Zeichen des Lebens mit Lachen und Tränen“, sagt er der taz. „Soweit wir es abschätzen konnten, hörten sie sich psychisch relativ gut an.“
Er und seine Familie fordern mehr Zugang zu britischen konsularischen Botschaftsvertreter:innen für die beiden. Denn bisher habe es nur wenige solche Besuche gegeben, sagt Bennett. „Das sind zwei erfahrene Motorrad-Tourer mit einer tiefen Leidenschaft, die Welt zu erkunden und neue Menschen und Kulturen kennenzulernen. Sie haben ja alles in den sozialen Medien offen geteilt, was sie tun, auch davor. Sie sind keine politischen Personen.“
Statement der Familie der Foremans
Nach den Protesten sind die Haftanstalten noch überfüllter
Die derzeitige Situation in Iran verschärft die Angst der Familie noch: Die massive Gewalt nach den Protesten, die miserablen Bedingungen in nach den Protesten immer mehr überfüllten Gefängnissen.
Joe Bennett sagt: Auch er habe keine definitive Antwort auf die Frage, wie seine Eltern wieder freikommen könnten. Es müsse sowohl auf die iranische als auch auf die britische Führung mehr Druck gemacht werden.
In einem Statement schreibt die Familie: „Die Situation wird durch Zögern, Bürokratie und das Versagen der britischen Regierung, entschlossen zugunsten ihrer unschuldig in Iran inhaftierten Bürger zu handeln, verlängert“.
Listung der Revolutionsgarden als Terrororganisation
Die iranische Führung kommt derweil unter vermehrten Druck vonseiten der EU: So haben sich am Donnerstag die Außenminister der Europäischen Union auf eine Listung der mächtigen Revolutionsgarden als Terrororganisation geeinigt. Außerdem wurden 15 weitere Iraner und sechs Firmen mit iranischem Bezug unter Sanktionen der EU gestellt.
In Großbritannien sind die Revolutionsgarden bisher nicht als Terrorgruppe gelistet. Nach Angabe des Telegraph könnte ein solcher Schritt nun auch in Großbritannien erfolgen. Vor Kurzem war das seitens der Regierung noch abgelehnt worden.
Ein Sprecher des britischen Außenministeriums sagte der taz vor Monaten, dass man sehr besorgt über Berichte einer Spionageanklage zweier britischer Staatsbürger sei. Und weiterhin den Fall bei den iranischen Behörden vortrage.
Eine Sprecherin der Familie sagte nun: Man sei bezüglich der „Drohungen und Gegendrohungen“, die derzeit im Raum ständen, zutiefst besorgt.
Mitarbeit: Lisa Schneider
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