Spotify-Jahresrückblick: My music, my business!

Spotify vergisst nie. Jeder Stream geht in die Statistik ein. Und am Ende des Jahres gibt je­de:r damit an. Zeit, das zu ändern!

Ein Walkman mit Kopfhörern.

Auch eine Lösung: Walkman von 1980 Foto: imago

Ich würde so gerne von mir behaupten, dass ich spartigen Deutschrap, guten britischen Hip-Hop und sonst auch mal ab und zu ein bisschen Techno höre. Das tue ich auch, wenn man mich fragt. Das Problem ist: Es ist nur die halbe Wahrheit. Ich habe nämlich eine Schwäche für schlechte Musik. Ich nenne sie meine Guilty-Pleasure-Musik. Ich höre sie am liebsten beim Autofahren, auf dem Weg zur Arbeit, nach dem Aufstehen, beim Sport. Das wäre auch alles kein Problem. Wenn man mich nicht dank Spotify ständig dabei erwischen könnte.

Vor ein paar Tagen war ich auf dem Weg zur Arbeit. In der Bahn drehte ich die Kopfhörer gekonnt nur genau so laut, dass mein Sitznachbar auf keinen Fall mithören konnte (bei Airpods drittletzte Stufe!). Und trotzdem bekam ich ein paar Sekunden später eine Nachricht von einem Freund: „Haha schön mit Eko Fresh auf dem Weg zur Arbeit?“

Er folgt mir bei Spotify. Der Musikrevolutions-App, bei der man sich ein Konto anlegen, ein paar Euro bezahlen und dann gefühlt alles streamen kann, was der Musikmarkt hergibt. Und weil ich ihm irgendwann mal erlaubt habe, mir zu folgen, kann er seitdem sehen, was ich gerade höre. Und zwar immer. Er ist der Freshste auf der Welt, denn er ist jung und braucht das Geld. Er lebe hoooooch. Es ist E K O… Ich drehe ein bisschen leiser, als würde das helfen.

Natürlich gibt es Funktionen für mehr Privatheit. Ich könnte meine Fol­lo­wer:­in­nen blockieren. Ich könnte eine „private Session“ starten, wenn ich nicht möchte, dass meine Freun­d:in­nen sehen, was ich gerade höre. Neulich wäre ein guter Moment dafür gewesen. Als ich beim Putzen Enrique Iglesias hörte, Bailandooooo. Aber eine „private Session“ zu starten fühlt sich an, wie beim Putzen alle Fenster und Türen abzudichten, damit der Nachbar nichts hört. Als hätte ich etwas verbrochen. Wen geht es überhaupt etwas an, was für Musik ich höre?

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Musik hören ist inzwischen wie wählen gehen. Eigentlich privat, aber irgendwie weiß es trotzdem jede:r. Spotify ist längst zu einer Profilierungsplattform geworden. Wo früher ein CD-Regal zu Hause stand, steht heute ein Spotify-Algorithmus. Er ist erbarmungslos. Er verzeiht keine Fehltritte. Und je­de:r kann ständig dabei zusehen.

Jahresrückblick – der Endgegner in Sachen peinlicher Musik

Diese Woche war es wieder so weit: Der Spotify-Jahresrückblick wurde veröffentlicht, der Endgegner in Sachen peinlicher Musik. Ich erinnere mich, vergangenes Jahr war ich noch mutig. In meiner Spotify-Story postete ich den Song, mit dem ich laut Spotify „alles überstanden hatte“, meinen Song des Jahres: Pietro Lombardi, Señorita. Dazu schrieb ich: „2020. Keine weiteren Fragen“. Ich erinnere mich an die Heulen-vor-Lachen-Emojis, die ich als Reaktion bekam. Aber auch an die Nachricht einer Kollegin: „Gibt einem echt Kraft ne“. Ich habe damals einen Screenshot gemacht und ihn meinem besten Freund geschickt. Ich wollte ihm damit sagen: Siehst du, ich bin nicht alleine!

Dieses Jahr hatte ich – neben der Vorliebe für Guilty-Pleasure-Musik – auch noch Liebeskummer. Dazu dank Corona überdurchschnittlich viele WG-Partys, an denen mein unbegrenztes Datenvolumen als DJ herhalten musste. Ich wusste also: Es musste schlimmer werden als Pietro Lombardi. Und es wurde schlimmer.

Mein Top-Song natürlich eine Schnulze. Was ich eigentlich nur damit fragen will, ist, schläfst du heut bei mir? Danger Dan. Ich habe ihn 54 Mal abgespielt. Unter meinen Top-Künstler:innen Justin Bieber und Ed Sheeran. Sonst fassen meine Top-Songs mein Jahr ganz gut zusammen. 2021 irgendwo zwischenVermissen von Juju und Henning May. Und Perfekt von RAF Camora. Hören Sie rein, dann wissen Sie, wovon ich rede.

