Gegen das System Spotify: Im luftleeren Raum

Valentin Hansen trickst mit seinen Songs den Algorithmus von Spotify aus. Auch seine Installation macht höllischen Lärm – und ist völlig unsichtbar.

Ein Porträt von Valentin Hansen

Valentin Hansen hebelt den Algorithmus der Streamingdienste aus Foto: Peter Kaaden

Der Algorithmus bei Spotify möchte, dass Songs vor dem Weiterklicken mindestens 30 Sekunden lang gehört werden. Als Mu­si­ke­r:in möchtest du das auch, denn erst ab 30 Sekunden gibt es Tantiemen. Was tun, wenn die Klicks nicht reichen? Du lässt sie generieren. Das funktioniert mit „Klickfarmen“. Die werden irgendwo in Kellern betrieben, mehrere Hundert Handys nebeneinander, alle mit einem anderen Spotifyaccount verbunden, und eine Person lässt dann von allen Handys gleichzeitig denselben Song immer wieder laufen. Dass das die Zahlen verfälscht, geschenkt.

Valentin Hansen, Berliner Musiker und Produzent, hat mit seinem neuen Album „Crisis (The Worthless Album)“ und mit der darauf aufbauenden Installation „The Farm“ die Logik des Klickbusiness thematisiert. Die Musik hat der 26-Jährige sozusagen in den luftleeren Raum der Unzählbarkeit fliegen lassen; weder er noch Spotify können an ihr verdienen – geschweige denn Klicks generieren. Indem er die acht Songs in 29-sekündige Sequenzen zerlegt hat, entgeht er dem System von Spotify.

Mit der Installation „The Farm“ treibt Valentin Hansen den Verwertungszusammenhang auf die Spitze: Über 50 Handys spielen über Stunden seine Musik – und nichts wird davon jemals registriert. Somit wird sein Album tausendfach geklickt, behält immer den gleichen Wert, und zwar den, den der Künstler selbst bestimmt. Und so macht die Installation einen unglaublichen Krach, bleibt aber in der virtuellen Welt non-existent, obwohl aus ihr heraus generiert.

Radikal zerstückelt

Im Gespräch vor dem kleinen Ausstellungsraum in Berlin-Kreuzberg wird dann aber doch klar, dass es ein zweischneidiges Schwert ist, wofür Hansen gearbeitet hat, so radikal zu zerstückeln. „Das Nichts ist echt absurd. Auf der einen Seite ist es natürlich schade, dass ich nicht weiß, wer meine Musik hört.[…] Ich werde es niemals erfahren und das ist schon eine Befreiung.“ Aber auf der anderen Seite, so der Künstler weiter, würden die Qualität der Songs und auch die Hörfreundlichkeit beschnitten.

Als Kunstaktion ist das Projekt in seiner Radikalität also genau richtig. Eine Klickfarm für ein Produkt, welches keine Klicks generiert. Ein großer Haufen Kabel und Displays, der unglaublich laut ist, vor sich hin funzt, aber per se unsichtbar ist, von keinem System zählbar und nicht zu materialisieren.

Valentin Hansen: „Crisis what Crisis (The Worthless Album)“ (z.B. bei Apple Music)

Aus musikalischer Sicht ist es aber fatal, und gäbe es nicht die Funktion von Spotify, automatisch und vor allem nahtlos Stücke hintereinander abzuspielen, wäre es kaum vernünftig hörbar. Denn dass das Hörerlebnis trotz Algorithmus eine wichtige Rolle beim Genießen von Musik ist, ist doch klar. Nur wäre ein siebenminütiger Song mit ewigem Intro nach Spotify-Algorithmus ein No-Go. Warum? Weil vor der magischen 30-Sekunden-Grenze weitergeskippt würde. Und hier sollte man sich fragen, ob das an Spotify oder der Ungeduld der Hörerschaft liegt – oder vielleicht an beidem?

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