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Einen kurzen Moment freue ich mich ein bisschen über die Rückblick-Playlist. Das war das Jahr in Musik. Ich denke an den Urlaub in Italien. Bulli. Sommer. Frank Ocean. Die Geburtstagsparty mit alten Hits von Sean Paul und Rihanna. An WG-Putzen mit Apache 207. Aus meinem Handy singt Pietro Lombardi: Du bist meine Cinderella ella eh. Baby du bist anders als die andern. Natürlich ist er auch dieses Jahr dabei. Ich muss grinsen.

In den Instagram-Stories gibt es kein anderes Thema

Dann entdecke ich unter jeder der quietschbunten Stories mit Statistiken meines schlechten Musikgeschmacks einen kleinen Button „Diese Story teilen“. Ein Klick also, und je­de:r wüsste um meine Nächte mit den Schnulzen von Ed Sheeran. Um meine Autofahrten mit Justin Bieber. Ich könnte sogar meine „Audio-Aura“ teilen: „Deine Top-Musikstimmungen sind wehmütig und fröhlich.“ Dazu ein Bild in Polaroid-Optik in blau-rosa Färbung. Das ist es, was Spotify also will: den musikalischen Seelenstriptease.

Und während ich noch dabei bin, meinen Rückblick mental zu verarbeiten und mir Ausreden auszudenken, warum ihn dieses Jahr wirklich niemand zu Gesicht bekommen wird, gibt es in den Instagram-Stories schon kein anderes Thema mehr: Nicht nur, dass Top-Hits, Top-Genre, Top-Künstler, Top-Podcasts geteilt werden. Es wird auch die Zeit gestoppt.

Ich fühle mich wieder wie bei den Bundes­jugendspielen in der Schule. Ein alter Freund aus der Heimat teilt in seiner Story seine gehörten Minuten: 88.481. Dazu schreibt Spotify: „Das sind mehr als 98 % der anderen Hö­re­r*in­nen in Deutschland“. Glückwunsch! Als hätten wir nicht schon genug Leistungsdruck.

Sogar auf Twitter, der Profilierungs-Plattform für Jour­na­lis­t:in­nen und Politiker:innen, wird mit Rückblicken geprahlt. Natürlich anders. Mit Rekordminuten von Nachrichten-Podcasts zum Beispiel (3.365 Minuten „Was jetzt?“!). Mein Top-Podcast 2021 ist „Gemischtes Hack“. Zwei weiße Cis-Männer, die sich über irgendeinen Scheiß unterhalten.

Spotify abzuschaffen ist auch keine Lösung

Apropos Männer: Letztens hat mir eine Freundin von ihrem Date erzählt. Der Typ habe sie gefragt, ob er mal in ihr Spotify gucken dürfe. Ich lache, als ich die Geschichte höre. Was ein Idiot, denke ich. Aber insgeheim frage ich mich natürlich: Was hätte er wohl beim Anblick meiner von Spotify generierten Mixtapes gesagt?

Mixtape 1: Jorja Smith, Tom Misch, Sampa the Great. Darauf wäre ich noch stolz. Mixtape 5: Kelis, Sugababes, Craig David. Die würde ich auf die letzte WG-Party schieben. Das wäre nicht mal ganz gelogen. Aber wie erkläre ich Mixtape 2? Das Bild von Bibi und Tina, in der Liste Pferdeabenteuer aus meiner Kindheit. Ich könnte es nicht auf meine Kinder schieben. Ich habe keine Kinder. Ich habe nur seit 30 Jahren die Tradition, mit Bibi einzuschlafen. Es beruhigt mich. Und Spotify versteht nicht, dass alte Kassetten keine Alben sind. Jetzt ist es raus.

Spotify abzuschaffen ist trotzdem keine Lösung. Lieber würde ich die App um eine Funktion erweitern. Um einen neuen Button. Einen Guilty-Pleasure-Button. Ein Ich-höre-das-gerne-aber-bitte-merk-es-dir-nicht-Button.

Wenigstens eine Freundin schreibt auf Instagram „Ich schäme mich nicht“ über ihren Top-Song 2021: Nelly Furtado, Maneater. Super Song übrigens! Dann spült mir mein Instagram-Algorithmus (schon wieder Überwachung!) ein bekanntes Meme in die Timeline. Ein schöner Mann mit Sonnenbrille steht an einer Straßenecke und hält ein Pappschild hoch. Darauf steht in Großbuchstaben: „HÖRT AUF EUREN SPOTIFY JAHRESRÜCKBLICK ZU POSTEN. ES INTERESSIERT EH NIEMANDEN, WER EUER MEIST GEHÖRTER ARTIST IST.“

Ich atme auf. Endlich jemand, der mich versteht. Dann schließe ich Instagram, öffne Spotify, drücke auf Play und schlafe zu vertrauter Stimme ein: Das sind Bibi und Tina, auf Amadeus und Sabrina. Merk’s dir doch, Spotify. Ich stehe dazu. Ich habe ja eh keine Wahl.

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